Nach Titel-Entscheidungen Fans in Istanbul und Barcelona drehen durch, Mourinho sorgt für Eklat

Randale in Istanbul: Erst feierten die Fans die vermeintliche Meisterschaft, dann verwüsteten sie das Stadion. Barcelona hingegen ist tatsächlich Champion - dennoch machten auch hier Anhänger Krawall. Gar nicht feiern wollte Inter-Trainer José Mourinho, der Mailands Titel-Party fernblieb.

REUTERS

Hamburg - Schwere Ausschreitungen in Istanbul: Nachdem Fenerbahce mit Trainer Christoph Daum den Meistertitel in der Süper Lig mit einem 1:1 gegen Trabzonspor verspielt hatte, kochten die Emotionen über. Rund um das Stadion und in der Innenstadt hielt die Polizei randalierende Anhänger zum Teil mit Wasserwerfern in Schach. Daum wurde zwei Stunden nach dem Schlusspfiff von Polizisten aus dem Stadion eskortiert, um ihn vor aufgebrachten Fans zu schützen.

Dabei hatten Spieler und Fans schon gefeiert, nachdem Stadionsprecher Hakan Bingöl in der Nachspielzeit den vermeintlichen Ausgleich von Besiktas bei Titelkonkurrent Bursaspor vermeldet hatte. "Fener" wähnte sich für sechs Minuten als Meister, die Fans drangen auf das Spielfeld, um zu feiern. Es waren Szenen, die an Schalke 04 im Bundesliga-Titelkampf 2001 erinnerten. Doch die Ansage des Stadionsprechers war falsch. Bursaspor zog im Fernduell durch ein 2:1 doch noch an Fenerbahce vorbei.

Danach entlud sich die ganze Enttäuschung der Fener-Fans. Sie stürmten den Presseraum, verwüsteten das Stadion und beschädigten ein Teil des Stadiondachs durch gelegte Brandsätze. Der Club beziffert den Schaden auf zehn Millionen Euro. Weil die Feuerwehr ausrücken musste, wurde auch der Rasen in Mitleidenschaft gezogen und muss nun neu verlegt werden. Fenerbahce-Präsident Aziz Yildirim droht unterdessen noch ein rechtliches Nachspiel: Er soll Stadionsprecher Bingöl mit Tritten und Schlägen traktiert haben.

Ausschreitungen auch in Barcelona

Auch in Barcelona ist es nach der Titel-Entscheidung zu schweren Ausschreitungen gekommen - obwohl Barça im Gegensatz zu Fenerbahce den Titel gewonnen hatte. Im Anschluss an die Siegesfeier lieferten sich Randalierer in der katalanischen Metropole Straßenschlachten mit der Polizei. Nach Angaben der Rettungsdienste wurden 120 Menschen verletzt, darunter 32 Polizeibeamte. 104 Gewalttäter wurden festgenommen.

40.000 Barça-Fans hatten auf der Flaniermeile Las Ramblas den 20. Meistertitel des Teams von Trainer Josep Guardiola gefeiert. Die Ausschreitungen begannen nach Mitternacht, als die meisten Fans sich bereits auf den Heimweg gemacht hatten. Die Krawalle wurden nach Angaben der Sicherheitskräfte von jungen Leuten ausgelöst, die auf ein Baugerüst geklettert waren und eine Abdeckplane in Brand gesetzt hatten.

Als die Polizei einschritt, wurden die Beamten von den Randalierern mit Flaschen und Steinen beworfen. Anschließend zogen Gruppen von Gewalttätern durch das Zentrum der Stadt und setzten Müllcontainer in Brand, zerschlugen Schaufensterscheiben, plünderten Geschäfte und beschädigten parkende Autos.

Mourinho bleibt Inters Meisterfeier fern

Erst liefen bei José Mourinho die Freudentränen, dann sorgte Inter Mailands Trainer bei der Meisterfeier für einen Eklat. Der exzentrische Portugiese verweigerte nach dem entscheidenden 1:0-Sieg beim AC Siena die obligatorischen Jubelfotos mit der Mannschaft und nahm später auch nicht an den Club-Feierlichkeiten in Mailand teil. "Freude, Tränen und Gift" titelte daher die Tageszeitung "Corriere dello Sport".

Später legte Mourinho verbal nach. "Manchmal habe ich mich hier nicht zu Hause gefühlt. Es ist nicht das Umfeld, in dem ich glücklich arbeiten kann. Aber wenn man arbeitet, muss man alles geben, und ich habe es getan", sagte der 47-Jährige. Mit den provokanten Aussagen, so wird in Italien gemutmaßt, wolle er seinen Abschied zu Real Madrid forcieren. Mourinho selbst behauptet jedoch, dass noch keine Entscheidung über seine Zukunft gefallen sei. Das sei erst nach dem Champions-League-Finale am kommenden Samstag gegen den FC Bayern (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ein Thema - das Spiel findet ausgerechnet in Madrid statt.

ham/sid/dpa



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razorfish, 17.05.2010
1. Aus der D(r)aum!
Nein, es ist keine Schadenfreude, Nein, es ist keine Häme, Nein, ich empfinde keine Genugtuung! Und trotzdem, ganz ehrlich: Irgendwie finde ich es schon extrem geil, dass dieser egozentrische Blender die Quittung bekommen hat! Wer meint, einen ganzen Verein (und damit meine ich zuletzt den FC Köln) nach Strich und Faden verarschen zu können, bekommt offenkundig doch relativ umgehend die Quittung dafür. Insofern ist es allein mein Gerechtigkeitssinn der sich freut *hüstel* und keine Häme, keine Schadenfreude...
sponkri 17.05.2010
2. "aus der (d)raum" in Köln wie in Istanbul gescheitert
Zitat von razorfishNein, es ist keine Schadenfreude, Nein, es ist keine Häme, Nein, ich empfinde keine Genugtuung! Und trotzdem, ganz ehrlich: Irgendwie finde ich es schon extrem geil, dass dieser egozentrische Blender die Quittung bekommen hat! Wer meint, einen ganzen Verein (und damit meine ich zuletzt den FC Köln) nach Strich und Faden verarschen zu können, bekommt offenkundig doch relativ umgehend die Quittung dafür. Insofern ist es allein mein Gerechtigkeitssinn der sich freut *hüstel* und keine Häme, keine Schadenfreude...
[QUOTE=razorfish;5523767]dieser egozentrische Blender die Quittung bekommen hat! Wer meint, einen ganzen Verein (und damit meine ich zuletzt den FC Köln) nach Strich und Faden verarschen zu können, bekommt offenkundig doch relativ umgehend die Quittung dafür. ein Verein bzw. dessen Fans, die nach dem ersten Jahr in der Bundesliga schon die Europa Leaque anvisieren, fallen auf Sprüchekloper wie Herrn Daum herein. Daum und seine Art waren vorher bekannt, folglich war das eine selbsteingebrockte Suppe. Man bekommt, was man verdient.
Demagoge 17.05.2010
3. Primitivensport
Fussball als Breitensport ist Primitivensport. Nichts gegen ein engagiertes Match von zwei Hobbymannschaften nach der Arbeit zum Ausgleich - aber was weltweit insbesondere im Fanbereich abgeht, ist das Ausleben primitivster gewalttätiger Instinkte. Was da in den öffentlichen Stadien aus gutem Grund in käfigartigen Konstruktionen gehalten wird, spottet jeder Beschreibung. Dass diese ebenso abstossenden wie uninteressanten "Sport"ereignisse von Institutionen und Medien dermassen in den Vordergrund gespielt werden, hat m.E. nur einen Grund: Der Bürger soll vom Nachdenken über die z.T. desaströsen Zustände in den diversen Staatsgebilden abgehalten werden (Wen schert schon der baldige Wirtschaftskollaps, wenn nur die eigene Mannschaft Weltmeister wird ...!) "Brot und Spiele" haben schon die römischen Diktatoren benützt, um den Pöbel ruhigzustellen - nur dass es mit dem Brot in Europa vermutlich schon bald zu Ende gehen wird ...
lhqweginger 17.05.2010
4. Fußballverbot...?
Wenngleich es sich vermutlich mal wieder nur um die vielzitierten "paar Idioten" handelt, die den "echten Fans" alles kaputtmachen, kann man bei den Bildern schon nachdenklich werden. Immerhin häufen sich diese "vereinzelten" Zwischenfälle doch zunehmend - zuletzt ja auch in Deutschland bei Hertha BSC. Schon merkwürdig, dass die öffentliche Debatte so marktschreierisch in Gang kommt, wenn es zum Beispiel um eine "Ultimate Fighting"-Veranstaltung in Deutschland oder die dazugehörigen Fernsehübertragungen geht, während das unglaubliche Gewaltpotential im Fußball einfach weggelächelt wird. Wer an den Wochenenden mal in den Regionalzügen des Ruhrgebiets unterwegs ist, wo Fußballfans von A nach B reisen, und die mitreisenden Polizeihundertschaften in den Zügen - schwerst gepanzert und bewaffnet - sieht, dem kann schon mulmig werden. Man stelle sich nur einmal den Eklat vor, ein Land würde den Spielbetrieb seiner Liga verbieten, weil die Sicherheit einfach nicht zu gewährleisten ist bzw. der Aufwand zur Sicherstellung ebendieser deutlich zu hoch ist. Das Gezeter wäre groß (und für Viele der vermutlich einzige vorstellbare Grund, mal auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren) - aber konsequent wäre es!
Münchner-Kindl 17.05.2010
5. @Demagoge
Kann es sein das sie ein wenig an Paranoia leiden? Man kann auch in alles die wildesten Dinge reininterpretieren... Ich denke ja das Fußball erfunden wurde um vom 11. September abzulenken.
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