Nationalmannschaft Ballack provoziert Löw-Machtwort

Joachim Löw hat derzeit viel zu tun - allerdings in erster Linie abseits des Platzes. Im Konflikt zwischen Manager Oliver Bierhoff und Michael Ballack nahm sich der Bundestrainer nun den Kapitän vor. Das öffentliche Training vor 21.500 Fans geriet so zur Nebensache.

Aus Düsseldorf berichtet


Joachim Löw wird derzeit einfach nicht froh mit seinem Kapitän. In den ersten drei Partien nach der Europameisterschaft war Michael Ballack verletzt, nun ist er zurück und sofort geht der Ärger weiter. "Ich will kein Thema Bierhoff-Ballack haben", sagte Löw grollend, bevor er zum öffentlichen Training in die Düsseldorfer Arena aufbrach. Aber natürlich gibt es das Thema längst. Erstmals sind die beiden Kontrahenten seit ihrem Streit bei der EM zusammengekommen, und trotz einer Aussprache im September gibt es reichlich frischen Konfliktstoff.

Denn im "Kicker" hatte Ballack neue Giftpfeile auf den Teammanager der Nationalmannschaft geschossen. Der Manager sehe "die Vermarktung und Außendarstellung im Vordergrund", er selber als Kapitän halte "den sportlichen Ablauf", die "Trainingsarbeit, Spielvorbereitung, Trainingsmethoden, die ganz normalen Automatismen" für wichtiger, sagte Ballack im Interview.

Löw stellte nun klar, dass er die Mannschaft führe und nicht Ballack: "Wir haben hier einen Führungsstil der Trainer, die natürlich die Regeln vorgeben, die Spieler haben sich diesen Regeln anzupassen und zu unterwerfen". Bierhoff fügte hinzu, dass "nicht Michael Ballack Vize-Europameister geworden ist, sondern die ganze Mannschaft". Es brodelt.

Zumal der Kapitän einen weiteren Kriegsschauplatz eröffnet hatte. Er bezweifelt, dass die von Bierhoff angeführten technischen Probleme der wahre Grund für das Fehlen von Spielernamen auf den Trikots bei den letzten Länderspielen gewesen sei. "Das habe ich vom DFB-Ausrüster Adidas anders gehört", wird Ballack zitiert. Offenbar glaubt er, Bierhoff sage nicht die Wahrheit. Natürlich ist der Teammanager darüber sehr verärgert. Und dass Ballack zu spät bei der Mannschaft erschien, hat seine Position auch nicht gestärkt.

Der Konflikt schwelt also weiter, dabei wollte der DFB sich in Düsseldorf von seiner schönsten Seite präsentieren. Der Verband hatte zur Veranstaltung "DFB hautnah" geladen, man wollte Nähe zu den Menschen suggerieren. Und der Verband setzte diesen Vorsatz besser um als viele Clubs, auch wenn Bierhoff um Verständnis bat, dass man den Wünschen nach Poldi, Schweini und Ballack zum Anfassen nicht nachkommen konnte. Das sei aus Sicherheitsgründen nicht realisierbar. Aber "der DFB ist ja viel mehr als die A-Nationalmannschaft", sagte Sportdirektor Matthias Sammer, das Segment "Stars zum Anfassen" besetzten andere: die Frauen.

Brav posierten die Weltmeisterinnen Simone Laudehr, Renate Lingohr, Silke Rottenberg und Linda Bresonik, sie ließen sich geduldig mit schüchternen Jungs fotografieren, schrieben Autogramme und mischten sich unters Volk. Es war ein Tag für Kinder, nur vor zwei Angebote drängelten sich auch gestandene Männer: bei der Besichtigung des Mannschaftsbusse und vor dem goldenen WM-Pokal, neben dem man sich fotografieren lassen konnte.

Zwar wirkte die Veranstaltung in einigen Ecken auch wie ein "Sponsoren hautnah", die Lufthansa bot beispielsweise ein Bull-Riding an, aber das gehört wohl dazu. Es wurde schließlich kein Eintritt verlangt. Vor dem vom Verband als "absoluter Höhepunkt" angekündigten Training der Nationalmannschaft präsentierte der DFB Elemente seines Nachwuchskonzepts. Draußen vor der Arena konnten Kinder einen Techniktest absolvieren und sich eine Urkunde erspielen, während die Eltern das DFB-Ausbildungskonzept des Verbandes studieren konnten. Auf großen Schautafeln wurde versucht, Begriffe wie "Leitbild Spielkultur", "Ausbildungsstrukturen" oder "Leitmotive" mit fußballerischem Leben zu füllen.

Und vor dem Hauptakt im Stadion demonstrierten D-Jugendliche aus dem Rheinland an verschiedenen Stationen moderne Trainingskonzepte. Die Bundestrainer Joachim Löw, Andreas Köpke und Hans Flick erläuterten die Spielformen während Philipp Lahm, Piotr Trochowski und Thomas Hitzlsperger die Übungen mitmachten. "Wir wollen zeigen, dass unsere Konzepte Inhalte haben", sagte Sammer.

Als dann endlich alle Nationalspieler eine überaus ernste Trainingseinheit veranstalteten, wurde eifrig gekreischt und gejubelt, "Man sieht, dass wir in den letzten Jahren gut gearbeitet haben", sagte Bastian Schweinsteiger, angesichts der guten Stimmung in der Arena. Mit 21.500 Zuschauern waren aber noch nicht einmal halb so viele Menschen gekommen, wie beim Training in Düsseldorf vor der WM 2006. Der Boom wird also in ähnlichem Maße schwächer, wie das Konfliktpotenzial wächst.



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