DFB-Debütant Weidenfeller Im Wembley-Tor

Roman Weidenfeller steht mit 33 Jahren gegen England vor seinem Länderspiel-Debüt. So alt wie er war noch nie ein Torwart zu Beginn seiner Nationalelf-Karriere. Eine komplizierte Zweierbeziehung zum DFB findet damit doch noch ein Happy End.

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Aus London berichtet


Das Wembley-Tor steht gemeinhin für einen der sportlich größten Unglücksfälle in der Geschichte des deutschen Fußballs. Es ist verbunden mit jener fatalen Entscheidung des Unparteiischen-Gespanns, die Deutschland 1966 womöglich um den Weltmeistertitel gebracht hat.

Wenn Roman Weidenfeller "Wembley-Tor" hört, bedeutet das für ihn das denkbar größte Fußballglück.

Dort, in der Kathedrale des Fußballs, hat er im Mai bei seinem ersten großen internationalen Finale im Tor gestanden. Und dort wird er am Dienstag gegen England (20.45 Uhr ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) mit 33 Jahren sein allererstes Länderspiel bestreiten, wie Bundestrainer Joachim Löw auf der Pressekonferenz vor der Partie verkündete. Den ersten Rekord sichert sich der Dortmunder damit schon vor dem Anpfiff. So alt wie er war noch nie ein DFB-Torwart bei seinem Debüt.

Das Thema war ein rotes Tuch

Weidenfeller hat einen langen Weg hinter sich bis zu dieser Premiere im Nationaldress, einen sehr langen. Wenn er denn auch jetzt sagt, "für mich ist ein Traum wahr geworden", dann ist das daher wohl auch mehr als das übliche Fußballer-Gefloskel. Seit 1999 ist er Profi, er hat mittlerweile mehr als 300 Mal in der Bundesliga gehalten, er ist mit Borussia Dortmund zweimal Deutscher Meister geworden, er hat im Champions-League-Finale gestanden, aber das Thema Nationalmannschaft blieb über die Jahre so etwas wie ein rotes Tuch.

Wenn er in diesen Jahren auf den DFB und die Nationalelf angesprochen wurde, merkte man Weidenfeller schnell eine gewisse Verletztheit, Gereiztheit am Rand der persönlichen Gekränktheit an. Er selbst hat gesagt, dies sei "immer nur medial ein Thema gewesen", aber er weiß genau, dass da mehr war. Die A-Nationalmannschaft und Roman Weidenfeller - das war eine komplizierte Beziehung.

Der Satz des Torwarts aus dem Jahr 2011, er müsse "sich vielleicht die Haare schneiden oder zierlicher werden", um beim Bundestrainer Einlass zu finden, ist bei Löw und seinem Team damals sehr genau registriert worden. Der BVB musste sich anschließend beeilen, eine Erklärung herauszugeben mit dem Inhalt: Weidenfeller habe sich damit "in keiner Weise schwulenfeindlich geäußert". Eine Formulierung, die nicht wirklich zur Deeskalation beigetragen hat. Der Bundestrainer reagierte kühl, nannte Weidenfeller "einen guten Torwart", aber der Hannoveraner Ron-Robert Zieler zum Beispiel sei in seinen Augen der Bessere.

Normalerweise sind bei Löw nach so einem Vorfall die Türen geschlossen. Der Bundestrainer ist keiner, der vorzugsweise vergibt und vergisst. Aber wieder war es Wembley, das für Weidenfeller entscheidend wurde. Seine starke Vorstellung im Champions-League-Endspiel, seine Souveränität, mit dem Druck eines Spiels der Spiele umzugehen, hat Löw beeindruckt und ihn zum Umdenken gebracht. Einer, der sich von einer WM-Atmosphäre nicht verrückt machen lässt, kann auch im Turnierverlauf wertvoll werden. Weidenfeller sei zudem "persönlich gereift", befand Löw am Montag: "Er hat sich die Nominierung verdient."

Köpke unter Rechtfertigungszwang

Dass Torwarttrainer Andreas Köpke die späte Berufung des BVB-Keepers damit begründet, Weidenfeller habe "in den vergangenen ein, zwei Jahren sein Torwartspiel umgestellt", ist dabei wohl eher dem Rechtfertigungszwang des DFB geschuldet - warum man einen so erstklassigen Keeper so lange links hat liegen lassen.

Tatsächlich ist Weidenfellers Torwartspiel - verglichen mit dem Manuel Neuers oder des Gladbachers Marc-André ter Stegen als tendenziell altmodischer zu bezeichnen - , er ist nicht unbedingt perfekt mit dem Ball am Fuß, hat seine Stärken nach wie vor auf der Linie und im Luftkampf. Das war vor fünf Jahren schon so, und das ist letztlich immer noch so.

So kommt es zu der Volte, dass Weidenfeller in dem Moment zur Nationalmannschaft stößt, in dem er das Thema als erledigt abgehakt hatte. Keine schlechte Voraussetzung, um die Aufgabe relativ entspannt angehen zu können. Der Dortmunder ist an einem Punkt der Karriere angekommen, an dem er niemandem mehr etwas beweisen muss.

Und so wie die Dinge im Fußball manchmal laufen, könnte aus dem Verschmähten plötzlich bei einem Turnier der Held werden. Im Lauf einer Weltmeisterschaft kann viel passieren, und vielleicht muss Weidenfeller am Ende der WM der BBC ein Interview geben, in Anlehnung an seinen legendären Fernsehauftritt nach dem Meistertitel 2011: "We have a grandios WM gespielt."

insgesamt 128 Beiträge
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Seite 1
angnaria 18.11.2013
1. Das hat sich
der Roman auf jeden Fall redlich verdient.
de_ba_be 18.11.2013
2.
Freut mich für ihn, das hat er sich definitiv verdient, kommt mMn aber zwei Jahre zu spät...Ich wünsche ihm ein gutes Debüt und vielleicht schafft er es ja doch noch auf den WM-Zug aufzuspringen. Er wäre mir als Back-Up allemal lieber als Adler, ter Stegen, Zieler, Leno ...
azraelreloaded 18.11.2013
3. unfassbar
einen solch xenophoben und homophoben Menschen in das Nationalteam zu berufen. seine Ansichten kann er gerne in der dafür empfänglichen Dortmunder fanszene loslassen. für einen nationaltorhüter passt das aber mal gar nichts!
gg72 18.11.2013
4.
Zitat von sysopGetty ImagesRoman Weidenfeller steht mit 33 Jahren gegen England vor seinem Länderspiel-Debüt. So alt wie er war noch nie ein Torwart zu Beginn seiner Nationalelf-Karriere. Eine komplizierte Zweierbeziehung zum DFB findet damit doch noch ein Happy-End. http://www.spiegel.de/sport/fussball/nationalmannschaft-dfb-debuetant-weidenfeller-a-934201.html
Der DFB und seine Philosophie - ich sag nur Kießling! Man hat ja am Freitag zu hauf gesehen wie wichtig dieser für die Nationalmannschaft wäre.
HaioForler 18.11.2013
5.
Zitat von azraelreloadedeinen solch xenophoben und homophoben Menschen in das Nationalteam zu berufen. seine Ansichten kann er gerne in der dafür empfänglichen Dortmunder fanszene loslassen. für einen nationaltorhüter passt das aber mal gar nichts!
Was für Argumente, rofl. Es waren schon Torhüter dabei, die gegen Katzen waren.
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