Nachbericht Portugals gescheiterte Mission

Portugals Helden sind zum zweiten Mal gegen Frankreich in einem EM-Halbfinale gescheitert. Der Zorn von Figo & Co. richtete sich nach dem "Golden Goal" von Zinedine Zidane in erster Linie auf das Schiedsrichtergespann.

Von Katrin Weber-Klüver


Portugiesischer Furor: Luis Figo und seine Kameraden knöpfen sich Linienrichter Igor Sramkan aus der Slowakei vor
DPA

Portugiesischer Furor: Luis Figo und seine Kameraden knöpfen sich Linienrichter Igor Sramkan aus der Slowakei vor

Brüssel - So endet ein Spiel. Nuno Gomes erinnerte sich später, als seine Tränen getrocknet waren, auf seine Weise. Daran, dass er dem österreichischen Schiedsrichter Günter Benkö sein Trikot habe übergeben wollen, damit der "das Spiel nicht mehr vergisst". Dass aber Benkö es dann nicht genommen, und Gomes es ihn daraufhin vor die Füße geworfen habe. Posthum sozusagen, als das Spiel schon beendet und für Portugal verloren war, sah Gomes für sein Verhalten die rote Karte. Mitbekommen hat er die Abstrafung nicht mehr. Sie musste ihm erzählt werden.

Aber das Nachspiel zu diesem ersten Halbfinale war da nicht mehr wichtig. Für die Partie entscheidend war gewesen, was Minuten zuvor in Brüssel passiert war. In der 116. Minute hatte Abel Xavier sich am eigenen Tor in einen Schuss von Sylvian Wiltord gestürzt, woraufhin der slowakische Linienrichter Igor Sramkan seinem Chef auf dem Platz Mitteilung machte: Handspiel. "Eine Anwendung der Regeln" nannte das in seiner üblichen Temperamentlosigkeit Frankreichs Trainer Roger Lemerre, und als solche "ein großer Moment für das Schiedsrichterwesen".

Was nach dem Hinweis Sramkans folgte, waren verzweifelt wütende Proteste der Portugiesen, und ein Strafstoß, den Zinedine Zidane sehr souverän zum ersten Golden Goal des Turniers verwandelte. Frankreich steht seit der 117. Minute dieses Halbfinales im König Baudouin Stadion im Endspiel der Europameisterschaft. Portugal aber ist ein weiteres Mal der Rolle des tragischen Verlierers gerecht geworden.

Die Tragik ist keine tief reichende, die den Verlauf des Spieles spiegeln würde. Denn das Spektakel, das am Ende um diesen berechtigten Elfmeter stattfand, war nur oberflächlich, eine zornige Entladung von Emotionen, die die Portugiesen davon abgelenkt oder darüber hinweggetröstet haben mag, dass sie ihrem eigenen Anspruch in dieser Begegnung nicht hatten gerecht werden können.

Tatsächlich war der Sieg der Franzosen schlichtweg verdient. Die Mannschaft hatte zwar in der ersten Halbzeit zu kämpfen, weil Portugals Elf, so wie es sich ihr Trainer Humberto Coelho gewünscht hatte, konzentriert und erfolgreich die Defensive organisierte. Aber in der zweiten Halbzeit hatte es keinen Zweifel mehr daran gegeben, welches Team das überlegene war.

Nachgerade monströs nahmen die Franzosen die Portugiesen auseinander, physisch den Außenseitern weit überlegen. Und während Luis Figo bei den Portugiesen nie der Rolle des souveränen, ideenreichen Anführers gerecht werden konnte, nahm sich Zinedine Zidane des Spiels immer mehr an. Dabei hatte er anfangs gewirkt, als habe er ob der bleiernen Schwere der eigenen Elf und der Aufopferungsbereitschaft er Gegenseite, richtig schlechte Laune. Ein ums andere Mal ergaben sich so in der zweiten Hälfte Chancen für die Franzosen, das Spiel zu entscheiden, weil die Löcher in der portugiesischen Abwehr immer größer wurden.

Aber die Franzosen konnten kein zählbares Kapital daraus schlagen. Was sie taten, war das unbedingt Nötige. Nämlich den überraschend gefallenen Führungstreffer der Portugiesen durch Nuno Gomes (19. Minute) gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit zu egalisieren, als Henry (51.) eine französische Kombination über Thuram und Anelka ohne Gegenwehr der Portugiesen abschloss. Faktisch war da das Spiel entschieden, weil Portugal die Kraft fehlte, sich noch einmal zur Wehr zu setzen. Schon in der regulären Spielzeit fand es nur kein Ende, weil Frankreich von einer alten Schwäche heimgesucht wurde. Der, dass die Stürmer, auch wenn man sie ein ums andere Mal ins Spiel bringt, doch das Tor nicht treffen. Dem Gefühl, überlegen und verdient siegreich aus diesem Spiel hervorgegangen zu sein, tat das bei keinem der Franzosen einen Abbruch.

Hand! Während Frankreichs David Trezeguet den Schiedsrichter auf das Vergehen von Abel Xavier (im Hintergrund) aufmerksam macht, versucht sich der Täter durch eine Übersprungshandlung (Hasentod) aus der Affäre zu ziehen
REUTERS

Hand! Während Frankreichs David Trezeguet den Schiedsrichter auf das Vergehen von Abel Xavier (im Hintergrund) aufmerksam macht, versucht sich der Täter durch eine Übersprungshandlung (Hasentod) aus der Affäre zu ziehen

Der Schaden bei den Portugiesen ist nahe liegend ungleich größer. Die Verzweiflung der wütenden Spieler, die Betrug und Verschwörung witterten ob des Strafstoßentscheids, wurde nur noch bestätigt durch Coelhos nüchterne Erklärung, seinen Job als Nationaltrainer nun aufzugeben. Er teilte seine Entscheidung in einer mutmaßlich eher aufgesetzten Gelassenheit nach dem Spiel mit. Vielleicht war sie schon längst gefallen und wäre auch nach einem Finaleinzug oder gar Titelgewinn erfolgt. Was nun bleibt, wo Portugal, wie bereits vor 16 Jahren, in einem EM-Halbfinale an Frankreich gescheitert ist, ist Tristesse. "Das kleine Land mit der großen Sehnsucht" (Joao Pinto) muss weiter träumen.

Nuno Gomes war nicht der Einzige, der weinte an diesem Abend. Auf der anderen Seite standen den Tränen Portugals die abgeklärten Gewinner in den weißen Trikots gegenüber, deren durchorganisierte Überlegenheit und Effektivität langsam beängstigende Formen annimmt. Weder Italien noch Holland können sich darauf freuen, im Endspiel gegen Zidane und seine zehn Gesellen antreten zu müssen.



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