Nachruf auf Schwedens Torwart-Idol Hellström Ein Teufelskerl

Ronnie Hellström war ein großer Torwart, als er 1974 aus Schweden in die Bundesliga kam. Aber erst die Zeit in Kaiserslautern machte ihn zur Fußballlegende. Er spielte lieber beim FCK als mit Franz Beckenbauer und Pelé.
Ronnie Hellström 1981

Ronnie Hellström 1981

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Wer in den Siebzigerjahren Kind gewesen ist, musste Schweden für das Paradies halten. In den Büchern von Astrid Lindgren waren die Kinder so frei und so frech, die Wälder um Bullerbü waren so licht und hell, es musste wunderbar sein, dort zu leben und die Erwachsenen, die Prusseliese und den Messer-Jocke, an der Nase herumzuführen.

Wer in den Siebzigerjahren Kind war und sich für Fußball begeisterte, der musste die Schweden noch mehr lieben. Es gab diesen Kinderfilm »Fimpen, der Knirps«, in der ein kleiner Junge eine große Fußballkarriere in der Nationalmannschaft machte. In dem Film spielten die damaligen Nationalspieler sich selbst. Der Torwart war Ronnie Hellström.

Ronnie Hellström, diese imposante Figur, ein blonder Hüne mit einem mächtigen Schnauzbart, der sich bei der WM 1974 im legendären Regenspiel in Düsseldorf Deutschland gegen Schweden mit allem, was er hatte, den deutschen Stürmern entgegenwarf. Der Gerd Müller und Uli Hoeneß fast zur Verzweiflung brachte und am Ende dennoch vier Tore kassieren musste. Nach diesem Spiel kannten ihn alle in Deutschland.

Die Koteletten des Ralf Edström

Hellström war der Rückhalt einer schwedischen Mannschaft, deren Namen jeder in Erinnerung behalten hat, der damals zuguckte. Roland Sandberg, der schnelle Flügelstürmer, Ralf Edström mit seinen beeindruckenden Koteletten, der vierschrötige Kapitän Björn Nordquist, Angreifer Ove Kindvall, der Feyennoord Rotterdam vier Jahre zuvor zum Europapokalsieg geschossen hatte, und Conny Torstensson, der als Schwede beim FC Bayern in der Bundesliga stürmte.

Hellström im legendären Campari-Trikot des FCK im Duell mit Landsmann Conny Torstensson vom FC Bayern

Hellström im legendären Campari-Trikot des FCK im Duell mit Landsmann Conny Torstensson vom FC Bayern

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Ausländische Profis in der Bundesliga waren damals noch eine Seltenheit, daher war es schon noch etwas Besonderes, dass dieser Torwart Hellström, der bei der WM die Deutschen so beeindruckt hatte, nach dem Turnier in die Bundesliga wechselte. Zum 1. FC Kaiserslautern – mit Sandberg spielte dort bereits einer, den Hellström bestens aus der Nationalmannschaft kannte.

Er hatte schon vor der WM beim FCK unterschrieben, eigentlich wollte er zum 1. FC Köln wechseln, aber Lauterns Präsident hatte ihn bei einem Besuch in Schweden überzeugen können, in die Pfalz zu gehen. Eine bessere Entscheidung hat Hellström vermutlich nicht treffen können.

Eine große Lauterer Zeit

Zehn Jahre blieb Hellström den Roten Teufeln treu, es war von beiden Seiten Liebe auf den ersten Blick. Die damalige Lauterer Mannschaft hatte viele ikonische Figuren, ab sofort war Hellström einer von ihnen. Es gehört zum Wundervollen des Fußballs, dass man nur Namen aus der Vergangenheit fallen lassen muss, und im Kopf beginnen die Assoziationen. Hans-Peter Briegel, Ernst Diehl, der Kapitän, Jürgen Joschi Groh, Werner Melzer, Klaus Toppmöller, später kamen Wolfgang Wolf, Friedhelm Funkel, Beppo Hofeditz und Hannes Bongartz, der Spargel, hinzu.

Und all die, die schon nicht mehr unter den Lebenden weilen, es sind bereits viel zu viele: Seppl Pirrung, Johannes Riedl, Rainer Geye, Heinz Stickel, Walter Frosch, Hans-Günter Neues, Reinhard Meier. Hellström gehört jetzt auch dazu.

In der Pfalz erlebte Hellström zwei Pokalendspiele gegen den HSV und Eintracht Frankfurt, beide gingen verloren, er hat am Betzenberg heiße Europokalnächte miterlebt, mitgeprägt, er hat in der Bundesliga gegen die Bayern gehalten so, wie man das von einem Roten Teufel nicht besser erwarten kann: als ein Teufelskerl.

Auch nach mehr als 40 Jahren unvergessen

266 Mal hat er für die Lauterer auf dem Platz gestanden, in der Atmosphäre am Betzenberg hat häufig genug die Luft gebrannt, aber Hellström stand dort hinten mittendrin immer als die Ruhe in Person, besonnen, ein durch und durch freundlicher Zeitgenosse sowieso, geduldig und zugewandt zu den Fans. So wird man zu einem, den man in der Pfalz auch mehr als 40 Jahre später nicht vergessen hat.

Ronnie Hellström im Jahre 2019

Ronnie Hellström im Jahre 2019

Foto: Oliver Dietze / dpa

Die Schweden beim 1. FC Kaiserslautern, das war eine damalige Erfolgsgeschichte. Erst Hellström und Roland Sandberg, anschließend kam auch noch Benny Wendt. Alle drei stehen für eine große Zeit beim FCK, aber keiner hat so nachhaltige Erinnerungen hinterlassen wie jener Torwart. Als im Dezember die Nachricht kam, dass Hellström unheilbar an Krebs erkrankt ist, hat das viele in der Pfalz berührt.

Angefangen hatte seine Karriere bei Hammarby FF, er heuerte dort in der Jugend an und blieb zwölf Jahre im Verein. In Hammarby genießt er ähnlichen Heldenstatus wie in der Pfalz, dort wurde er Nationalspieler. Die WM in Mexiko 1970 wurde die erste von drei Endrunden-Teilnahmen, 77 Mal trug er in 14 Jahren das Trikot der Schweden, zweimal war er Schwedens Fußballer des Jahres. Die Schweden haben auch danach mit Thomas Ravelli einen legendären Torwart gehabt, aber Hellström überstrahlt ihn noch.

Angebot von Cosmos abgelehnt

Nach zehn Jahren in der Pfalz kehrte er 1984 in seine Heimat zurück. Dass er bis dahin alle Angebote anderer Vereine abgelehnt hatte, sagt viel über die besondere Beziehung zwischen Hellström und dem FCK aus. Ende der Siebzigerjahre wollte ihn Cosmos New York in die USA locken, Hellström hätte die Chance gehabt, gemeinsam mit Franz Beckenbauer und Pelé zu spielen und dazu noch viel Geld zu verdienen. Er spielte lieber mit Werner Melzer und Sepp Pirrung zusammen.

Nach seiner Karriere war er in Schweden als erfolgreicher Geschäftsmann tätig, er war Repräsentant mehrerer internationaler Firmen, sein Sohn Erland war ebenfalls Fußballtorwart, die große Laufbahn seines Vaters blieb ihm allerdings verwehrt.

In Kaiserslautern verehren sie die Stars von früher noch ein bisschen mehr als anderswo, weil die Vergangenheit so viel größer ist als die Gegenwart – von Fritz Walter über Horst Eckel bis Stefan Kuntz. Ronnie Hellström, am Sonntag im Alter von 72 Jahren gestorben, ist einer von ihnen. Ein Schwede, wie man sich einen Schweden nur vorstellen kann. Und dennoch ein Pfälzer Bub.

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