Zum Tod von Horst Eckel Der letzte Weltmeister von Bern

Mit 22 Jahren war Horst Eckel 1954 beim »Wunder von Bern« mit von der Partie. Mit dem 1. FC Kaiserslautern feierte er national Erfolge. Dem Mythos Betzenberg blieb er bis zum Schluss verbunden.
Ein Nachruf von Benjamin Knaack
Horst Eckel und seine Trophäen

Horst Eckel und seine Trophäen

Foto: Uwe Anspach / dpa

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Wenn man das wichtigste Spiel in Horst Eckels Karriere beschreiben möchte, dann lässt man ihn am besten selbst zu Wort kommen:

»Ich sah kurz zum Uhrenturm des Wankdorfstadions. ›Ungarn–Deutschland‹ war auf zwei großen Schrifttafeln angeschlagen. Was würde in den nächsten Minuten passieren? Was würde dort nach 90 Minuten stehen? ›Es geht los‹, rief Fritz plötzlich, ›Wir haben Anstoß.‹«

3:2 für Deutschland stand am Ende am Uhrenturm des Berner Wankdorfstadions. Eckel erinnerte sich oft an diesen Moment, an das WM-Finale 1954, so auch in seiner Autobiografie »Die 84. Minute«. Das Spiel, an dessen Ende der erste Weltmeistertitel Deutschlands stand, war nicht nur für Eckel prägend, sondern für ganz Deutschland.

Fast das Siegtor verpasst

Doch fast hätte der damals 22-Jährige den entscheidenden Moment dieses Spiels verpasst: das Tor zum 3:2 durch Helmut Rahn. Der ungarische Mittelstürmer Nándor Hidegkuti kreuzte immer wieder Eckels Weg, nur ein kleiner Ausfallschritt nach links ermöglichte ihm das freie Blickfeld auf den Ball, der, aus seiner Sicht, unten links hinter dem ungarischen Torhüter Gyula Grosics einschlug.

Zwei Lauterer Jungs auf dem Höhepunkt: Fritz Walter und Horst Eckel (rechts) feiern den WM-Titel

Zwei Lauterer Jungs auf dem Höhepunkt: Fritz Walter und Horst Eckel (rechts) feiern den WM-Titel

Foto: A0009 dpa/ dpa

»Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor«, brüllte Radioreporter Herbert Zimmermann damals ins Mikrofon – und ein Land jubelte seinen neuen Helden zu.

Mittendrin: Horst Eckel, der Jüngste in der deutschen Elf. Diese 84. Minute in Bern, dieser erste Weltmeistertitel einer Deutschen Fußballnationalmannschaft sollte Eckels Leben für immer bestimmen – und zugleich Höhepunkt seiner Sportlerkarriere sein.

Beim SC Vogelbach begann er seine Laufbahn, wo er, anders als später in der Nationalmannschaft, als Stürmer auflief und durch seine enorme Treffsicherheit auffiel. 50 Tore in einer Saison waren keine Seltenheit, und so kam es, dass der 1. FC Kaiserslautern auf den jungen Eckel aufmerksam wurde.

Fritz Walter war sein Idol

Über die Jugend- und Amateurmannschaft arbeitete er sich in die erste Mannschaft vor – immer näher an sein großes fußballerisches Idol, den späteren Freund Fritz Walter heran, mit dem er bald auf dem Platz harmonierte. »Fritz war im Training, im Spiel und neben dem Platz die Führungsperson«, sagte Eckel über ihn.

Walter war es auch, der Eckels Umschulung zum Läufer (defensiver Mittelfeldspieler), gemeinsam mit seinem damaligen Coach Richard Schneider und Bundestrainer Sepp Herberger, vorantrieb – damit Eckel einen Platz in der Nationalmannschaft finden konnte. Herberger, der Chef, war begeistert von Eckels enormem Fleiß, seiner spielerischen Gewandtheit und der Klugheit seines Spiels.

Der »Windhund des Weltmeisters«

Egal ob in Vogelbach, Kaiserslautern oder in Bern: Eckel war stets einer der Jüngsten – doch ängstlich war er nach eigener Aussage fast nie. Nur in den anscheinend endlosen sechs Minuten bis zum Abpfiff in Bern nach dem 3:2: »Ich verspürte eine furchtbare Angst, dass jetzt noch etwas schiefgehen könnte«, schrieb Eckel in seiner Autobiografie.

Mit dem 1. FC Kaiserslautern feierte er zwei Meisterschaften (1951, 1953) und stand insgesamt viermal im Finale. Kaiserslautern war damals eine große Adresse im bundesdeutschen Fußball, und auch heute ist die Anerkennung Eckels als Teil des Mythos Betzenberg in der Pfalz ungebrochen.

»Eckel hat die Tradition und die Geschichte des Vereins verkörpert. Gespräche mit ihm dienten häufig als Orientierungs- oder Entscheidungshilfe«, sagte der frühere Vorstandsvorsitzende des 1. FC Kaiserslautern, Stefan Kuntz, heute Nationaltrainer der Türkei, einmal über ihn. »Sein Name steht für Werte wie Respekt, Anstand und Kameradschaft.«

Horst Eckel, der letzte WM-Held von Bern

Horst Eckel, der letzte WM-Held von Bern

Foto: Uwe Anspach / dpa

Eckel wuchs in einer unruhigen Zeit auf. Den Zweiten Weltkrieg erlebte er im Kindesalter, zur Zeit des Wirtschaftswunders war er gerade einmal Mitte zwanzig. Diese Eindrücke und Erfahrungen haben ihn nachhaltig geprägt, deshalb waren Sätze wie: »Einer für alle, alle für einen« nicht nur Phrasen für ihn.

Immer wieder betonte er dieses Zusammengehörigkeitsgefühl in der WM-Truppe 1954 und beim 1. FCK. So kam auch ein Angebot des englischen First-Division-Klubs Bristol über 150.000 Mark sowie 5000 Mark monatliches Gehalt für Eckel nicht infrage: »Als junger Spieler kam es mir nie in den Sinn, irgendwohin zu gehen und meine Mannschaft im Stich zu lassen.«

Nach Beendigung seiner Karriere arbeitete der gelernte Werkzeugmacher weiter in seinem Beruf, den er auch während seiner fußballerischen Laufbahn ausgeübt hatte. Wie viele seiner Mitspieler war er dazu gezwungen, da das Fußballergehalt allein nicht ausreichte. Ab 1970 war er als Pädagoge für Sport, Kunst und Werken an einer Realschule tätig.

Auch sozial war der »Windhund des Weltmeisters«, wie er wegen seiner Schnelligkeit genannt wurde, engagiert. 1997 folgte er seinem Freund Fritz Walter als Repräsentant der Sepp-Herberger-Stiftung, da dieser das Amt aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben konnte. Eckel besuchte Häftlinge, unterhielt sich mit ihnen und sprach ihnen Mut zu. Er wollte sie in die Gesellschaft zurückführen.

Horst Eckel verstarb heute im Alter von 89 Jahren in seinem Heimatort Vogelbach. Er hinterlässt seine Frau Hannelore, mit der er seit 1957 verheiratet war, und zwei Töchter. Der letzte Überlebende der 54er-Elf ist tot.

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