Nationalelf-Rücktritt Geknickter Kuranyi gesteht Fehler ein

"Kein Mensch weiß, wie schlimm es für mich ist": Die Rücktrittsentscheidung steht, doch jetzt bereut Stürmer Kevin Kuranyi seine nächtliche Flucht aus dem DFB-Team. Er bittet um Verständnis und bekommt Unterstützung von Schalke-Manager Müller - doch Bundestrainer Löw bleibt eisern.


Hamburg - Kuranyi zeigte sich auf einer Pressekonferenz in Gelsenkirchen, wo er am Montag auch mit dem FC Schalke 04 trainierte, sehr aufgewühlt. "Kein Mensch steckt in meinem Körper und in meiner Psyche, um zu wissen, wie schlimm es für mich ist", begründete er noch einmal seine Entscheidung, aus der Nationalelf zurückzutreten. "Ich habe von Gott das Talent bekommen und das Glück, in einem großen Verein zu spielen. Ich bin einfach gegangen, weil ich das emotional für mich in dem Moment am besten fand", sagte der 26-Jährige.

Dennoch war sein Abtauchen während des WM-Qualifikationsspiels gegen Russland ( 2:1) somit offenbar keine Kurzschlussreaktion. Nach der Partie sollte es zu einer Unterredung kommen, doch er habe es nicht mehr geschafft, so Kuranyi. Ob er auch zurückgetreten wäre, wenn er am Samstagabend auf der Bank gesessen hätte, konnte Kuranyi nicht beantworten. Ein Comeback wollte er ebenfalls nicht ausschließen. Andreas Müller zeigte Verständnis: "Ich habe großen Respekt vor Kevins Entscheidung", so der Schalke-Manager.

Am Samstagmittag hatte er Bundestrainer Löw darum gebeten, das Spiel zu Hause gucken zu dürfen und nicht mit nach Dortmund fahren zu müssen, nachdem er kurz zuvor erfahren hatte, dass er nicht zum 18er-Kader gehören würde. "Er wollte mittags zu seiner Familie fahren", erklärte Löw. "Das kam für mich aber nicht in Frage." So musste er das Match auf der Tribüne verfolgen.

Löw hatte Kuranyi in dem Gespräch gebeten, noch mal in Ruhe seine Situation zu überdenken und nach dem Spiel gegen die Russen im Training wieder um seinen Platz zu kämpfen. "Wir sind eine Mannschaft, am nächsten Tag war ein Training, für Kevin wäre das die Möglichkeit gewesen, sich zu zeigen", sagte Löw.

Dem Vorwurf des Schalker Managers Müller, der behauptete, Kuranyi habe in der Nationalmannschaft kein Vertrauen bekommen, widersprach der Bundestrainer vehement: "Als Trainer habe ich versucht, alle Spieler fair zu behandeln. Ich bin nicht nur einem Spieler gegenüber verantwortlich, sondern dass die gesamte Mannschaft funktioniert." Außerdem verwies er auf die Vergangenheit: "Kuranyi hat in meiner Zeit eine Vielzahl seiner Länderspiele gemacht, und ich habe ihn auch wieder in den Kader gerufen, nachdem die WM vorbei war."

Nach Informationen des "Bild"-Zeitung habe Kuranyi bereits am Samstag seine Freunde darüber informiert, dass er aus der Nationalelf zurücktreten wolle. Zudem soll er Schalke-Manager Andreas Müller telefonisch mitgeteilt haben, dass er nach dem Spiel nicht mehr mit der Mannschaft ins DFB-Quartier nach Düsseldorf zurückfahre. Müller habe diese Entscheidung akzeptiert.

In der Halbzeit hatte Kuranyi dann einem DFB-Verantwortlichen mitgeteilt, dass er auf die Ehrentribüne wolle, um das Spiel mit Freunden weiterzuverfolgen. Allerdings soll er bereits in der Pause mit seinem Bruder Kenny die Arena verlassen haben und nach Hause gefahren sein. Am Sonntagmorgen äußerte er sich gegenüber der "Bild"-Zeitung: "Ich kann noch nichts sagen, ich muss mich erst mal sammeln. Es ist sehr viel passiert in den letzten Stunden."

Kuranyi hatte sich am Sonntagabend telefonisch bei Joachim Löw für sein Verhalten entschuldigt. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) teilte mit, dass der Bundestrainer die Entschuldigung angenommen hätte, dies aber an seiner Entscheidung nichts ändere, Kuranyi nicht mehr für die Nationalmannschaft zu nominieren. "Natürlich hatte er erwartet, dass ich mich früher melde", sagte der 52-malige Nationalspieler. "Aber ich konnte nicht früher. Ich war zu Hause und hatte viele Gedanken."

Der "Bild"-Zeitung sagte Löw: "Wer mich kennt, weiß, dass meine Entscheidungen endgültig sind. Es gibt für Kevin kein Zurück mehr, das ist definitiv." Der Bundestrainer fügte hinzu: "Wenn Kevin mich am Sonntag um ein Gespräch gebeten und zurückgetreten wäre, dann hätte ich das verstanden. Ich wusste, dass meine Entscheidung für ihn schwer zu verarbeiten ist. Aber einfach abhauen, das geht nicht. Als Trainer verletzt man auch mal einen Spieler mit einer Entscheidung. Das muss man aushalten."

fpf/sid/dpa



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