Nachruf auf Rangers-Legende Andy Goram Er war »The Goalie«

Andy Goram wurde nur 58 Jahre alt – für die Fans der Glasgow Rangers wird er unvergessen sein. Er war als Torwart auf dem Platz ein Held, mit dem Leben jedoch kam er weniger zurecht.
Andy Goram im Trikot von Manchester United

Andy Goram im Trikot von Manchester United

Foto: imago sportfotodienst

Andy Goram ist sechsmal nacheinander Meister mit den Glasgow Rangers geworden, aber seinen bemerkenswertesten Titel errang er wohl mit Manchester United.

2001 war seine beste Zeit mit 37 Jahren schon vorbei, Goram ließ seine Laufbahn mehr oder weniger beim FC Motherwell ausklingen, da klingelte das Telefon. Am anderen Ende meldete sich angeblich United-Coach Alex Ferguson, der Goram beschwor, sofort seine Zelte bei Motherwell abzubrechen und unverzüglich zu United zu wechseln, weil bei Manchester alle Torleute verletzt seien.

Goram dachte, am Telefon sei sein alter Kumpel Ally McCoist, der sich bestens darauf verstand, den guten Sir Alex Ferguson zu parodieren. Also sagte Goram lediglich: »Coisty, fuck off« und legte auf. Kurz darauf klingelte es erneut, Gorams Ehefrau hob ab und hörte nur den einen Satz: »Hier ist wirklich Fergie, und sag dem fetten Bastard, er hat zehn Sekunden Zeit, Ja oder Nein zu sagen.« Goram sagte Ja, spielte exakt zwei Partien für United und wurde mit 37 englischer Meister.

Für Rangers-Fans der Torwart aller Torwarte

Bei United haben sie ihn deswegen auch in ihr Herz geschlossen, aber bei den Rangers hatte er diesen Platz für ewig sicher. 1999 wurde er von den Fans zum Jahrhunderttorwart der Rangers gewählt, nur fair, nachdem er seit 1991 260 Pflichtspiele für den Klub gemacht hatte und bis auf sein letztes Jahr am Ende immer den Meistercup in Händen hielt.

Der Beiname, den er trug, war schlicht und einfach »The Goalie«. Er war der Torwart.

Andy Goram im Jahr 2021

Andy Goram im Jahr 2021

Foto: Andrew Milligan / imago images/PA Images

Gorams Zeit bei den Rangers war eine einzige Erfolgsgeschichte, immer wieder verhagelte er dem ewigen Rivalen Celtic den Titel. Bei Old Firm, dem Lokalderby in Glasgow, war er stets besonders motiviert, dann spielte er noch ein bisschen besser als sonst. Celtic-Coach Tommy Burns sagte irgendwann seufzend, auf seinem Grabstein solle dereinst stehen: »Andy Goram broke my heart.«

Vom Glück nie verfolgt

Dabei war Andrew Lewis Goram, wie er mit vollem Namen hieß, keiner, der vom Glück beseelt war. Schon der Einstieg in den Fußball geriet ihm mühsam, den Trainern war er eigentlich zu klein für einen Torwart. Das war auch ein Grund, dass Goram lange überlegte: Fußball oder Cricket. Im Cricket war er ähnlich begabt, er ist wohl der Einzige, der für Schottland sowohl im Fußball als auch im Cricket internationale Matches absolvierte.

Halt gab ihm immer wieder sein Torwarttrainer Alan Hodgkinson. Goram nannte ihn seinen zweiten Vater, mit ihm trainierte er schon bei Hibernian Edinburgh, seiner ersten großen Profistation. Als er 1991 für eine Million Pfund Ablöse zu den Rangers wechselte und es dort zunächst nicht lief, ließ der Klub Hodgkinson holen. Ab sofort war Goram »The Goalie«.

Alkohol, Frauengeschichten, drei Scheidungen, Goram war alles andere als ein Musterprofi, psychisch labil, unstet. 1994 prügelte er sich auf Teneriffa in einer Bar und verpasste daraufhin den Rückflug nach Schottland. Rangers-Manager-Legende Walter Smith setzte ihn danach sofort auf die Transferliste, aber weil sich kein Interessent meldete, wurde Goram begnadigt und zahlte es mit überragenden Leistungen zurück.

Kontakte zu Terroristen

Als der Keeper 1998 zwei Wochen vor der WM erfuhr, dass er für das Turnier nicht als Nummer eins vorgesehen sei, sondern der damals auch schon 39-jährige Jim Leighton, warf er kurzerhand hin und erklärte nach 43 Länderspielen seinen sofortigen Rücktritt aus der Nationalmannschaft.

Andy Goram mit dem schottischen Cup 1996

Andy Goram mit dem schottischen Cup 1996

Foto: Rights Managed / imago images/Mary Evans

Dazu kamen Turbulenzen um angebliche Kontakte, die er zu Terroristen in Nordirland pflegte. Tatsächlich fühlte er sich den extremistischen nordirischen Loyalisten verbunden. Nachdem ihr Führer Billy Wright, Beiname »Der Rattenkönig«, 1997 erschossen worden war, trat Goram mit Trauerflor am Arm auf, ausgerechnet im Celtic Park, in der Heimat der katholischen irischen Tradition – er behauptete aber, er trauere damit um seine Tante, die kürzlich verstorben war. Die Masse hat getobt.

Goram polarisierte, provozierte, aber man hatte fast das Gefühl, er litt selbst darunter am meisten. Früh erkrankte er an einer milden Form der Schizophrenie und machte dies auch öffentlich – was zu einem der berühmtesten Gesänge der Rangers-Fans führte: Statt »There’s only one Andy Goram« hieß es fortan »There’s only two Andy Gorams«.

Vor einem Monat erfuhr die Öffentlichkeit, dass er mit 58 Jahren unheilbar an Krebs erkrankt war. Sechs Monate gaben ihm die Ärzte, es wurde nur einer. Andy Goram wollte keine Chemotherapie.

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