Testspiel gegen Australien Renoviert wird später

Joachim Löw beginnt das Länderspieljahr mit bekanntem Personal und bekannter Taktik. Etwas verändern will der Bundestrainer erst ab dem Sommer - ein riskanter Plan.

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Von , Kaiserslautern


Als Joachim Löw und Bastian Schweinsteiger zuletzt gemeinsam vor die Presse traten, war das im Juli. Es war in Rio de Janeiro, es war warm, es war der Vorabend des WM-Endspiels. Löw und Schweinsteiger standen vor dem Höhepunkt ihres Schaffens.

Seitdem sind acht Monate vergangen. Löw und seine DFB-Elf haben sich mehr schlecht als recht durch die EM-Qualifikation gekämpft, Schweinsteiger hat seitdem kein einziges Länderspiel bestritten, der Zauber ist dahin.

Jetzt sitzen sie wieder gemeinsam auf dem Podium, nicht in Rio, sondern in Kaiserslautern, und der Gegner lautet auch nicht Argentinien, sondern Australien (Mittwoch 20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Der Weltmeister ist im Alltag angekommen.

Der Bundestrainer sagt, er habe schon vor Monaten gewusst, "dass wir nach einem solchen Kraftakt Probleme bekommen". Probleme, die sich im vergangenen Herbst in den Punktverlusten gegen Polen (0:2) und gegen Irland (1:1) manifestierten. Was zu der "für uns ungewöhnlichen Situation führt, dass wir in der Qualifikation unter Druck stehen", sagt Löw.

Auch für ihn ist das neu, bislang waren seine Teams souverän durch Qualifikationen spaziert, jetzt muss Löw sogar vor dem kommenden Pflichtspielgegner Georgien warnen (Sonntag 18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Veränderungen werden erst mal aufgeschoben

Löw hatte, bevor es in die fast viermonatige Pause ging, von notwendigen Veränderungen gesprochen, davon, dass sich dringend etwas tun müsse bei der Nationalmannschaft, die noch Monate nach dem Titelgewinn im Abklingbecken zu plantschen schien. Nun klingt das allerdings schon wieder etwas anders.

Im Aufgebot für die zwei anstehenden Länderspiele stehen bis auf die langzeitverletzten Rückkehrer Ilkay Gündogan und Holger Badstuber durchweg die bekannten Namen, das Projekt Nationalelf-Reform ist erst einmal auf den Sommer verschoben. "Ich sehe keinen Sinn darin, jetzt junge Leute zu nominieren, die dann womöglich nur 90 Minuten auf der Bank sitzen." Löw macht keinen Hehl daraus, wen er dabei im Hinterkopf hat: Emre Can vom FC Liverpool, den Hoffenheimer Kevin Volland sowie Max Meyer und Leon Goretzka von Schalke 04.

Dieses Quartett soll nach den Vorstellungen des Bundestrainers erst einmal bei der U21-EM im Juni die notwendige Turnierhärte erlangen, möglichst den Titel holen und mit dem entsprechenden Rückenwind dann zur A-Elf stoßen. So wie es die U21-Europameister 2009 gemacht haben: Sami Khedira, Mesut Özil, Mats Hummels, Manuel Neuer, Benedikt Höwedes, Jérome Boateng. Allesamt Weltmeister 2014.

Auch Podolski bekommt natürlich wieder seine Chance

Die Spiele gegen Australien und Georgien werden dagegen mit dem bekannten Stammpersonal angegangen. Auch die formschwachen André Schürrle und Lukas Podolski sind mit von der Partie. Löw und die Treue zu seinen bewährten Spielern - darüber kann man mittlerweile ein dickes Buch schreiben.

Wenn dann mit den entscheidenden Partien gegen Schottland, Polen und Irland "der heiße Herbst" (Löw) beginnt, sollen nicht nur personell, sondern auch taktisch neue Wege gegangen werden. Ein durchaus riskantes Unterfangen. Das Einüben neuer taktischer Abläufe wäre in den Spielen gegen relativ harmlose Gegner wie Australien, Georgien oder im Juni Gibraltar womöglich gefahrloser als später gegen die vermeintlichen Hochkaräter der Qualifikation. "Es ist uns schon mehrfach so gegangen, dass wir ohne intensive Trainingseinheiten etwas Neues probieren mussten", sagt Löw.

Dreierkette, Fünferkette - alles sei denkbar. "Am Ende des Jahres werden wir analysieren, was wir beibehalten und was wir wieder verwerfen", sagt Löw. Als dann für die EM 2016 qualifiziertes Team, davon ist immer noch auszugehen, selbst wenn die DFB-Elf derzeit nur auf Platz drei ihrer Vorrundengruppe liegt. "Wir sind schließlich die Nummer eins der Welt", ruft Schweinsteiger in Erinnerung, und als solche "sollte man schon in der Lage sein, auch mehrere Systeme zu beherrschen".

Löw sagt, "die einmalige Einheit, die die Mannschaft während der WM bildete", sei noch nicht wieder da. Dass jetzt Schweinsteiger, Marco Reus oder Sami Khedira ihre teilweise komplizierten Verletzungen auskuriert haben, soll helfen, diesen Zustand zu ändern. Mit Badstuber und Gündogan hat der Bundestrainer zusätzliche Optionen, die ihm im vergangenen halben Jahr fehlten. Optionen, die die Konkurrenzsituation im Team verschärfen. So wie Joachim Löw es liebt.

Dass der Bundestrainer die Partie gegen Australien zum Duell Weltmeister gegen Asienmeister hochjazzt, gehört mit zum Programm, die Zügel nach dem Jubeltrubel infolge des WM-Titels härter anzuziehen. Zwar müsse man Geduld haben, bis sich das Team "wieder auf WM-Niveau bewegt", sagt er. Aber: "Die Punkte müssen trotzdem her." Gegen Georgien, gegen Gibraltar. Das Festjahr 2014 ist vorbei. Die Schonzeit jedoch wurde noch einmal verlängert.

Holger Badstuber: Seit fünf Jahren gehört der Verteidiger schon zur Nationalmannschaft, dennoch hat er erst 30 Länderspiele absolviert. Der Grund: Verletzungen. Auch die WM 2014 verpasste der 26 Jahre alte Bayern-Profi, nun hat Joachim Löw den Genesenen mal wieder eingeladen.

Ilkay Gündogan: Ähnlich wie bei Badstuber ist auch die DFB-Karriere des Mittelfeldspielers vom BVB gezeichnet von langen Verletzungspausen. 2011 trug Gündogan erstmals das Nationalmannschaftstrikot. Insgesamt bringt der 24-Jährige es erst auf acht (!) Länderspiele, das bisher letzte davon fand ebenfalls in Kaiserslautern statt (14. August 2013 beim 3:3 gegen Paraguay).

Bastian Schweinsteiger: Der 30 Jahre alte Neu-Kapitän gehört seit zehn Jahren zum festen Kern der Mannschaft und kommt auf 108 Länderspiele – ohne seine vielen Verletzungen könnten es noch viele mehr sein. Ob er jemals wieder so eine zentrale Rolle wie beim WM-Gewinn in Brasilien einnehmen wird, ist ungewiss.

Mario Götze: Der WM-Final-Held spielt bei den Bayern auch in dieser Saison gut -aber nicht so gut, wie man es sich von ihm erwartet. Auch Löw weiß um die Qualität des 22-Jährigen, ist aber kritisch was seine Leistungen angeht. Dennoch werden zu den bisher 41 Länderspielen sicher noch etliche hinzukommen.

Marco Reus: An der WM in Brasilien konnte Reus verletzungsbedingt nicht teilnehmen, kurz danach, im EM-Qualifikationsspiel gegen Schottland, erwischte es den Dortmunder erneut am Sprunggelenk. Seit 2011 kam Reus wegen seiner vielen Auszeiten nur auf 23 Länderspiele. Ist der 25-Jährige fit, ist er bei Löw gesetzt.

Sami Khedira: Wie wichtig der Real-Madrid-Spieler für Löw ist, wurde spätestens zur WM deutlich, als der Bundestrainer den lange Verletzten trotz mangelnder Spielpraxis mitnahm. In Madrid gehört der 27 Jahre alte Khedira nicht mehr zur ersten Wahl, oft auch nicht zur zweiten. Löw aber wird weiter auf ihn setzen.

Toni Kroos: Apropos Real Madrid – Kroos schaffte mühelos den Sprung in die erste Elf, spielte erst ganz stark, dann – wie der Rest des Teams auch – deutlich schwächer. Bei der WM war der 25-Jährige einer der besten Spieler, Löw hat höchste Achtung vor dem ruhigen Mann mit dem gefühlvollen Fuß. Kroos dürfte einer der prägenden Spieler dieser Mannschaft bleiben.



insgesamt 31 Beiträge
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boredt0de4th 24.03.2015
1. Danke..
..liebe "Fachpresse". Hoffentlich liest Jogi Löw das Taktik-Blatt Spiegel Online.
ferdinand.ganser 24.03.2015
2. podolski
Die unendliche Geschichte mit Podolski geht weiter. Bei Bayern nur 3.Wahl, bei Arsenal ebenfalls ein Rohrkrepierer und bei Inter ... oder wo dümpelt er gerade herum?? Das größte Missverständnis unter allen deutschen Nationalspielern! Unglaublich: Podolski hat über 100 Länderspiele!!! Er ist ja ein netter Kerl, aber nur als Clown nimmt er Talenten den Platz weg. Ich würde gerne wissen, womit Podolski den Yogi erpresst ... Ich gewinne schon seit 10 Jahren jede Wette mit der Behauptung, Deutschland wird kein Turnier mit Podolski im Team gewinnen. Gott sei Dank war er in Rio nicht dabei ...
Trainspotter 24.03.2015
3. Australien
Den Asienmeister Australien mit Georgien und mit noch mehr Abstrichen Gibraltar gleichzusetzen, grenzt schon an einer Frechheit. Und Goretzka für die erste Elf? Der hat sich doch bei Schalke noch nichtmal vollends durchgesetzt.
pr8kerl 24.03.2015
4. Da ist ja wieder das alte Löw-Bashing!
Sicher habt ihr Besserwisser auch schon vor der WM gegen Löw gemobbt. Bei der WM habt ihr davon wahrscheinlich nichts wissen wollen. Und jetzt fangt ihr wieder an. Ich wünsche euch Miesepetern nichts sehnlicher als die Erkenntnis, dass ihr wieder Unrecht hattet. Und Löw wünsche ich den Europameistertitel. Eure dummen Gesichter würde ich dann gerne sehen.
Skinny Norris 24.03.2015
5. ?
"Optionen, die die Konkurrenzsituation im Team verschärfen. So wie Joachim Löw es liebt." Wirklich? Aufgestellt wird aber dann doch eher danach welcher Spieler denselben Berater wie er, oder in den letzten 40 Jahren mal kurzfristig was geleistet, hat ^^ Ich schließe mich meinem Vorposter an, Löw ist kein großer Trainer!
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