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Außenverteidiger-Problematik: Lahm, dann kommt wenig

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Außenverteidiger-Problem im DFB Alles Lahm

Wo sind die Alleskönner auf Außen? Sieben Monate vor der WM offenbart die deutsche Nationalelf gravierende Mängel auf zwei der wichtigsten Positionen im Fußball. Renommierte Nachwuchstrainer klagen: Der Notstand ist Folge einer verfehlten Ausbildung.

Keine zwei Wochen ist es her, da wurde Heiko Westermann mit Bierbechern beworfen. Die Anhänger des Hamburger SV waren entsetzt über den Innenverteidiger, der beim 3:5 in Leverkusen rechts in der Viererkette spielen musste und restlos überfordert wirkte. "Das war das schlechteste Spiel meiner Karriere", sagte Westermann danach. Aber der Subtext der vernichtenden Selbstkritik war: Ich bin kein Außenverteidiger.

Joachim Löw hat Westermann beim 1:0-Erfolg in England trotzdem auf dieser Position aufgestellt. Dort, wo der Bundestrainer in den jüngsten Testspielen außerdem Lars Bender und Benedikt Höwedes sehen wollte. Links kamen Marcell Jansen und Marcel Schmelzer zum Einsatz. Es ist offensichtlich: Löw hadert, er experimentiert und improvisiert, denn keiner dieser Spieler entspricht dort knapp acht Monate vor WM-Start seiner Idealvorstellung.

Höwedes und Westermann sind eigentlich innen heimisch, Bender spielt normalerweise im Mittelfeld. Über Schmelzer hat Löw einmal in einem Anflug versehentlicher Offenheit gesagt, es gebe "wenig Alternativen, darum müssen wir mit ihm weitermachen". Schließlich könne er sich ja keinen Linksverteidiger "schnitzen". Und Jansen, der gegen Italien und England defensiv einen guten Eindruck machte, ist über zwei Jahre lang gar nicht erst eingeladen worden - bevor die Not vor den WM-Qualifikationsspielen gegen Kasachstan im März besonders groß wurde.

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Über alle Zweifel ist nur einer erhaben: Philipp Lahm. Aber weil der Münchner gerade dabei ist, sich in einen Mittelfeldspieler zu verwandeln, sind die Flanken der Viererkette im Schatten der Debatte über die Besetzung der Doppelsechs Löws größte Baustelle.

Es ist schon seltsam: Alle Welt beneidet Deutschland um das ausgeklügelte und mittlerweile auch ertragreiche Ausbildungssystem, aber außergewöhnliche Außenverteidiger wachsen in den vielen Fußballinternaten einfach nicht heran.

Die begabtesten Talente wurden zu Zentrumsspielern

Das bekommt auch Frank Wormuth zu spüren. Er habe ebenfalls "keine große Auswahl bei der Besetzung dieser Position", sagt der Trainer der deutschen U-20-Nationalmannschaft SPIEGEL ONLINE und liefert direkt eine Erklärung. Während der finsteren Jahre um die Jahrtausendwende litt die Fußballnation massiv unter einem Mangel an technisch und taktisch starken Offensivspielern, weshalb nach der desaströsen EM im Jahr 2000 damit begonnen wurde, einen Schwerpunkt auf die Ausbildung genau solcher Spielertypen zu legen.

Deshalb seien "die besten Fußballer im Jugendbereich in die Zentrale gezogen worden, wo sie am meisten Einfluss auf das Spiel haben", sagt Wormuth. Die begabtesten Talente wurden zu Angreifern und Zentrumsspielern, auf diesen Positionen gibt es nun Brillanz im Überfluss. Die Flanken der Viererkette wurden dagegen eher mit Leuten besetzt, "die konditionsstark sind", glaubt Wormuth, bestimmte Defizite fielen hier nicht so massiv ins Gewicht.

Das klingt plausibel. Sascha Lewandowski, der in der vorigen Saison gemeinsam mit Sami Hyypiä die Profis von Bayer Leverkusen trainierte und nun wieder für die U19 des Werksclubs zuständig ist, sieht noch einen weiteren Grund: "Die Rolle der Außenverteidiger hat sich massiv verändert." Inzwischen müssen sie "eigentlich fast dem komplexesten Anforderungsprofil aller Spieler gerecht werden", sagt er. Und das gelingt eben nur wenigen Weltklasse-Leuten.

Ein Spielertyp, von dem alles verlangt wird

In den gängigen Systemen des modernen Fußballs sei der Außenverteidiger "ein Spielertyp, von dem verlangt wird, dass er vorne im letzten Drittel Lösungsmöglichkeiten hat, er muss flanken können und nach innen ziehen, um dort den Durchbruch zu schaffen, sei es durch Dribblings oder Doppelpassaktionen. Und natürlich soll er auch komplizierte Pässe in den Strafraum spielen können", sagt Lewandowski.

Dass sich derweil keine Räume für Gegenangriffe öffnen, wird vorausgesetzt, und wenn der Gegner über die andere Seite spielt, sei der Außenverteidiger "derjenige, der defensiv so weit einrückt, dass er in den Kopfball gegen den Mittelstürmer muss", erläutert Lewandowski. Schon diese Kurzbeschreibung zeige, "wie komplex diese Rolle ist".

Forciert wurde diese Komplexität durch den Trend, dass die Außenstürmer immer weiter nach innen rücken, um ihre Torgefahr besser zur Geltung zu bringen, und in jenen Räumen für Überzahl zu sorgen, wo es am gefährlichsten ist: im Zentrum. Außerdem ergebe sich aus dieser Grundordnung eine "bessere Ausgangsposition für das Gegenpressing", also die schnelle Balleroberung nach Ballverlusten, sagt Wormuth.

"Athletische Anforderungen sind extrem"

Für den Außenverteidiger heißt das: Er muss die Seitenbahn in vielen Situationen alleine beackern. "Die athletischen Anforderungen sind schon extrem, man braucht den absoluten Topathleten, der sehr ausdauernd ist", sagt Lewandowski. Außerdem werde erwartet, dass diese Spieler schnell sind, "auf Strecke, aber auch im Eins gegen Eins". Und dann seien da noch die technisch-taktischen Anforderungen. Man dürfe sich nicht wundern, "dass es fast überall eine gewisse Unzufriedenheit mit den Außenverteidigern gibt", findet der Leverkusener Nachwuchstrainer.

Denn auch auf dem internationalen Markt sind Weltklasseaußenverteidiger eine Rarität. Die Anforderungen an diese Spieler haben sich "einfach zu schnell verändert", meint Lewandowski. Beim FC Bayern wurde eine kluge Lösung gefunden, als der im Mittelfeld ausgebildete David Alaba zum Linksverteidiger wurde, allerdings kann es sich kaum ein Club leisten, einen derart Hochbegabten nicht im Zentrum einzusetzen. Im Moment scheint es, als könnten nur Weltklasseleute den Anforderungen an das moderne Außenverteidigerspiel gerecht werden.

Und das ist vermutlich einer der Gründe dafür, dass der weltweite Taktiktrend wieder in Richtung Dreierkette geht. Denn mit einem zusätzlichen Innenverteidiger wären die chronisch überforderten Außenbahnspieler zumindest defensiv ein wenig entlastet.