Nach Remis gegen Neuseeland Lippis Lippenbekenntnisse

Zweites Spiel, zweites Remis: Titelverteidiger Italien droht bei der WM schon nach der Vorrunde das Aus. Trainer Marcello Lippi demonstriert derweil Zweckoptimismus und sagt: "Von Panik kann überhaupt keine Rede sein." Aber am Ende könnte sogar das Los über das Schicksal seines Teams entscheiden.
Italien-Coach Lippi: "Alle Waffen ausprobiert"

Italien-Coach Lippi: "Alle Waffen ausprobiert"

Foto: Alessandra Tarantino/ AP

Hamburg - Erst sagte er: "Wir haben alles gegeben." Dann hieß es: "Wir hatten kein Glück." Und schließlich: "Wir müssen jetzt die Ärmel hochkrempeln." Es waren typische Entschuldigungen, Ausreden und halbgare Weisheiten, die Italiens Nationaltrainer Marcello Lippi nach dem peinlichen 1:1-Unentschieden gegen Neuseeland zum Besten gab. Äußerlich war er um Gelassenheit bemüht, doch seine Worte wirkten wie Lippenbekenntnisse. Von "alles gegeben" konnte beim Weltmeister gegen den 78. der Weltrangliste kaum die Rede sein, eher von alles falsch gemacht.

1:1 gegen Paraguay, 1:1 gegen Neuseeland: Erstmals seit 1974 droht Italien wieder ein WM-Vorrunden-Aus. Während die Tifosi daheim schockiert sind, demonstriert Lippi mehrere tausend Kilometer weiter südlich Coolness - und erinnert an glorreiche Zeiten. Bei der WM in Spanien 1982 habe die "Squadra Azzurra" auch schlecht begonnen. "Da sind wir mit drei Unentschieden gestartet", sagte Lippi und verwies genüsslich auf die damalige Ausbeute. Am Ende wurde Italien durch einen 3:1-Sieg im Finale gegen Deutschland zum dritten Mal Weltmeister. Daher sagt Lippi: "Bleibt alle ruhig und wartet ab."

Vom Titel-Glanz vergangener Tage war gegen die "All Whites" allerdings nichts zu sehen. Shane Smeltz hatte Neuseeland in Führung gebracht (7.), nur durch einen von Vincenzo Iaquinta verwandelten Foulelfmeter konnten die Italiener die totale Blamage abwenden (29.). Lippi riskierte in der Folgezeit viel, ließ immer offensiver spielen, doch was die Italiener auch versuchten - sie scheiterten an sich selbst oder an Mark Paston im neuseeländischen Tor.

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Italien vs. Neuseeland: Weltmeister ohne Fortune

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"Es war ein Spiel, das wir hätten gewinnen müssen. Das lag nicht an fehlendem Willen, aber die geistige Frische hat uns schon gefehlt", sagte Lippi nach der Partie. "Wir haben nicht viel von dem gezeigt, was wir können. Wir können viel mehr", so der 62-Jährige. Das alles wirkte jedoch belanglos im Gegensatz zu dem, was Lippi anschließend sagte: "Ich habe heute alle Waffen ausprobiert, die ich im Arsenal hatte. Es hat nicht gereicht." Es war ein Eingeständnis.

Was Lippi nicht sagen wollte, indirekt aber dennoch aussprach: Italien kann es derzeit nicht besser. Und vom Titelgewinn sind die Italiener derzeit so weit entfernt wie Rom von Johannesburg.

Fliegende Tomaten für die Versager

Dort, in der südafrikanischen Metropole, steht Italien am Donnerstag das entscheidende Match gegen die Slowakei bevor (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Gewinnt der viermalige Weltmeister, steht er im Achtelfinale, verliert er, ist das Turnier für die "Squadra Azzurra" vorzeitig beendet. Im Falle eines Unentschiedens kommt es auf die andere Partie zwischen Paraguay und Neuseeland an. Ein Sieg der "All Whites" würde dann Italiens Aus besiegeln, ein Sieg Paraguays das Weiterkommen bedeuten. Enden beide Spiele remis, kommt es auf das Torverhältnis an. Dort liegen Italien und Neuseeland gleichauf (2:2). Bedeutet: Wer das torreichere Unentschieden erzielt, steht im Achtelfinale. Enden beide Partien jedoch identisch, muss das Los entscheiden.

Dieses Horror-Szenario wollen Lippi und sein Team unbedingt vermeiden. Auch, um einem Tomaten-Hagel in der Heimat zu entgehen. So wurde die italienische Nationalmannschaft nämlich 1966 nach ihrer Rückkehr aus England von den eigenen Fans begrüßt. Italien war damals nach der Vorrunde ausgeschieden, die Tifosi daheim waren stinksauer. Nicht auszuschließen, dass die roten, saftigen Nachtschattengewächse auch 44 Jahre später wieder zum Einsatz kommen.

Mit Material von sid und dpa
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