Portugal-Star Chalana gestorben Der Zauberer mit dem Asterix-Schnurrbart

Fernando Chalana gehörte zu den überragenden Fußballern Portugals. Vor allem bei der EM 1984 glänzte er, es war sein großes Turnier. Nun ist er im Alter von nur 63 Jahren gestorben.
Fernando Chalana im Trikot von Girondins Bordeaux: Ein Herrgott von einem Dribbler

Fernando Chalana im Trikot von Girondins Bordeaux: Ein Herrgott von einem Dribbler

Foto: GERARD FOUET; PIERRE CIOT / AFP

In den Siebziger- und Achtzigerjahren war Fußball noch nicht so allgegenwärtig, vor allem dann nicht, wenn er anderswo als in der Heimat gespielt wurde. Da konnte es gut sein, dass Spieler schon jahrelang in ihrem Land zauberten, verehrt von den Fans, ohne dass man in Deutschland davon groß Notiz nahm.

Diese Spieler brauchten die große Bühne, Weltmeisterschaften. Europameisterschaften, um international ins Licht zu rücken. Fernando Chalana bekam seine Bühne, 1984 bei der EM in Frankreich.

Chalana war damals schon 25, spielte seit acht Jahren bei Benfica in Lissabon, fünfmal war er mit seinem Verein Meister geworden, mit 17 bereits war er 1976 zu Portugals Fußballer des Jahres gekürt worden. Chalana war tatsächlich ein Zauberer auf dem Rasen, mit dem Ball innig verbunden.

Ein Asterix-Held

Chalanix wurde er genannt, wie eine Figur aus den Asterix-Comics, er verdankte das seinem Schnauzbart, mit dem er so aussah, als käme er aus dem berühmten gallischen Dorf. Und da ist es dann doch äußerst passend, dass Frankreich, das Land der Gallier, seine große Bühne wurde, genauer gesagt: das Halbfinale gegen die Gastgeber am 23. Juni 1984 im Stade Vélodrome von Marseille.

Schon bis zu diesem Spiel hatte er sich einen Namen bei dem Turnier gemacht, die Portugiesen hatten immerhin Deutschland, den Titelverteidiger, aus dem Wettbewerb geworfen. Dazu reichte allerdings ein 0:0 im ersten Gruppenspiel und die Dummheit, mit der sich das Team von Bundestrainer Jupp Derwall anschließend in der Gruppenphase angestellt hatte.

Ausnahmsweise mal das Trikot in der Hose

Ausnahmsweise mal das Trikot in der Hose

Foto: - / AFP

Chalana hatte das Trikot meistens aus der Hose hängen, lässig wirkte er, aber im nächsten Moment konnte er antreten wie Asterix, wenn er den Zaubertrank geschluckt hatte. Er war ein Herrgott von einem Dribbler, mit einem grandiosen Ballgefühl ausgestattet, seine Flanken kamen butterweich und auf den Punkt, meistens stand dann da vorne Jordao, der geniale Torjäger von Sporting Lissabon, und vollendete.

Klarer Außenseiter im Halbfinale

Diese EM, sie war das erste Mal, das Portugal seit Eusebios Zeiten wieder an einem großen Turnier teilnehmen durfte. Portugals Fußball war aus der großen Öffentlichkeit verschwunden, Chalana und Jordao brachten ihn wieder zurück.

Dennoch waren die Portugiesen an diesem Abend die klaren Außenseiter. Frankreich, das war das Team von Michel Platini, dem Sonnenkönig, von Alain Giresse, Luiz Fernandez, von Jean Tigana, Bernard Lacombe und Didier Six. Jeder in Frankreich erwartete den EM-Titel von dieser glorreichen Mannschaft. Portugal konnte nur ein kleines Hindernis auf dem Weg ins Finale sein.

Zumal das Spiel standesgemäß begann, die Franzosen gingen schnell 1:0 durch einen Freistoß in Führung, erstaunlich daran war nur, dass dieser nicht von Platini, sondern seinem Verteidigerkollegen Jean-Francois Domergue geschossen worden war. Die Equipe Tricolore stürmte weiter, hatte Chance auf Chance, alles ging seinen Gang.

Chalana und Jordao drehten das Spiel

Aber dann kam Chalana. Er schlurfte manchmal nur über den Platz, dann explodierte er wieder. Erst schlug er die Flanke, die natürlich Jordao zum Ausgleich in der zweiten Hälfte verwandelte, dann brachte er seinen Mitspieler in der Verlängerung in Position – plötzlich stand es 2:1 für den großen Kleinen.

Aber zum portugiesischen Lebensgefühl gehört bekanntlich die Melancholie, die Traurigkeit dazu, und so drehten die Franzosen in den letzten dramatischen Minuten die Partie – das 3:2 schoss, selbstverständlich der König höchstpersönlich, Michel Platini. Der Weg zum Titel war frei.

Portugal, diese große Mannschaft, die so jäh wieder auf der Bildfläche Europas erschienen war, lag am Boden. Aber alles sprach danach über diesen 25-jährigen Fernando Chalana, der ins Allstar-Team der EM gewählt wurde. Den Mann, der 120 Minuten lang die Bälle angezogen hatte, der gelaufen war wie aufgezogen, der jeden Pass dorthin setzte, wo er hinkommen sollte. In Portugal wussten sie längst, dass er all dies kann. Jetzt wusste es auch Europa. Jetzt wusste es auch Frankreich.

In Bordeaux ohne Glück

Der Lohn: Chalana wurde vom Fleck weg von Girondins Bordeaux verpflichtet, von den Franzosen eingemeindet. Girondins war damals das Team, in dem der Genius Giresse spielte, sein nicht minder begnadeter Mittelfeld-Partner Tigana, vorne stürmte Dieter Müller in seinen alten Tagen. Jetzt noch Chalana, der Müller die Flanken auf Fuß und Kopf legt – das konnte doch nur gut werden.

EM-Triumphator Michel Platini 1984

EM-Triumphator Michel Platini 1984

Foto: Roland Witschel/ picture alliance / dpa

Es wurde nicht gut. Chalana war meistens verletzt, Bordeaux war sein Karriereknick, er kehrte danach noch einmal nach Lissabon zurück, wurde auch noch einmal portugiesischer Titelträger, aber der Zauber und der Zauberer, sie waren gebrochen.

Es dauerte 32 Jahre bis zum Titel

Es hat wieder gedauert, dann bekam Portugal seine nächste goldene Generation, mit Luis Figo an der Spitze. Da war es für Chalana schon zu spät, er hatte 1992 seine Laufbahn beendet. Danach versuchte er sich als Trainer. Die Magie von 1984 konnte er nie mehr greifen.

Für Figo, für Paolo Futre, einen weiteren großen Fußballer des Landes, war Chalana der Größte, ihr Vorbild. Aber erst mit Cristiano Ronaldo war Portugal irgendwann reif für einen Titel. Es dauerte nach 1984 noch 32 Jahre bis zum EM-Titel – wieder in Frankreich, wieder gegen Frankreich, wieder mit Verlängerung. Diesmal hatten die Portugiesen das bessere Ende für sich.

Chalana ist am Mittwoch gestorben, er litt an den Folgen der Alzheimerkrankheit, er wurde nur 63 Jahre alt. Sein alter Kumpel Jordao war ihm schon 2019 vorausgegangen. Jetzt kann Chalana ihn wieder mit Flanken füttern. Was für ein schwacher Trost.

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