Fußballnationalmannschaft Kimmich ≠ Lahm

Joshua Kimmich gehört im Mittelfeld und als Rechtsverteidiger zur Weltspitze – wie früher Philipp Lahm. Wo soll der Münchner bei der EM spielen? Im Vergleich gibt es einen großen Unterschied.
Joshua Kimmich ist anspielbereit und initiiert viele Angriffe

Joshua Kimmich ist anspielbereit und initiiert viele Angriffe

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Tobias Schwarz / dpa

Seine Entscheidungen sei getroffen, sagte Joachim Löw, auch was die Rolle des Rechtsverteidigers angeht. Nur im Notfall, wenn es auf der rechten Seite ein akutes Problem gäbe, wolle er zu einer bewährten, aber auf einer anderen Position benötigten Lösung zurückgreifen. Allerdings sprach Löw hier nicht etwa von Joshua Kimmich. Stattdessen ging es um Philipp Lahm.

Zwei Tage vor dem WM-Viertelfinale 2014 gegen Frankreich wurden diese Sätze von Löw über seinen damaligen Kapitän publik, der Bundestrainer sagte sie damals der Wochenzeitung »Die Zeit« (hier können Sie die Aussagen nachlesen). Geführt wurde das Interview wohl vor dem Achtelfinale gegen Algerien, das die DFB-Elf erst in der Verlängerung gewann und in dem sich Shkodran Mustafi, der Aushilfsrechtsverteidiger, schwer verletzte. Lahm, eigentlich im defensiven Mittelfeld gesetzt, rückte schon gegen Algerien als Notfall für Mustafi nach hinten und spielte fortan bis zum WM-Titel als Rechtsverteidiger.

Was das alles mit Joshua Kimmich zu tun hat? Nun, es gibt Parallelen zwischen dem 26-jährigen Münchner und einem seiner Vorgänger beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft. Kimmich begann seine Profilaufbahn in zentralen Rollen, wechselte im dritten Jahr bei den Bayern auf die rechte Seite und spielte sich dort auch im DFB-Team fest. Mittlerweile ist Kimmich wieder ins defensive Mittelfeld zurückgekehrt und wird dort auch am Abend im WM-Qualifikationsspiel in Bukarest auflaufen (20.45 Uhr Liveticker SPIEGEL.de; TV: RTL). Lahm wiederum spielte die meiste Zeit als Außenverteidiger, ehe er in der Spätphase seiner Karriere ins Mittelfeld wechselte. Kimmich und Lahm vereint die Gabe, zu ihrer Zeit auf beiden Positionen zu den Besten gehört zu haben und eigentlich auf beiden Positionen gebraucht worden zu sein.

Ich persönlich fühle mich im Mittelfeld am wohlsten. Trotzdem kann ich der Mannschaft auch als Rechtsverteidiger helfen.

Joshua Kimmich

2014 gab es viele Diskussionen um die ideale Position für Lahm und nun, im Vorfeld der EM 2021, wird erneut debattiert. Wo soll Kimmich spielen? Im zentralen Mittelfeld des von Löw favorisierten 4-3-3, wo es mit Kimmich, İlkay Gündoğan, Toni Kroos und Leon Goretzka vier potenzielle Stammspieler für drei Positionen gibt? Oder auf der rechten Abwehrseite, wo es viele Aushilfs-, aber keine Dauerlösungen gibt? Löw selbst sagt, er wird darüber nachdenken und sich im Mai entscheiden.

Die fehlende Alternative auf höchstem Niveau spricht für eine Rückversetzung auf die rechte Seite. Zumal bei der Europameisterschaft schon in der Gruppenphase mit Frankreich und Portugal zwei Gegner warten, die mit Kylian Mbappé oder Kingsley Coman und Cristiano Ronaldo oder Raphaël Guerreiro Gegenspieler aufbieten können, die den deutschen Rechtsverteidiger erheblich fordern werden.

»Die Diskussion wird gefühlt niemals enden«, sagte Kimmich selbst am Samstag. »Ich persönlich fühle mich im Mittelfeld am wohlsten. Trotzdem kann ich der Mannschaft auch als Rechtsverteidiger helfen. Ich bin keiner, der sich dagegen wehrt.«

Wie bei den Bayern wächst Kimmich zusehends in die Rolle des Anführers hinein. Er ist lautstark und auch neben dem Platz engagiert. Er verkörpert einen unvergleichlichen Siegeswillen, er geht keinem Zweikampf aus dem Weg. Und als eine Art Quarterback ist Kimmich auch spielerisch stilprägend für diese Mannschaft, er ist Ausgangspunkt vieler Angriffe. Sollte Manuel Neuer, der am Tag vor dem Rumänien-Spiel seinen 35. Geburtstag gefeiert hat, mal nicht mehr zur Verfügung stehen, hat Kimmich große Chancen, ihm als Kapitän nachzufolgen. Lahm wurde in Kimmichs jetzigen Alter von 26 Jahren Kapitän, so früh aber nur, weil Michael Ballack die WM 2010 verletzt verpasste.

Da sind sie wieder, die Parallelen zwischen Kimmich und Lahm. Doch bei genauer Betrachtung gibt es einen entscheidenden Unterschied: Der Mittelfeldspieler Kimmich ist für den Bundestrainer nicht zu ersetzen. Kroos, Gündoğan, Goretzka, auch Gladbachs Florian Neuhaus – die Konkurrenten sind herausragende Achter, sie brauchen aber allesamt eine Absicherung. Das war 2014 anders, als der zu Turnierbeginn angeschlagene Bastian Schweinsteiger ins Team zurückkehrte und Lahm für die rechte Seite frei wurde.

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Gegen Rumänien wird erneut Lukas Klostermann als Rechtsverteidiger auflaufen. Der Leipziger dürfte über den Status als Notlösung jedoch nicht hinauskommen. Es gibt mit Emre Can, Matthias Ginter, Thilo Kehrer und Benjamin Henrichs weitere Kandidaten, die sich die Position über die vergangenen Monate geteilt haben. Keiner aus diesem Quintett bringt alle Qualitäten mit, die ein moderner Außenverteidiger benötigt: Zweikampfstärke, Schnelligkeit, Flanken, Dribblings, Passsicherheit, Stellungsspiel, taktisches Geschick.

Doppeltorschütze gegen Ungarn bei der U21-EM: Ridle Baku

Doppeltorschütze gegen Ungarn bei der U21-EM: Ridle Baku

Foto: Szilvia Micheller / Matthias Koch / imago images/Matthias Koch

Wer das am ehesten auf sich vereint, steht derzeit gar nicht im Kader der A-Nationalmannschaft. Ridle Baku spielt die Vorrunde bei der U21-EM und gehört zu den Leistungsträgern. Löws Entscheidung, auf Baku zu verzichten, verwunderte im ersten Moment. Doch womöglich wollte er dem Wolfsburger, der in dieser Bundesligasaison schon an neun Toren beteiligt war, noch die Turniererfahrung mit der U21 ermöglichen, um ihn dann wieder zurückzuholen. Und Kimmich könnte langfristig im Mittelfeld bleiben.

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