Nationalkeeper Herr Lehmann und die letzte Chance

Jahrelang musste Jens Lehmann von draußen zuschauen, wie Oliver Kahn ein Länderspiel nach dem anderen machte. Doch unter Jürgen Klinsmann sind die Chancen des Arsenal-Profis sprunghaft gestiegen. Gegen Kamerun darf er auflaufen, doch Lehmann will mehr: bei der WM 2006 im deutschen Tor stehen.

Aus Leipzig berichtet


DFB-Torwarttrainer Köpke, Jens Lehmann: Gefeierter Rivale
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DFB-Torwarttrainer Köpke, Jens Lehmann: Gefeierter Rivale

Das hat er nun davon. Während Jens Lehmann an diesem nasskalten Abend das Tor der deutschen Nationalmannschaft hütet, wird sein Rivale gefeiert. "Oli, Oli, wink einmal", rufen die Schüler von der Tribüne des Leipziger Zentralstadions. Und Oliver Kahn winkt. Hebt gönnerhaft den rechten Arm. Und erntet zufriedenes Gegröle von den Rängen. Es ist das Abschlusstraining des deutschen Teams vor dem Spiel gegen Kamerun und die tausend Kinder auf den Rängen haben nur Augen für Kahn. Dabei steht der Bayern-Kapitän am Rand des grünen Rasens und macht Einzelübungen mit Andreas Köpke. Im Tor steht Jens Lehmann. Und der hält gerade einen Schuss von Bernd Schneider.

Es ist nur eine kleine Szene am Rande einer öffentlichen Trainingseinheit - und doch ist sie ein schönes Symbol für eine Revolution. Lehmann, seit sechs langen Jahren vornehmlich Bankdrücker im Dienste der Nation, steht anstelle Kahns im Gehäuse der deutschen Mannschaft. Nicht nur in dieser Trainingseinheit, auch am Abend im ausverkauften Zentralstadion (ab 20.40 Uhr/Liveticker SPIEGEL ONLINE). Es wird in diesem Jahr bereits das fünfte Länderspiel für den Keeper vom englischen Meister FC Arsenal sein. Und vieles spricht dafür, dass Lehmanns mickrige Bilanz im deutschen Trikot weiter aufgebessert wird. Denn zum ersten (und letzten) Mal in seiner Karriere hat der 35-Jährige eine ernsthafte Perspektive, Deutschlands Nummer eins zu werden.

Konkurrenten Kahn, Lehmann: "Eine lächerliche Zahl"
AP

Konkurrenten Kahn, Lehmann: "Eine lächerliche Zahl"

Wer verstehen will, wie viel Lehmann die Nationalmannschaft bedeutet, muss sechs Jahre zurückgehen. 1998 stand der Deutsche im Tor des ruhmreichen AC Mailand. Doch Lehmann, als Stammkeeper geholt, verschuldete schon im fünften Spiel einen Elfmeter, sah Rot und hatte auch noch Pech, dass der eingewechselte Sebastiano Rossi den Strafstoß hielt. Danach saß der von Schalke nach Italien gewechselte Lehmann nur noch auf der Bank; im Winter wechselte er entnervt zu Borussia Dortmund. "Wahrscheinlich hätte ich irgendwann wieder gespielt. Aber ich wollte unbedingt in der Nationalmannschaft bleiben", erklärte er später. Für die Perspektive der deutschen Nummer eins nahm Lehmann sogar in Kauf, als im Ausland Gescheiterter zu gelten.

Krumen und lächerliche Zahlen

In 20 Länderspielen war er seither dabei - "eine lächerliche Zahl", sagt Lehmann. Oliver Kahn kam im gleichen Zeitraum auf 66, stand bei drei großen Turnieren im Kasten - und wurde unantastbar. Bundestrainer Erich Ribbeck machte ihn zur Nummer eins und Nachfolger Rudi Völler stellte Kahn bereits nach dem verlorenen WM-Finale 2002 einen Freifahrtschein für die Europameisterschaft in Portugal zwei Jahre später aus. Für Lehmann blieben die Krumen wie der Confederations-Cup 1999, wo sich die deutsche Mannschaft auch noch bis auf die Knochen blamierte. Nebenbei wuchs die Titelsammlung Kahns ins Unermessliche - dagegen nahmen sich Lehmanns Meriten (Meister mit Dortmund 2002, Uefa-Cup-Sieg mit Schalke 1997) vergleichsweise lächerlich aus.

Lehmann im Arsenal-Trikot: Eintrag in die Geschichtsbücher
DPA

Lehmann im Arsenal-Trikot: Eintrag in die Geschichtsbücher

Doch seit dem Sommer umwabert auch den Kahn-Konkurrenten ein bisschen von dem magischen Mythos, der den Bayern-Keeper zum Primus inter pares der besten deutschen Torhüter gemacht hatte. Lehmann steht bei Arsenal in den Geschichtsbüchern, als Keeper der Mannschaft, die als erste in der Premier League ungeschlagen Meister wurde. Völler gestand deshalb gegenüber Lehmann sogar ein, dass er es verdient gehabt hätte, bei der Europameisterschaft im Tor zu stehen. Doch der Teamchef hatte sich nach dem verlorenen WM-Finale zwei Jahre zuvor bereits auf Kahn als Kapitän festgelegt - und damit als Nummer eins. "Das war die größte Enttäuschung für mich", sagte Lehmann später in einem Interview.

Seit seinem Wechsel nach London hat sich der 1,90-Mann im Griff, zumindest auf dem Feld. Nachdem für Lehmann in der Bundesliga Rote und Gelb-Rote Karten fast zum Altagsgeschäft gehörten, ist er in England in anderthalb Jahren nicht einmal vom Platz geflogen. Dafür faustete der ambitionierte Keeper verbal weiterhin häufig daneben. Mal machte er sich über Kahn und dessen junge Gefährtin lustig ("Ich habe keine 24-jährige Freundin"), dann bestätigte Lehmann mit Aussagen wie "Es wird immer Torhüter geben, die zwei, drei Monate lang besser halten als ich. Doch nicht länger" Kritiker, die ihn zuweilen als arroganten Schnösel bezeichnen. Doch seit dem Machtwort der neuen Nationalmannschaftsführung ("Maul halten") ist es um Lehmann ruhig geworden.

Keine Erbhöfe mehr

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Auch, weil Lehmann erkannt hat, dass es unter Jürgen Klinsmann keine Erbhöfe mehr gibt. Nach der Entmachtung von Bundestorwarttrainer und Kahn-Fürsprecher Sepp Maier ist es plötzlich sogar Lehmann, der von ihm freundlich gesinnten Entscheidungsträgern umgeben ist. Sein alter Milan-Kumpel Oliver Bierhoff gibt den Manager - und mit Bundestrainer Klinsmann verbindet ihn sogar der gleiche Berater. Der Schweizer Anwalt Andreas Groß gestaltet die Verträge der beiden. Die Lage habe sich für ihn auch dadurch wesentlich gebessert, seit der Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack heißt und nicht mehr Oliver Kahn, gibt Lehmann zu, "denn ein Kapitän muss ja immer spielen".

Zwar bemühen sich derzeit alle Beteiligten, die WM 2006 in weite Ferne zu schieben, doch Lehmann scheint im Moment in Klinsmanns Gunst leicht vorn zu liegen. Und selbst wenn der Kampf um den Platz im deutschen Tor offen ist - ein Erfolg für die bisher chancenlose Nummer zwei wäre allein die realistische Perspektive auf den festen Platz zwischen den Pfosten. "Ich werde schon noch spielen", sagte Lehmann in einem "Kicker"-Interview auf die Frage, ob Oliver Kahn die Tragik seiner Karriere sei. "Wichtig ist ein gutes Ende: Der WM-Sieg 2006, und ich stehe im Tor."



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