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Nationalmannschaft Generation Götze übernimmt

Atemberaubend ist das Tempo, in dem sich die deutsche Nationalelf verjüngt. Mittlerweile könnte Joachim Löw ein Team fast ausschließlich aus Spielern zusammenstellen, die Anfang 20 sind. Für die Etablierten ist das eine echte Bedrohung: Ihr Stammplatz ist in Gefahr.

Lukas Podolski ist ein gutes Beispiel. Der Kölner ist einer der Erfahrensten im deutschen Kader. Er hat 90 Länderspieleinsätze absolviert, vier große Turniere gespielt und drei Bundestrainer erlebt.

Podolski ist gerade 26 Jahre alt.

In früheren Zeiten der Nationalmannschaft wäre der offensive Mittelfeldspieler einer der Jüngeren im Team gewesen. Einer, der sich an den Routiniers, an den über 30-Jährigen hätte orientieren müssen. Einer, der sich hätte sicher sein können, noch fünf, sechs Jahre in der Nationalelf spielen zu können.

Diese Sicherheit gilt unter Joachim Löw nicht mehr. Die Nationalspieler, die man so gerne als "Generation Lahm" bezeichnet, also die Profis Mitte oder Ende 20, laufen mittlerweile Gefahr, von den noch Jüngeren verdrängt zu werden. Im Fall Podolski hieße das konkret: von André Schürrle (20), von Mario Götze (19), von Marko Reus (21), von Kevin Großkreutz (23). Innenverteidiger Per Mertesacker (26) muss sich mit der Konkurrenz eines Holger Badstuber (22), eines Jérôme Boateng (22) oder Mats Hummels (22) auseinandersetzen.

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Deutschland vs. Brasilien: Götzinho, der wahre Brasilianer

Foto: Lars Baron/ Bongarts/Getty Images

Selbst der eigentlich unumstrittene Führungsspieler Bastian Schweinsteiger spürt den Druck. Auf der defensiven Sechserposition, die der 27-jährige Münchner bekleidet, würden in der Nationalelf auch gerne Bayern-Kollege Toni Kroos (21), Dortmunds Sven Bender (22) oder der von Löw erstmals nominierte Ilkay Gündogan (20) spielen. Auch wenn der Gedanke derzeit noch kühn sein mag: Eine längere Schaffenskrise darf sich auch Schweinsteiger nicht erlauben, wenn er seinen Platz dauerhaft sichern will.

Thomas Müller (21) und Mesut Özil (22) haben den Sprung in die Nationalelf seit der WM 2010 ohnehin längst geschafft.

Es kann sein, dass von der Generation Lahm irgendwann nur Lahm selbst übrig bleibt.

"Es wird eines meiner Hauptziele des kommenden Jahres sein, weitere junge Spieler an das Team heranzuführen", hat Löw in dieser Woche noch einmal als Maxime seines Handelns ausgegeben, und die Etablierten dürfen das getrost als Drohung verstehen.

Erfahrung zählt weniger

Erfahrung, jahrzehntelang ein unschätzbarer Faktor, ist im internationalen Fußball mittlerweile ein begrenzter Wert geworden, seitdem die jungen Spieler in ihren Vereinen früh in Führungsaufgaben rutschen. Die Schürrles, Götzes und Benders sind heutzutage sowohl technisch als auch taktisch bereits bestens ausgebildet aus den Jugendteams von Verein und DFB hervorgegangen.

Es macht den Eindruck, als habe sich das Tempo, mit dem im deutschen Fußball die Generationsfolge vor sich geht, verdoppelt. Wer 30 Jahre alt ist und nicht Miroslav Klose heißt, ist fast schon zu alt für einen Job in der Elite-Elf.

Thomas Hitzelsperger, Andreas Hinkel, Gerald Asamoah absolvierten allesamt Dutzende Länderspiele, haben aber nicht nur in der DFB-Elf keine Perspektive mehr. Mittlerweile finden sie nicht einmal mehr einen Verein. "Als ich ein junger Spieler war, da galt 29 mal als bestes Fußballeralter", hat Hinkel letztens in der "Süddeutschen Zeitung" beklagt. Außer Klose, Torwart Tim Wiese, Simon Rolfes und Cacau stand kein deutscher Profi im Brasilien-Kader, der 29 oder älter war.

Matthäus noch mit 40 berufen

Im heutigen Alter Podolskis hatte Klaus Augenthaler, einer der Recken der Weltmeister-Elf von 1990, sein erstes Länderspiel bestritten. Augenthaler wurde mit 32 Jahren Weltmeister. Das war damals fast normal. Sein Teamkollege Guido Buchwald stand noch mit 33 Jahren im Kader für die WM 1994, keiner hatte darüber ein Wort verloren. Dass Lothar Matthäus mit fast 40 Jahren noch einmal für ein großes Turnier berufen wurde, wie es der irrlichternde Bundestrainer Erich Ribbeck für die EM 2000 tat, wäre heute undenkbar. Das sprach zwar auch für die Ausnahmequalität von Matthäus, aber weit mehr sagte es über die gewaltige Not aus, die damals im deutschen Fußball um den talentierten Nachwuchs herrschte.

"Es ist ja gar nicht mehr so einfach, in diese Mannschaft noch hineinzukommen. Sie ist ja schließlich sehr jung", hat Löw nach dem 3:2-Sieg gegen Rekordweltmeister Brasilien lakonisch festgestellt und gleichzeitig gesagt: "Ich fühle mich verpflichtet, den Konkurrenzdruck hochzuhalten."

Die Nationalmannschaft der unter 17-Jährigen hat im Vormonat bei der WM begeistert, unter anderem Brasilien und England geschlagen und den Weltmeistertitel nur knapp verfehlt. Die nächste Generation wartet also bereits.

Die 20-Jährigen sollten sich in Acht nehmen.

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