Fotostrecke

Philipp Lahm: Der kleine Capitano

Foto: JEWEL SAMAD/ AFP

Nationalelf-Kapitän Lahm Der DFB-Genscher

Freundlich, klug, eloquent: Philipp Lahm ist der Musterknabe der Nationalmannschaft und aus Trainersicht ein idealer Spielführer. Der 27-Jährige ist zwar offiziell nur Ersatz-Kapitän beim DFB. Doch eine Rückkehr von Konkurrent Michael Ballack ist so unwahrscheinlich wie nie.

Philipp Lahm

Eine Pressekonferenz mit ist wie eine Teestunde. Es wird höflich geplaudert, der Mann weiß zu jedem Thema einen gepflegten deutschen Satz zu formulieren. Lahm ist der Chefdiplomat der deutschen Nationalmannschaft - selbst dann, wenn er zum DFB-Spiel gegen Italien (Mittwoch 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) als frisch ernannter Kapitän eines Clubs anreist, bei dem es seit Monaten Ärger gibt.

Krise bei Bayern München aufgrund des astronomisch hohen Rückstands auf Tabellenführer Borussia Dortmund? Lahm lächelt und sagt: "Ich verstehe, dass Sie auch Fragen zum FC Bayern stellen müssen. Aber für mich zählt momentan nur die große Freude und Ehre, die Fußballnation Deutschland morgen als Kapitän aufs Feld führen zu dürfen." Das hätte Hans-Dietrich Genscher in seiner Zeit als Bundesaußenminister nicht geschmeidiger ausdrücken können.

Dabei hat Lahm mit dem Kapitänsamt in München nicht nur die Binde, sondern vor allem auch die Probleme geerbt, die Mannschaft, Vorstand und Trainer in dieser Saison regelmäßig miteinander haben. Lahm vermittelt das nach außen hin so: "In diesem Amt sammelt man tagtäglich neue Erfahrungen durch interessante Gespräche mit interessanten Menschen."

Ein Spieler, der die Form wahrt

Was er davon halte, dass Bastian Schweinsteiger beim FC Bayern derzeit eine andere Rolle im Mittelfeld zu spielen habe als in der Nationalelf? Lahm hebt an: "Es ist natürlich das Optimum, wenn ein Spieler immer auf derselben Position eingesetzt wird." Unverzüglich folgt das Aber: "Bastian hat so viel Erfahrung, dass er diese Doppelrolle auch problemlos meistern kann."

Wer Lahm parlieren hört, ahnt, warum er sowohl für Bayern-Coach Louis van Gaal als auch für Bundestrainer Joachim Löw die erste Wahl war, als es darum ging, die Kapitänsbinde nach dem Abgang von Mark van Bommel (Bayern) und dem verletzungsbedingten Abtritt von Michael Ballack (Nationalelf) neu zu vergeben. Lahm ist einer, dem kein unbedachter Spruch entgleitet, der die Form wahrt. Nur wenn er sich wirklich etwas davon verspricht, dann geht der 27-Jährige in die Offensive. Wie 2009, als er der "Süddeutschen Zeitung" ein exakt platziertes Interview gab und Kritik an seinem Verein übte.

Viele Fans hätten es lieber gesehen, van Gaal hätte Schweinsteiger zum Kapitän bei den Bayern ernannt. Der Kopfmensch Lahm ist zu sehr Musterknabe, auch zu gescheit und die Distanz wahrend, um als Volksheld durchzugehen. Schweinsteiger, der bei aller Reife auch gerne zur Provokation neigt, dazu im Mittelfeld die exponiertere Position auf dem Platz innehat, ist der deutlich populärere Typ. Aber Lahm ist besser, wenn es gilt, Scharnier zu sein zwischen Mannschaft und sportlicher Leitung, kein Hierarch, sondern eher ein Erster unter Gleichen - ein verlängerter Arm des Trainers, so wie es sich jeder moderne Coach wünscht.

Ballack ist bei der Nationalelf kein Thema

Für die Nationalelf gilt dieser Stand so lange, bis Michael Ballack zurückkehrt. Das ist die offizielle Sprachregelung: Ballack ist der Spielführer, Lahm in dessen Abwesenheit der Ersatz-Kapitän. Und der Bayern-Außenverteidiger wäre nicht er selbst, wenn er diese amtliche DFB-Version nicht auch vor dem Spiel gegen die Italiener noch einmal wiederholt hätte. Sorge darum, dass ihm das Amt tatsächlich auf Dauer wieder entzogen wird, muss er ohnehin nicht haben. Ballack ist derzeit bei der Nationalelf überhaupt kein Thema.

Löw äußerte sich am Dienstag wiederholt lobend über das Pärchen auf der Ballack-Position, Schweinsteiger und Real-Profi Sami Khedira. Die beiden hätten 2010 "hervorragend funktioniert, und ich sehe überhaupt keinen Anlass, daran etwas zu ändern", so der Bundestrainer. Und wenn einer der beiden ausfalle, "haben wir ja auch noch Toni Kroos, der diese Position auch sehr gut spielen kann".

Erst auf Nachfrage von Journalisten schien sich Löw zu entsinnen, dass es da noch einen Michael Ballack gibt, der diese Rolle im defensiven Mittelfeld schließlich jahrelang unumstritten ausgeübt hatte. "Es liegt an ihm, ob er zurückkommt, nämlich dann, wenn er die Leistung bringt, die er einmal hatte". Eine Garantieerklärung auf einen Platz in der Nationalmannschaft hört sich anders an. Ballack solle nach seiner langwierigen Verletzung erst wieder richtig fit werden, hat Löw immer wieder verlauten lassen.

Für Innenverteidiger Arne Friedrich scheint dies nicht zu gelten. Auch der Wolfsburger hat über die gesamte Hinrunde gefehlt, gehört aber jetzt wieder wie selbstverständlich zum Kreis der Nationalspieler. "Er ist einer, auf den ich zähle, und er ist körperlich auch schon ein bisschen weiter als Michael Ballack", begründete Löw.

Als der Bundestrainer das sagte, saß Lahm daneben, und selbstverständlich ließ er an seiner Miene mit keinem Deut erkennen, was er von diesen Worten hielt. Es gab ja auch noch so viel anderes zu erzählen für den DFB-Kapitän. Dass man sich mit der Frauen-Nationalelf in Kaiserau getroffen habe, "ein sehr nettes, angenehmes Zusammentreffen", dass sich das Männerteam "sehr, sehr positiv entwickelt" habe und dass es eine "große Enttäuschung war, 2006 gegen Italien im WM-Halbfinale zu verlieren". Italien sei auch heute noch eine "große Fußballnation", hatte er zum Abschluss auch für die italienischen Pressevertreter, die mit dem gegenwärtigen Zustand der Squadra Azzurra hadern, noch ein paar tröstende Worte parat. Lächelnd, so freundlich wie unverbindlich. Dann war die Teestunde vorbei.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.