Mythischer Fußball Viele Rätsel, wenig Wissen

Im Fußball gibt es viele Wahrheiten: Der Gefoulte soll nicht selbst den Elfmeter schießen. Man muss zügig von Abwehr auf Angriff umschalten, viel über die Flügel spielen. Für den Sportwissenschaftler Roland Loy ist das nur Gerede. Er fordert jetzt eine Task Force.

Roland Loy ärgert sich, und das schon seit Jahren. Ihn nerven die "unsäglichen Behauptungen" von Trainern, Managern und Spielern über Fußball. Deshalb hat der Sportwissenschaftler aus München einen offenen Brief geschrieben und ihn "An alle Beteiligten am Fußball in Deutschland" adressiert. Dieser Brief ist nicht weniger als 55 Seiten lang und trägt den Titel "Die Wahrheit über den Fußball". Man kann diese Wahrheit in einem Satz zusammenfassen: Wir wissen nichts über Fußball. Wir wissen nicht, wie man Spiele gewinnt und warum man sie verliert. Wir wissen nicht, ob man durch die Mitte angreifen sollte oder über die Flügel, ob man besser schnell spielt oder langsam. Und die meisten Behauptungen, die jeden Tag über Fußball gemacht werden, sind nichts als Behauptungen.

Roland Loy, 45, ist ein Schüler des "Fußballprofessors" Dettmar Cramer und war sportlicher Berater von Franz Beckenbauer, als er Olympique Marseille trainierte. Loy hat die ran-Datenbank mit aufgebaut und ist heute fachlicher Berater der ZDF-Sportredaktion. In den vergangenen Jahren hat er mehr als 3000 Fußballspiele analysiert und die Ergebnisse in dem zweibändigen Opus "Taktik und Analyse im Fußball" aufgeschrieben. Der Mann weiß also, wovon er spricht.

Loy hat festgestellt, dass Fußball auch nach 150 Jahren ein weitgehend ungelöstes Rätsel ist. "Wir sind Lichtjahre davon entfernt zu verstehen, wie der Fußball funktioniert und es trennen uns sogar ganze Galaxien davon zu wissen, wie Erfolg im Fußball zu Stande kommt", schreibt er.

Loy weiß allerdings, dass viele Klassiker des Fußballwissens schlichtweg falsch sind. "Der Gefoulte soll den Elfmeter nicht selbst ausführen" stimmt nicht. Nach der Auswertung von 1000 Elfmetern kann Loy sagen, dass die Quote bei 75 Prozent verwandelter Strafstöße liegt. Ob gefoulte oder nicht gefoulte Spielern geschossen haben, ist völlig egal. Auch die ewige Wahrheit "Never change a winning team" hält der Überprüfung nicht stand.

Falsch ist ebenfalls, dass die Mannschaft gewinnt, die mehr Zweikämpfe für sich entscheidet, selbst wenn der europäische Fußballverband Uefa das in einer seiner Schriften verkündet. In Wirklichkeit siegt nur in 40 Prozent der Spiele das Team, das mehr Zweikämpfe gewonnen hat. Das Spiel über die Flügel ist auch nicht erfolgreicher als das durch die Mitte, selbst wenn Oliver Bierhoff, Günter Netzer oder Otto Rehhagel das standhaft behaupten. Die Quote von zwei Prozent Toren ist nach Angriffen über Außen oder die Mitte gleich.

Außer solch eindeutig falschen Behauptungen gibt es noch eine Fülle jener, die bislang nicht überprüft wurden. Es klingt immer gut, wenn Trainer das schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff fordern, wie es etwa Bundestrainer Joachim Löw tut. Es erscheint sogar logisch, weil dann mehr Platz ist und der Gegner meist nicht so geordnet, aber wirklich erwiesen ist es nicht. Ähnliches gilt für die berühmten "Schnittstellen in der Viererkette", die nicht nur auf Rat von DFB-Chefscout Urs Siegenthaler gesucht werden sollen.

Auch da weiß man nicht, ob es nicht viel besser wäre, über die Flügel daran vorbei zu spielen oder mit langen Bällen über sie hinweg. Und wann ist eigentlich ein Pass angebracht und wann ein Dribbling? Muss man bei nassem Rasen wirklich aus der Distanz schießen, obwohl doch aus mehr als 27 Metern Entfernung nur jeder 70. Schuss im Tor landet?

"Sinnloser als Fußball ist nur noch eins: Nachdenken über Fußball", hat der Schriftsteller Martin Walser gesagt. Loy lässt sich davon nicht irritieren. Er ist Wissenschaftler, streitet für überprüfbares, abgesichertes Wissen und muss feststellen, dass es das im Fußball kaum gibt. Niemand weiß wirklich, welche Wege zum Sieg führen, oder ob der wichtigste Faktor nicht einfach der Zufall ist. Bei vier von zehn Toren spielen nämlich Zufälligkeiten wie Abpraller, Platzfehler oder abgefälschte Schüsse die entscheidende Rolle.

Ob man angesichts so viel ungesicherten Wissens gleich eine Task Force in Sachen Fußballtaktik gründen muss, wie Loy es fordert, sei mal dahin gestellt. Er hat aber sicherlich Recht damit, dass es verblüffend ist, wie wenig sich der Fußball um eine solide Basis von Erkenntnis kümmert. Zumal immer mehr Geld für wachsende Trainerteams ausgegeben wird. In anderen Branchen würde man wohl von mangelnder Grundlagenforschung sprechen. Aber vielleicht steckt in der Weigerung, diese betreiben zu wollen, auch der tiefe Wunsch, Fußball weiterhin spielerisch zu begreifen. Oder um es mit dem ehemaligen Manager Reiner Calmund zu sagen: "Im Fußball ist es wie im Eiskunstlauf - wer die meisten Tore schießt, der gewinnt."

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