Nationalmannschaft Keine Stammplätze - Löw erhöht den Druck

Großer Respekt vor Russland, große Ansprüche an das eigene Team: Vor dem wichtigsten WM-Qualifikationsspiel gibt Bundestrainer Joachim Löw nicht einmal Kapitän Michael Ballack eine Einsatzgarantie. Die Spieler sollen "vergessen, welches Auto sie fahren".


Hamburg - Joachim Löw hält vor der WM-Qualifikationspartie die Spannung in der deutschen Nationalmannschaft bewusst hoch. Selbst Kapitän Michael Ballack, der erstmals nach dem EM-Finale gegen Spanien (0:1) wieder im DFB-Kader steht, erhielt vor der Partie des Vize-Europameisters am Samstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Dortmund gegen Russland vom Bundestrainer keine Einsatzgarantie.

Bundestrainer Löw, Spieler: "Die Spieler müssen bereit sein"
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Bundestrainer Löw, Spieler: "Die Spieler müssen bereit sein"

"Ich freue mich, dass ich durch die Rückkehr von Ballack, Friedrich, Frings und Mertesacker grundsätzlich wieder mehr Möglichkeiten habe", so der Bundestrainer, der jedoch auch einschränkte: "Ich werde jeden einzelnen Spieler im Training genau beobachten und dann eine Entscheidung treffen. Die Spieler müssen körperlich und mental für Russland 100 Prozent bereit sein. Wer das nicht bringt, wird nicht von Anfang an auflaufen", forcierte Löw den Konkurrenzkampf in seinem 21 Mann starken Aufgebot.

Mit welchem Personal er in der ausverkauften Dortmunder Arena antreten will, ließ Löw komplett offen. Weder gab es eine klare Aussage zum normalerweise gesetzten Ballack, den Torhütern oder zur Besetzung im Angriff, wo nur Miroslav Klose nach seinen drei Treffern von Finnland (3:3) seinen Platz sicher zu haben scheint.

Lukas Podolski habe im DFB-Team "häufig sehr gut gespielt". Aber auch Aufsteiger Patrick Helmes könne eine "wichtige Rolle" einnehmen, sagte Löw: "Er ist immer brandgefährlich und sprüht vor Spielfreude." Im Tor habe zwar Robert Enke nach zuletzt drei Länderspielen einen "kleinen Vorteil", so der Bundestrainer. Aber auch René Adler habe nach seiner Verletzung schnell wieder seine Form gefunden: "Wir werden bis Freitag abwarten."

Bis dahin forderte der Bundestrainer seine Führungsspieler noch einmal eindringlich auf, alle Nebenschauplätze vor dem Duell gegen den vermeintlich stärksten Gegner der Europa-Gruppe 4 auszublenden. "Es interessiert mich in dieser Woche nicht, was in Schalke, Bremen oder München los ist. Wenn die Spieler am Samstag in Dortmund durch den Tunnel aufs Spielfeld laufen, dann dürfen sie nicht mehr wissen, für welchen Verein sie spielen und welches Auto sie fahren. Wir müssen absolute Konzentration an den Tag legen", sagte Löw.

Russland auf einer Stufe mit Spanien und Argentinien

Zumal der 48-Jährige den Gegner auf eine Stufe mit Europameister Spanien oder auch Argentinien stellte und in den höchsten Tönen lobte. Das Team des niederländischen Trainers Guus Hiddink habe eine "unglaubliche Stärke in der Offensive. Ich habe selten eine Mannschaft gesehen, die vom Ballgewinn bis zum Abschluss so schnell umschalten kann." Der DFB-Coach, der sein Team am Mittwoch zweimal zum Training bittet, sprach darüber hinaus respektvoll von "Wahnsinns-Kombinationsfußball". Die Sbornaja zeige eine "ganz klare Entwicklung zur Weltspitze". Hiddink habe "Struktur, Organisation und Disziplin" reingebracht.

Auch deshalb mache er sich zusammen mit seinem Trainerstab und Chefscout Urs Siegenthaler "Tag und Nacht viele Gedanken. Wir werden der Mannschaft diesmal einige konkrete Hinweise mehr geben". Die Spieler müssten genau wissen, "was sie tun dürfen und was nicht, um den Russen ihre Stärken zu nehmen. Wir müssen vor allem unsere Fehler minimieren und leichte Ballverluste in der eigenen Hälfte vermeiden."

Während Bundestrainer Löw nur auf Marcell Jansen verzichten muss, wird Hiddink zwei Leistungsträger vermissen. So werden die EM-Stars Roman Pawljutschenko (Tottenham Hotspur) und Dmitrij Torbinski (Lokomotive Moskau) höchstwahrscheinlich ausfallen. Hiddinks niederländischer Landsmann und Kollege Dick Advocaat hält einen russischen Sieg dennoch für gut möglich. "Wenn Russland so spielt wie bei der EURO gegen Holland, kann es für Deutschland gefährlich werden", sagte Advocaat, der im Mai mit Zenit St. Petersburg den Uefa-Cup gewann.

Die DFB-Elf werde aber dagegenhalten, so Advocaat weiter: "Deutschland ist heute kein Team mit Superstars, aber eine gewachsene Mannschaft. Und mit einer solchen Einheit kann man große Erfolge erzielen." Nach der EURO-Niederlage gegen Kroatien (1:2) habe jeder das Team kritisiert. "Unter diesem Druck zeigte sich jedoch die Qualität der Mannschaft und der Betreuer, und Deutschland wurde noch Vize-Europameister."

Nach bisher zwei Spielen auf dem Weg zur WM 2010 in Südafrika führt Deutschland die Tabelle der Qualifikationsgruppe 4 mit vier Zählern an. Gegen Russland sollen zu Hause weitere drei Punkte hinzukommen. "Das ist die Partie mit der größten Spannung und der größten Brisanz", sagte Löw.

fpf/sid/dpa



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