Nationalelf Aufregung um Rudis Joker Brdaric

Die Verletztenserie in der Nationalmannschaft wurde für Thomas Brdaric zum Glücksfall. Der Leverkusener könnte seine fulminante Form heute Abend beim Testspiel gegen die USA in Rostock beweisen - und womöglich noch auf den WM-Zug des DFB-Teams aufspringen.

Von Andreas Lampert, Rostock


Leverkusener unter sich: Brdaric (r.) im Gespräch mit Völler
AP

Leverkusener unter sich: Brdaric (r.) im Gespräch mit Völler

Rostock - Zum öffentlichen Training im Rostocker Ostseestadion erschienen dann doch 17 Mann, immerhin, und die rund 2000 Zuschauer durften beobachten, wie die besten deutschen (und zurzeit gesündesten) Fußballer sich dehnten, um bunte Plastikhütchen rannten, Schussübungen machten und ein lockeres Trainingsspiel absolvierten. Die Nationalelf war also doch kein Feldlazarett, wie man nach den rekordverdächtigen 14 Ausfällen befürchten musste.

"Der hat einen Lauf"


Völler hatte reagiert, nachdem nun auch noch Marco Bode (Kapsel) und Lars Ricken wegen eines "verschleppter Pferdekusses", wie es Völler beschrieb, für das Länderspiel gegen die USA (20.30 Uhr, live im SPIEGEL ONLINE-Ticker) passen mussten. Er nominierte zwei Spieler nach und ließ sie nach Rostock einfliegen: Ingo Hertzsch vom Hamburger SV, dem Völler noch eine "winzige Chance" attestierte, auf den WM-Zug aufzuspringen, und Thomas Brdaric von Bayer Leverkusen. Während die Einladung des Hamburger Defensivkünstlers als kleine Überraschung zu werten ist, war mit Brdaric schon eher gerechnet worden. "Der hat derzeit einen Lauf", ließ Völler wissen.

Doch als sich die Nationalspieler, angeführt vom neuen "Skipper" Christian Ziege ("Ich war noch nie Käptn!"), zur Übungseinheit warm machten, fehlte Brdaric, und es machte sich Unruhe unter den anwesenden Medienvertretern breit. "Der hat sich doch nicht etwa auf der Anreise verletzt?", wurde bereits an der Seitenlinie gewitzelt. Die Aufregung war verfrüht, denn schon kam der Leverkusener Joker auf das Spielfeld gesprintet und reihte sich bei seinen neuen Teamkollegen ein. Der Grund für die Verspätung des Nachrückers wurde sogleich notiert: Brdaric hatte noch die Schuhe wechseln müssen.

Toppmöllers indirekter Tadel


Völlers neuer Mann war also das Thema des Tages an diesem frischen Frühlingstag in Rostock. Thomas Brdaric, der Retter der Nation! Verrückte Fußballwelt. War der säbelbeinige Stürmer, der durch seine unorthodoxen Dribblings zu gefallen weiß, nicht noch vor einigen Wochen von seinem Clubtrainer Klaus Toppmöller in Leverkusen indirekt getadelt worden, als der nach einer enttäuschenden Bundesligapartie gegen Cottbus sagte, die Spieler aus der zweiten Reihe hätten ihre Chance nicht nutzen können?

Brdaric nahm die Hysterie um seinen ersten Auftritt im Nationaljersey, über das Rudi Völler noch am Vormittag geheimnisvoll sagte, "das Trikot mit dem Adler ist manchmal schwerer, als man denkt", eher gelassen. "Ich habe ja schon U-21 und A-2 gespielt", sagte der 27-Jährige, als ihm rund 20 Mikrofone und zehn Fernsehkameras nach der Übungseinheit den Weg zum Mannschaftsbus versperrten. "Ich jetzt werde mein Bestes geben, um die Mannschaft noch erfolgreicher zu machen." Selbstbewusst ist er, was kein Wunder ist, wenn man in diesen Tagen für Leverkusen spielt.

Gesellenprüfung in dieser Saison


Betrachtet man die bisherige Karriere von Brdaric, ist ein stetiger, wenn auch zuweilen stockender Aufstieg nicht zu übersehen: Mitte der Neunziger erste Bundesligaspiele beim VfB Stuttgart, dann ein verfrühter Wechsel zu Fortuna Düsseldorf, wo er sich unter Aleksandar Ristic nicht durchsetzen konnte. Jürgen Gelsdorf holte ihn zu Fortuna Köln, wo ihm in der Knochenmühle Zweite Liga die Allüren ausgetrieben wurden. Ein Wechsel zu Werder Bremen scheiterte, weil Dixie Dörner nach dem Probetraining abwinkte. Bernd Schuster soll ihn in Köln 1998 besonders geformt haben, ehe das Angebot von Bayer Leverkusen kam, wo er spätestens in dieser Saison seine Gesellenprüfung abgelegt hat.

Und nun sogar das Nationalteam, der vorläufige Höhepunkt. "Es ist für mich eine große Ehre, hier jetzt dabei sein zu dürfen", sagt Brdaric, jedoch will er sich auf Leverkusen konzentrieren. "Mit Bayer werde ich alles daran setzen, um Erfolg zu haben. Dort muss ich dem Teamchef zeigen, wie ich drauf bin. Alles andere ergibt sich dann von alleine." Anschließend sprintete Brdaric zum Mannschaftsbus, wo die Teamkollegen bereits warteten. Die Abfahrt ins DFB-Mannschaftsquartier wollte er nicht verpassen.

Dass Brdaric der unverhoffte Ausflug in der Kreis der Nationalmannschaft über den Kopf wächst, will Bayer-Manager Reiner Calmund, der mit ihm vor kurzem bis zum Jahr 2005 verlängert hat, in den kommenden Wochen verhindern. "Er soll sich am besten Bleischuhe anziehen, damit er nicht die Bodenhaftung verliert. Dabei werde ich ihm helfen. Ich bin schwer genug, damit er nicht abhebt."



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.