Nationalmannschaft "Bild" dir deinen Schuhkrieg

Adidas rüstete die DFB-Kicker mehr als fünfzig Jahre exklusiv mit Schuhen aus, im September ist damit wohl Schluss. Die Nationalspieler, die bei der Konkurrenz unter Vertrag sind, dürfen sich über viel Geld freuen und bei der "Bild"-Zeitung bedanken. Die kämpfte mehr als ein Jahr gegen das Monopol – und für Nike.

Exklusiv waren die Meldungen nie so recht zu der Zeit, als Jürgen Klinsmann noch Bundestrainer war. Der direkte Zugang zum Mann mit der gewissen Boulevard-Antipathie war kein guter für "Bild", "Bild am Sonntag" oder "Sportbild". Also wurde mit Genuss der kalifornische Wohnort bemäkelt - oder ein "Schuh-Krieg" geführt. Der war garantiert "exklusiv".

Schon als alles beginnt, spielen zwei Namen in "Bild" eine prominente Rolle: Miroslav Klose und Oliver Bierhoff. Klose in der Rolle des Mannes, der "im Deutschland-Trikot verbotene Schuhe tragen" müsse – so jedenfalls nennt die "Sportbild" am 27. April 2005 Kloses Nike-Treter. Verboten sind sie deshalb, weil es Adidas gibt und dessen Schuh-Monopol. Kein Spieler traue sich bislang, so die Zeitung, dagegen vorzugehen.

Also tut es "Sportbild" selbst und lässt den Landshuter Anwalt Ernst Fricke, "Experte für Öffentliches Recht", sprechen: "Wer klagt, wird Recht bekommen. Erstens, dass der Vertrag die Persönlichkeitsrechte des Klägers verletzt. Zweitens, dass der Ausrüstervertrag in Bezug auf den Kläger ungültig ist. Laut Verfassung hat jeder das Recht zur freien Entfaltung seiner Persönlichkeit." Also, schlussfolgert das Blatt, "auch zur freien Wahl der Fußballschuhe."

Teammanager Bierhoff will hart bleiben, mit einem Argument, das einleuchtet: "Ruhe haben" wolle man. Für "Sportbild" gilt das nicht: Spieler wie Klose müssten auf hohe Prämien der Adidas-Konkurrenz warten, "bis in der Nationalelf die Schuhwahl freigestellt ist." Hier wird schon das gewünschte Ergebnis vorweggenommen, auch wenn der Teammanager nicht glaube, so das Blatt, dass dies vor der WM passiert: "Es sei denn, DFB und Adidas erteilen einvernehmlich die Freigabe. Ich weiß, wie störend es für Spieler ist, nicht in gewohnten Schuhen spielen zu dürfen. Ich fühle mich aber als Manager dem DFB genauso zur Loyalität verpflichtet wie einst als Kapitän." Der letzte Satz wirkt irgendwie pflichtschuldig.

Am 4. Mai 2005 zitiert die "Sportbild" exklusiv aus einem Brief der Vereinigung der Vertragsfußballer (vdv), also der Spielergewerkschaft der Profis, vom 17. März, der zwölf Nationalspielern anbietet, "gegen das Schuhmonopol vorzugehen". Anonym kommt ein DFB-Kicker zu Wort, der von einer "Zweiklassen-Gesellschaft" innerhalb der Nationalmannschaft spricht. Eine "große Unzufriedenheit" konstatiert der namenlose Profi, "nicht nur, aber vor allem wegen der Schuhe".

Die Folge: "Krach mit der Spielergewerkschaft", titelt "Bild" zwei Tage später. Aber der Bundestrainer bleibt hart. "Klinsi ist strikt dagegen", zitiert das Blatt Klinsmann, "es wird hier keiner mit einem anderen Schuh als von Adidas spielen". Wer nicht wolle, könne "nach Hause fahren". Betroffen auch hier: Miroslav Klose. Dieser hatte sich mit seinen Kollegen allerdings schon Monate zuvor verpflichtet, die DFB-Bedingungen, die den Umgang mit Sponsoren regeln, zu unterschreiben.

Nach dem Klinsmannschen Machtwort ist aber nicht etwa Ruhe. "Bild" reklamiert auch in der Folge das mediale Schuhmonopol für sich, und die Schnürsenkel werden sogar fester gebunden. In einem Interview mit DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder fünf Tage später stellt die "Sportbild" mit dem Vehikel "schlimme Gerüchte in der Branche" eine Frage, die insinuiert, Adidas habe sich die Vertragsverlängerung beim DFB bis 2010 womöglich mit illegalen Mitteln erkauft.  Sogar präzisiert wird nach "MVs" Dementi, "von Schmiergeldern" ist die Rede. Einen Beleg führt die "Sportbild" nicht an, warum auch. Es sind ja nur "schlimme Gerüchte".

Ein Jahr später ist WM, und exklusive Geschichten gefragter denn je. So besinnt man sich wieder eines offenbar noch nicht ganz ausgelatschten Themas. "Millionen weg!", schreibt die "Bild am Sonntag" am 11. Juni 2006, zwei Tage nach Kloses zwei Toren gegen Costa Rica (4:2). "Also alles gut bei Klose? Schön wär's! Denn während David Beckham oder Ronaldinho ihre Tore in der Nationalelf kräftig vergolden können, geht unser Tor-Held weitgehend leer aus!", heißt es, Ausrufezeichen inklusive. Denn: "Ein Adidas-Vertrag mit dem DFB verbietet, dass Klose bei der WM mit seinen Nike-Schuhen Tore schießt. Schuhe, mit denen Klose Bundesliga-Torschützenkönig wurde (25 Tore)."

Da ist er wieder, der böse Vertrag mit Adidas, und den Lesern wird auch gleich vor Augen geführt, was das bedeutet. Nicht nur, dass der Torschützenkönig bei der WM nicht mit seinen Torschützenkönig-Schuhen spielen darf, er verliert auch noch viel Geld. Klose-Berater Alex Schütt exklusiv in der "Bams": "Miro taucht in den weltweiten Werbe-Kampagnen von Nike kaum auf, weil man ihn bei der Nationalmannschaft nicht als Nike-Spieler wahrnimmt. Das ist unser Problem. Dadurch geht Miro ein kräftiger Batzen Geld verloren" , so Schütt.

Die "Bams" weiß es auch hier ganz genau. "Kräftiger Batzen", das sei "sogar noch untertrieben. Nike bot Klose einen 2-Millionen-Vertrag an, wenn er auch in der Nationalelf in Nike spielt. Wird er WM-Torschützenkönig, könnte Klose sogar bis zu 4 Millionen Euro verdienen. Adidas zahlt jedem Nationalspieler bei der WM 50.000 Euro", schreibt das Blatt. Nun kommt wieder Bierhoff zu Wort, der laut "Bams" "Verständnis" zeige. "Ich kann verstehen, dass die Spieler in ihren Schuhe spielen wollen", sagt Bierhoff, der bis 31. Juli 2006 bei Nike unter Vertrag stand. Er fügt aber hinzu, dass man den "Vertrag mit Adidas nicht brechen" werde.

Lesen Sie im zweiten Teil: "Bild" weiß schon früh dass nach der WM über das Ende des Adidas-Monopols gesprochen werden soll. Und: Der Höhepunkt des "Schuh-Krieges".

Aber auch hier weiß die "Bams": "Das soll sich nach der WM ändern. Bierhoff hat bereits mit Adidas-Chef Herbert Hainer über das Ende der Exklusiv-Rechte bei den Schuhen gesprochen. Nach der WM soll konkret verhandelt werden." Das bestreitet der Teammanager in der "Frankfurter Rundschau" einen Tag später (12. Juni) allerdings. "Das stimmt so nicht. Natürlich diskutieren wir hin und wieder über dieses Thema" (also doch?), "wenn wir uns treffen. Aber es hat und wird auch keine Verhandlungen in dieser Angelegenheit geben", so Bierhoff.

Doch leider hat das Schuh-Diktat auch noch "gesundheitliche Folgen", weiß die "Bams". Klose plage sich seit Wochen mit Schmerzen auf dem Spann an beiden Füßen herum. "Schuld sind die ungewohnten Schuhe. Schon im Trainingslager auf Sardinien eskalierte die Situation", so das Blatt. "'Es geht nicht mehr', beklagte sich Klose bei Klinsmann." Autsch. Dass der Bundestrainer diese Eskalations-Anekdote nach außen – sprich in den Notizblock der "Bams" trug - darf an dieser Stelle wohl ausgeschlossen werden.

Exklusiv hat die "Bild" am 16. Juni dann noch den zweiten Schuh-Zoffer, Jens Lehmann, der das Schuhverbot durchbrochen habe: "'Bild deckt auf: Vor dem Polen-Spiel trainierte er im Nike-Schuh 'Air Zoom Total 90 Supremacy'!" Die Werbung für den Sportartikelhersteller konnte nicht besser auffallen, sogar der Name des Treters wurde genannt. Bierhoff: "Durch einen Tape-Verband am verletzten Knöchel passte er nicht in den schmaleren Adidas-Schuh. Deshalb trug er im Training Nike. Adidas präparierte für Jens einen speziellen Schuh. Der war erst zum Polen-Spiel fertig." Wir konstatieren: Adidas fabriziert zu schmale Schuhe und kann erst zum Polen-Spiel liefern. "Bild": "Mal abwarten, ob der Schuh-Zoff nun erledigt ist."

Wie wir wissen, war er das nicht. Denn der Höhepunkt war heute Morgen erreicht: "WM-Helden drohen mit Streik!" auf Seite eins mit Klose-Foto, "die Nationalelf und der DFB stehen vor der größten Zerreißprobe ihrer Geschichte" auf Seite neun (zwei Klose-Fotos, einmal Lehmann). Aus dem Mannschaftsrat (Klose, Lehmann, Torsten Frings, Bernd Schneider) erfuhr "Bild", dass ein Boykott des Schweden-Spiels geplant sei, wenn man nicht in den eigenen Schuhen spielen dürfe. Denn: "Das bringt sie um besser dotierte Werbeverträge bei den Konkurrenten wie Nike und Puma" ("Bild"). Bierhoff: "Das DFB-Präsidium muss nun eine Klärung herbeiführen. Ich versuche nur zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass Trainer Joachim Löw immer die besten Spieler hat." Von denen einige eben bei Nike unter Vertrag stehen.

Die "Klärung" findet im September statt, dann wollen die DFB-Präsidenten Mayer-Vorfelder und Theo Zwanziger "die Angelegenheit in Gesprächen mit der Firma Adidas und dem Ligaverband mit dem Ziel einer einvernehmlichen Lösung für alle Beteiligten zu Ende bringen". Es sieht fast so aus, als würden die Sieger in diesem Krieg die sein, die ihn begonnen haben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.