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28. September 2013, 12:16 Uhr

Lahm im DFB-Mittelfeld

Riskantes Spiel mit dem Musterknaben

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Kann Philipp Lahm Mittelfeld? Nach Bayern-Trainer Guardiola erwägt nun auch Bundestrainer Löw offenbar, seinen Kapitän in der Zentrale auszuprobieren. Eine seltsame Volte. Denn damit reißt der Coach neue Löcher in seine Wackelabwehr.

Dass Philipp Lahm als ein Profi mit ausgesprochener Spielintelligenz gilt, ist ein fußballerischer Allgemeinplatz. Der Münchner Kapitän hatte schon immer die Fähigkeit, Vorstellungen eines Trainers schnell aufzunehmen und umzusetzen. Das macht ihn zum Trainerliebling. Das war beim FC Bayern unter Jupp Heynckes nicht anders als jetzt bei Josep Guardiola. Und das gilt auch für Bundestrainer Joachim Löw.

Im Club führt das dazu, dass Lahm seit Beginn dieser Spielzeit nicht mehr nur zwischen den Jobs als Links- und Rechtsverteidiger pendelt, wie er das in der Vergangenheit häufig getan hat. Nun ist Lahm auch als Mittelfeldspieler unterwegs. Guardiola setzt ihn vorzugsweise auf der Sechser-Position ein. Erst als Ersatz für den angeschlagenen Bastian Schweinsteiger, zuletzt gar an dessen Seite. Lahm absolviert die ihm gestellte Aufgabe dort zuverlässig. Dass er dies beherrscht, ist wenig überraschend. Der Musterknabe Lahm spielt, wo man ihn hinstellt.

Er tut dies so gut, dass auch Löw ein solches Modell offenbar erwägt. Von der "Bild"-Zeitung befragt, teilte der Bundestrainer am Freitag mit, dass er sich Lahm im Mittelfeld als Schweinsteigers Neben- oder Hintermann durchaus vorstellen könne: "Wir brauchen die Variabilität, um für den Gegner unberechenbar zu sein." Schweinsteiger, so Löw zudem, könne ja auch "im Mittelfeld auf jeder Position spielen". Laut "Bild" spreche viel dafür, dass Löw in einer der nächsten Partien Lahm im Mittelfeld testen wolle.

Lahm im Mittelfeld würde eine neue Baustelle eröffnen

Lahm ein Dreivierteljahr vor der WM von seiner angestammten Position abzuziehen - die Logik eines solchen Experimentes erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Und auf den zweiten auch nicht. Der Bundestrainer würde damit eher eine Baustelle eröffnen, statt sie zu schließen.

Es ist sehr viel über die deutsche Defensive gesprochen worden in den vergangenen Monaten, und das war nicht nur Gutes. Von der "Wackel-Abwehr" war da die Rede, Gegentreffer wurden von den Löw-Kritikern genüsslich zusammengerechnet. Einer war dabei stets jenseits allen Zweifels: Philipp Lahm. Letztlich war er unter den Schmelzers, Hummels und Mertesackers die einzige Konstante - unumstritten auf seiner rechten Abwehrseite. Von seinen 101 Länderspielen hat er 100 als Außenverteidiger absolviert, nur 2007 im Testspiel gegen England in Wembley probierte ihn Löw weiter vorn in der Zentrale aus.

Diese Flanke aufzureißen, den Münchner stattdessen in ein Mittelfeld zu beordern, in dem es ohnehin ein Überangebot an Extrakönnern gibt, das macht eigentlich wenig Sinn. Es sei denn, man will Spielern wie Sami Khedira, Toni Kroos, Ilkay Gündogan oder Schweinsteiger selbst, deren angestammtes Revier das defensive Mittelfeld ist, ein Signal geben: Es gibt für euch keine Garantien.

Es ist kein Geheimnis, dass dem Bundestrainer nicht alles gefallen hat, was die dortigen Stammkräfte in den vergangenen Spielen geboten haben. Khedira etwa interpretierte seine Rolle deutlich offensiver als bei Real Madrid und war anfälliger dafür, Löcher nach hinten aufzureißen.

Den Außenverteidiger Lahm ernsthaft und ohne Not zu opfern, dafür gibt es derzeit kein schlüssiges Argument. Weil es schlicht an Alternativen fehlt. Mittelstürmer und Außenverteidiger - das sind die Jobs, die nicht nur im deutschen, sondern auch im internationalen Fußball höchst nachgefragt werden. Die Nachwuchsförderung auch beim DFB hat eine Fülle technisch hochbegabter Kreativspieler hervorgebracht, die ihre Qualitäten im Herzen des Platzes ausspielen können. Die Jobs an der Peripherie, direkt vor dem Tor und an den Außenlinien sind dabei etwas aus dem Fokus geraten.

Umso wertvoller ist es, wenn man Spieler wie Lahm besitzt, die diese Leerstellen ausfüllen können. Von seinen Qualitäten auf der Außenbahn ist die nationale Konkurrenz, mag sie Marcel Schmelzer, Benedikt Höwedes oder Denis Aogo heißen, meilenweit entfernt. Lahm kann vielleicht einen Khedira oder einen Schweinsteiger ersetzen, aber niemand kann derzeit einen Philipp Lahm ersetzen.

Löw hat wahrlich andere Sorgen, als geeignetes Personal für das defensive Mittelfeld zu finden. Er hat aktuell für die Qualifikationsspiele gegen Irland (11. Oktober) und Schweden (15. Oktober) mit dem Gladbacher Max Kruse nur einen echten Stürmer zur Verfügung, da sowohl Miroslav Klose als auch Mario Gomez verletzungsbedingt passen müssen. Und er hat nach wie vor damit zu tun, die Defensivabteilung zu stabilisieren - auch wenn der Abwehrverbund zuletzt überzeugte. Es waren aber auch bei allem Respekt nur die Gegner Österreich und Färöer.

Löw mag Lahm gerne im Mittelfeld testen. Wenn es ernst wird, dann gehört der Münchner jedoch in die Abwehr.

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