Havertz in der Nationalmannschaft Der Überall-Angreifer

Kai Havertz ist ein Gewinner des guten Starts in die WM-Qualifikation. Ob er nun zum Stammspieler aufsteigt, liegt nicht allein in seiner Hand.
Aus Duisburg berichtet Marcus Krämer
Kai Havertz braucht Freiräume und bekommt sie nun wieder

Kai Havertz braucht Freiräume und bekommt sie nun wieder

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Matthias Koch / imago images/Matthias Koch

Es war eine knappe halbe Stunde gespielt in der Duisburger Arena, als die »Deutschland«-Rufe eines Fans von außerhalb des Stadions zu hören waren. Nun ist ein Anhänger kein Indiz für eine verbesserte Stimmungslage rund um die Nationalmannschaft. Doch der 3:0-Sieg gegen Island am Donnerstagabend in Duisburg war zumindest ein Anfang. Vor allem die ersten Minuten mit zwei sauber herausgespielten Toren versprühten Zuversicht.

»Human Rights« – elf Buchstaben, elf Spieler

»Human Rights« – elf Buchstaben, elf Spieler

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Tobias Schwarz / dpa

Schon vor dem Anpfiff gegen Island hatten sich die Spieler etwas dafür getan, das Image des Teams aufzupolieren. Mit selbst gemalten T-Shirts mit der Aufschrift »Human Rights« hatten sie sich zum Mannschaftsfoto aufgestellt. Ohne Katar explizit zu nennen, machten die Profis auf die Menschenrechtslage im Gastgeberland der WM 2022 aufmerksam.

Es ist Spekulation, wie gut oder schlecht die Plätze in Duisburg ohne Pandemie gefüllt gewesen wären. Die, die gekommen wären, hätten mit Blick auf die im Sommer anstehende Europameisterschaft jedenfalls ein paar Gewinner im Kader des Bundestrainers ausmachen können. Dazu gehörte Joshua Kimmich, der in Spanien gefehlt hatte und nun als Spielgestalter im defensiven Mittelfeld mehr als 160 Pässe spielte. Oder Antonio Rüdiger als Anwärter auf den Posten des Abwehrchefs.

Oder Kai Havertz, den Joachim Löw etwas überraschend in die Startelf gehievt hatte. Havertz spielte an der Seite von Serge Gnabry und Leroy Sané in der offensiven Dreierreihe in Löws derzeit bevorzugtem 4-3-3. Havertz begann auf rechts, zog ins Zentrum und war deshalb häufig im Zehnerraum zu finden. Diese Flexibilität zeichnet ihn aus, bei seinem Tor zum 2:0 tauchte Havertz links im Rückraum von Sané auf und vollendete dessen Pass mit einem Linksschuss ins lange Eck.

Unter Tuchel blüht Havertz auf

Havertz gehört zu den größten Talenten im deutschen Fußball, hat beim FC Chelsea aber schwierige Monate hinter sich. Zuletzt hatte er in London sein Können wieder vermehrt in der Startelf zeigen dürfen und so gab Löw dem 21-Jährigen den Vorzug vor seinem Teamkollegen Timo Werner.

Im vergangenen Sommer war das Offensivduo gemeinsam zu Chelsea gewechselt. Werner kostete 64 Millionen Euro Ablöse, Havertz war sogar noch etwas teurer, der Sockelbetrag von 81 Millionen Euro kann sich noch auf eine dreistellige Millionensumme steigern. Dementsprechend groß waren die Erwartungen bei den Blues, doch unter Trainer Frank Lampard konnte die deutsche Achse nicht wie erhofft auftrumpfen. Rüdiger pendelte zwischen Bank und Tribüne, Werner kämpfte mit Schwächen im Abschluss und Havertz wurde nach solidem Start von einer Coronainfektion im November zurückgeworfen.

Kai Havertz trägt im DFB-Team die Zehn, dabei ist er so viel mehr

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Matthias Koch / imago images/Matthias Koch

Es lag aber auch daran, dass Lampard für Havertz nicht die richtige Rolle fand – und Havertz selbst sich an die Spielweise in der Premier League und die Erwartungshaltung bei Chelsea gewöhnen musste. Das scheint nun unter dem neuen Trainer Thomas Tuchel besser zu klappen. Der Ende Januar für den erfolglosen Lampard verpflichtete Tuchel lässt Chelsea in einem 3-4-2-1 spielen, das auf den ersten Blick auf defensive Stabilität ausgerichtet ist. Die Blues haben in 14 Spielen unter Tuchel erst zwei Gegentore hinnehmen müssen. Doch auch offensiv hat sich Chelsea verbessert. Und Havertz ist wie geschaffen für die Besetzung der drei zentralen Offensivpositionen in Tuchels System.

Havertz braucht Freiräume. Sein Potenzial geht verloren, wenn er als Flügelspieler das Spiel breit halten muss. Oder wenn er als falsche Neun aufgeboten wird. Oder wenn er nur aus der Tiefe kommen darf. Havertz kann das alles in unvergleichlicher Weise vereinen. Hinzu kommt seine eigene Torgefahr und die Fähigkeit, Räume für seine Mitspieler zu schaffen. Das weiß auch Löw, der Havertz gegen Island eine vergleichbare Rolle zuwies.

Müller oder Havertz?

In dieser Form ist Havertz ein sicherer Kandidat für den EM-Kader, den Löw im Mai benennen muss. Dann wird der Bundestrainer die Entscheidung fällen müssen, ob Mats Hummels oder Thomas Müller zurückkehren oder eben nicht. Löw wird in nahezu jeder Presserunde, in fast jedem TV-Interview nach den beiden Routiniers gefragt. Er umschifft das Thema wortgewaltig, ohne die Namen der Spieler zu nennen und ohne wirklich etwas dazu zu sagen.

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Havertz (zwölf Torbeteiligungen bei Chelsea) wäre unmittelbar von Müllers Nominierung betroffen. Bleibt Löw seinem 4-3-3 treu, kommt für den Münchner nur der Platz von Havertz infrage. Nominell auf rechts, mit einem hoch stehenden Außenverteidiger neben sich, selbst in die Mitte und vor allem in den Sechzehner ziehend – diese Rolle klingt auch für Müller mit seinen 31 Torbeteiligungen in dieser Saison wie gemalt.

Eigentlich kann Löw seine Entscheidung nicht von den Leistungen und Ergebnissen in den drei WM-Qualifikationsspielen abhängig machen. Dafür war Island und werden Rumänien (am Sonntag) und Nordmazedonien (am Mittwoch) zu schwach sein. Bei der EM heißen die Vorrundengegner Frankreich und Portugal.