DFB-Torfrau Angerer Einfach gut

Nadine Angerer hat dem deutschen Frauen-Team den Weg ins WM-Halbfinale geebnet. Im Spiel brachte sie die Französinnen zur Verzweiflung. Die 36-Jährige macht ihr letztes Turnier noch einmal zu ihrer großen Bühne.

DFB-Keeper Angerer: Krönung zum Karriere-Ende?
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DFB-Keeper Angerer: Krönung zum Karriere-Ende?

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Es ist die schnellste und vielleicht einfachste Art, im Fußball Heldenruhm zu erlangen. Torleute, die einen entscheidenden Elfmeter parieren, werden unverzüglich zu den Sternen emporgehoben - da ist es relativ unerheblich, ob der Strafstoß schwach geschossen wurde oder man sich als Keeper zufällig für die richtige Ecke entschieden hat.

Nadine Angerer hat es oft erlebt, dass ihr eine Schützin am Elfmeterpunkt gegenüberstand. Und sie hat es oft genug erlebt, dass sie am Ende die Siegerin war. Angerer ist mittlerweile 36 Jahre alt, hat im WM-Finale 2007 einen Elfmeter der Brasilianerin Marta gehalten und im EM-Endspiel 2013 gleich zwei Strafstöße der Norwegerinnen abgewehrt - und dennoch: Der gehaltene Elfmeter im Viertelfinal-Krimi gegen Frankreich, er wird ihr in Erinnerung bleiben. Allein schon deswegen, weil sie so kurz vor Ende ihrer großen Laufbahn noch einmal zur Heldin geworden ist.

"Eigentlich bin ich zu alt für so etwas", sagte sie anschließend in einem Mix aus Adrenalin, Stress, Jubel und Erleichterung. Viermal hatten die Französinnen im Elfmeterschießen eiskalt getroffen, hatten Angerer keine Chance gelassen. Aber als mit der jungen Claire Lavogez diejenige antrat, die den größten Druck von allen hatte - sie musste treffen, sonst wäre alles vorbei -, da schlug die Torfrau mit all ihrer Erfahrung zu. "Ich hatte das Gefühl, dass sie Angst hatte", sagte Angerer. Und so war es auch: Ein ängstlich geschossener Elfmeter - "und der Rest war Intuition".

Immer wieder die Hand am Ball

Intuition, Angst hin oder her - feiern lassen durfte sich Angerer an diesem Nachmittag in Montreal ohnehin: Für ihre Leistung in den 120 Spielminuten vor der Strafstoßparade. Eigentlich war es nur ihr zu verdanken, dass die Elf von Silvia Neid sich in die Verlängerung retten und dann am Ende mit der deutschesten aller deutschen Fußballkompetenzen, dem Elfmeterschießen, ein an sich schon verlorenes Spiel wenden konnte.

"Wenn die Französinnen ihre Torchancen nicht nutzen, dann kann ich ihnen auch nicht helfen", hatte Abwehrchefin Annike Krahn, bis zu diesem Sommer selbst noch in Frankreich unter Vertrag, die Dominanz der "Équipe Tricolore" nach Abpfiff achselzuckend kommentiert. Aber die französische Niederlage lag eben nur zu einem Teil an der schlechten Chancenverwertung des Teams von Philippe Bergeroo. Es lag auch daran, dass Angerer wie ein Jungspund durch ihren Strafraum hechtete, sprang, faustete, flog. Meist mit einer Hand am Ball - zuweilen in letzter Sekunde wie gegen die überragende Louise Nécib kurz vor Ende der ersten Hälfte.

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Bergeroo, der französische Coach, war in seiner aktiven Karriere selbst Torwart gewesen. Ein sehr guter dazu. Und jetzt musste er mit ansehen, wie am Ende das Duell der Torfrauen dieses Viertelfinale mitentschied. Auf seiner Seite eine solide Sarah Bouhaddi, die aber gegen die gnadenlosen Elfmeter der deutschen Frauen überhaupt keine Chance hatte, gegen eine überragende Angerer. Er wird den Ausgang am allerbesten beurteilen können.

Oder doch Manuel Neuer

Es ist schon eine ungewöhnliche Parallele. Vor einem Jahr im Sommer standen sich die Männer von Deutschland und Frankreich im Viertelfinale einer Fußball-WM gegenüber. Man liegt nicht ganz falsch in der Einschätzung, wenn man sagt, dass Deutschland dieses Spiel vor allem wegen seines Torwarts gewann. Der Weg war geebnet für den WM-Triumph von Rio. Geschichte wiederholt sich eigentlich nicht, aber beim Fußball kann man ja mal eine Ausnahme machen.

Seit 1996 gehört Angerer dem Nationalteam an, seit fast 20 Jahren, keine Andere war je so lang dabei, sie ist eine Institution. Man mag sich ein Frauenteam ohne Angerer, die Weltfußballerin von 2014, und ohne Trainerin Silvia Neid, die auch 1996 beim DFB anfing, eigentlich nicht recht vorstellen. 144 Länderspiele hat sie gemacht, die 150 wird sie nicht ganz schaffen - es sei denn, sie macht einen Rückzieher vom angekündigten Rücktritt. Aber das würde kaum zu ihr passen. Bisher ist sie in dem, was sie tut, was sie sagt, nicht als inkonsequent auffällig geworden. Wenn Angerer sagt, nach der WM ist Schluss, kann man davon ausgehen, dass Schluss ist.

Das Frauenteam wird ohne Angerer, die manchmal aufmüpfig, manchmal anstrengend, aber fast immer unterhaltsam war, nicht mehr dasselbe sein. Frauenfußball - das sind in Deutschland Birgit Prinz und Nadine Angerer. Die stille Rekordstürmerin, die mit der Öffentlichkeit nie viel anfangen konnte, und die extrovertierte Torfrau, die die Pressekonferenzen zur Bühne macht.

Einmal, wohl zweimal hat sie diese Bühne noch. WM-Halbfinale gegen die USA, danach Endspiel oder das Spiel um den dritten Platz - es ist die größte Bühne, die man sich im Frauenfußball vorstellen kann. Was danach kommt, hat Angerer bisher offengelassen. Sorgen wird man sich um sie wirklich keine machen müssen.



insgesamt 33 Beiträge
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leser58 27.06.2015
1. Im richtigen Moment
Nadine Angerer ist nicht nur eine großartige Torfrau, auch außerhalb des Platzes steht sie ihre Frau und bleibt sich dabei trotzdem selbst treu. Sie wird nicht nur dem Frauenfußball fehlen. Lesenswert ist auch ihre Autobiographie "Im richtigen Moment". Es wäre ihr zu gönnen, wenn sie zum Abschluss ihrer sportlichen Laufbahn nochmal Weltmeisterin würde.
unifersahlscheni 27.06.2015
2. Nadine Angerer schon Geschichte
Nadine Angerer hat neben Birgit Prinz jetzt schon einen Platz in der Geschichte der Deutschen Frauennationalmannschaft sicher. Nicht zu vergessen die letzte gewonnene WM OHNE ein einziges Gegentor. Respekt aus deiner unterfränkischen Heimat, Gruß aus dem boarischen Spessart ! :)
vfler 27.06.2015
3. angerger
angerer wird wieder mal völlig übertrieben in den Himmel gelobt. der Elfmeter war extrem schlecht geschossen. angerer wurde wie im letzten turnier eher angeschossen. mehr war es wirklich nicht. die französische Torhüterin war um keinen Deut schlechter. realistisch bleiben, bitte
Criticz 27.06.2015
4. Ich glaube diese Lobhudelei wäre Frau Angerer,
die angenehm ruhig auftritt, selbst eher peinlich. Ich habe allenfalls eine ordentliche Parade im Spiel gesehen - und der Elfmeter war eben sehr schlecht geschossen. Also bitte - lasst doch die Kirche im Dorf. I.ü. war Frankreich klar besser. Dreimal bekreuzigen dass das nicht anders ausging und keine HeldInnen machen wo keine sind.
andreas.g.krebs 27.06.2015
5. (Schrift-)Sprache ist demokratisch
Ich stimme für Extraversion statt Extroversion, denn so "wurzelte" das Wort einmal in der Sprache ? Gibt es beim SPIEGEL keinen mehr mit Latinum? Na ja, Hauptsache ich verstehe Euch und lese meistens gern, was und wie Ihr schreibt ?
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