Nationalmannschaft in Tschechien Links, Rechts, Ersatzbank

Die deutschen Außenverteidiger Philipp Lahm und Marcell Jansen galten als vielversprechendes Duo für die EM 2008. Im Qualifikationsspiel gegen Tschechien laufen sie gemeinsam auf, doch ihre Wege haben sich getrennt. Jansen kämpft nicht nur in der Bundesliga gegen den Abstieg.

Man hat der deutschen Nationalmannschaft schon oft magische Kräfte nachgesagt. Sie könne Weltmeister werden, sagte Jürgen Klinsmann, als er noch Bundestrainer war. Sie habe ganz Deutschland in einen kollektiven Freudentaumel versetzt, schrieben die Kommentatoren später über die Nationalmannschaft, als sie doch nicht Weltmeister geworden war. Das letzte Wunder, das man der DFB-Elf nachsagte, war, dass sie krisengeschüttelte Nationalspieler wieder aufbauen könne.

Das stimmt im Prinzip, nur nicht für jeden.

Philipp Lahm ist die positive Wirkung seines Aufenthalts bei der Nationalmannschaft auf den ersten Blick anzusehen. Vor dem EM-Qualifikationsspiel in Prag gegen Tschechien (Heute, 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) lächelt er jeden an, der ihm über den Weg läuft. Er lächelt auch, wenn er spricht - und am häufigsten spricht er von der "Lockerheit", die ihn wie vor jedem Länderspiel auch hier erfasst habe. Die "nötige Lockerheit" nennt Lahm das, nötig für eine gute Leistung, auf welcher Seite auch immer.

Im Duell des Tabellenführers beim Tabellenzweiten, dem "wichtigsten Spiel der EM-Qualifikation" (Bundestrainer Joachim Löw), wird Lahm morgen seine angestammte Position links hinten verlassen und auf die rechte Abwehrseite wechseln. Das war auch schon bei den beiden Qualifikationserfolgen in San Marino (13:0) und gegen Irland (1:0) so, nachdem er sich bei der WM auf links in die Weltspitze gespielt hatte. Lahm ist, das macht ihn so wertvoll, auch auf der "falschen Seite" der beste deutsche Außenverteidiger. Wieder.

Nach der WM begann die Bundesliga, und der 23-Jährige hatte nach dem Großereignis Mühe, sich wieder in der Realität zurechtzufinden. Der Druck war ein anderer, außergewöhnliche Leistungen des Linksverteidigers wurden vorausgesetzt. Doch stattdessen folgten Müdigkeit im Kopf und in den Beinen, durchschnittliche Darbietungen und schlechte Noten in der Fachpresse. Natürlich gab es auch herausragende Auftritte - aber die absolvierte Lahm vor allem, wenn er im Nationaldress auflief. Die Kuraufenthalte im Wellness-Park Nationalmannschaft ließen Lahm so weit genesen, bis er auch im Verein wieder auf den Beinen war.

Eigentlich kann auch Marcell Jansen nicht klagen. Der Mönchengladbacher wird gegen Tschechien auf Lahms Position rücken, er läuft von Beginn an auf in dem bedeutendsten Spiel der DFB-Elf seit der Partie um Platz drei bei der WM. Doch anders als in San Marino, gegen Irland oder zuvor im Test gegen Schweden (3:0), als Jansen ebenfalls in der Startformation stand, profitiert der Linksfuß diesmal von der Personalnot im deutschen Team. Der Bremer Clemens Fritz ist gelbgesperrt, Arne Friedrich (Hertha BSC) verletzt. Jansen, der mal als größtmögliche Hoffnung des deutschen Fußballs galt, ist unversehens zum Lückenfüller geworden.

Dabei galt das Außenverteidiger-Duo Lahm/Jansen, das morgen auf dem Rasen der Toyota-Arena in Prag steht, schon zu Klinsmanns Zeiten als aussichtsreichster Zukunfts-Entwurf für die EM 2008. Jansen, gerade 21, schien gesetzt. So weit die Theorie. Praktisch geht es für Jansen in Tschechien darum, die Chance auf einen Stammplatz in der DFB-Elf zu wahren. Große Fortschritte sind beim hochtalentierten Linksfuß aus Mönchengladbach nicht mehr zu beobachten gewesen, seit er kurz vor der WM debütierte. Der Abstiegskampf mit seinem Verein zehrt an den Nerven, auch die Tatsache, dass er es mitunter allein war, der sich gegen Niederlagen wehrte. Seine berufliche Zukunft ist noch ungeklärt, am Niederrhein wird er wohl nicht bleiben.

Die Ausflüge zur DFB-Elf hätten für Jansen, der von der Borussia in Interviews mitunter von "meiner Mannschaft" sprach, stärken können. Doch was bei Lahm gelang, funktionierte bei dem jungen Gladbacher nicht. Zu übermotiviert und hektisch agierte Jansen nach vorn, der Druck schien ihn immer wieder zu blockieren. Im letzten Test gegen die Schweiz (3:1) wurde er in der 74. Minute für Bastian Schweinsteiger eingewechselt - für das offensive linke Mittelfeld.

In Mönchengladbach hat man es mit Jansen auch offensiv versucht, aber es zeigte sich, dass der talentierteste Borusse noch zu unerfahren für diese Position ist. Jansen ist ein besserer Linksverteidiger, stark im Zweikampf und beim schnellen Umschalten. Für den offensiven Part fehlt es ihm nicht an Schnelligkeit, dafür aber an Trickreichtum und Torgefahr. Sein größtes Problem ist aber, dass viele glauben, er könne alles spielen: links hinten, im linken Mittelfeld oder gar einen verkappten Außenstürmer. In Mönchengladbach hat man ihn mittlerweile wieder zurückgezogen.

Im DFB-Team wird es für Jansen nun langsam eng. Jahrelang hat man in Deutschland nach Linksverteidigern gesucht, man fand zunächst einen Rechtsfuß (Lahm), dann entdeckte man einen jungen Mann bei Borussia Mönchengladbach. Nun gilt der Schalker Christian Pander - ebenfalls ein Linksfuß - als potentieller Debütant unter Löw. Die Konkurrenz auf der einst verwaisten Position links hinten ist plötzlich groß, und Löw hat für das Spiel in Tschechien auch noch eine Überraschung angekündigt. Womöglich kommt der 19-jährige Leverkusener Gonzalo Castro zu seinem ersten Länderspiel. Seine Position ist die des rechten Außenverteidigers. Philipp Lahm würde dann wieder nach links rücken. Und Jansen auf die Bank.

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