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DFB-Star Mesut Özil Er braucht den Platz

Er ist kein schillernder Star wie Ronaldo, kein PR-Talent wie Ibrahimovic - doch auf dem Platz ist Mesut Özil einer der Besten. Der Wechsel von Real Madrid zum FC Arsenal hat ihm erkennbar gutgetan, für die DFB-Elf ist er wertvoller denn je.

Da sitzen sie vor der Presse wieder einträchtig nebeneinander, wie der große und der kleine Bruder. Und irgendwie mag man sich gar nicht vorstellen, dass Sami Khedira und Mesut Özil nicht mehr zusammen in einem Verein spielen. Drei Jahre lang waren sie das deutsche Duo bei Real Madrid, und jeder Text hierzulande über die "Königlichen" hatte an irgendeiner Stelle das Einsprengsel "Real Madrid, der Club der beiden deutschen Nationalspieler Khedira und Özil".

Aber seit sechs Wochen spielt Özil nicht mehr für Real, er ist weitergezogen. Nach London, zum FC Arsenal. Dorthin, wo mit Lukas Podolski und Per Mertesacker zuvor schon zwei weitere DFB-Stars angeheuert haben. Khedira ist zurückgeblieben und sagt: "Wenn man einen Spieler mit den Qualitäten eines Mesut Özil abgibt, schadet das jeder Mannschaft." Zusammen mit Özil hat Khedira bei der WM 2010 den großen Durchbruch geschafft, zusammen mit ihm hat er nach dem Turnier die Bundesliga verlassen, weil der große José Mourinho und der noch größere Verein Real Madrid riefen.

In Madrid haben sie Özil, nachdem sie 50 Millionen Euro für den 24-Jährigen kassiert hatten, noch unfreundliche Worte hinterher geworfen, um den Verkauf ihres Pass- und Ideengebers zu rechtfertigen. Der Spieler habe sich nicht wie ein echter Profi verhalten, das Nachtleben in der spanischen Hauptstadt sei ihm im Zweifelsfall wichtiger gewesen, die Presse wollte gar wissen, dass er nachts mit nur vier Stunden Schlaf ausgekommen sei. Vier Stunden Schlaf - wie soll man da am nächsten Tag seine beste Leistung bringen?

Auch nach Jahren unsicher in der Außendarstellung

Vor dem Länderspiel gegen Irland am Freitag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ARD) darauf angesprochen will Özil "gar nichts mehr dazu sagen". Er habe "drei schöne Jahre in Madrid erlebt", und wer seine Spielerstatistik aus jener Zeit betrachte, "weiß alles über meine Professionalität". Man möchte hinzufügen: Wer Özil in der Öffentlichkeit beobachtet, kann auch nicht glauben, dass hier einer das Fußballspielen für den Glamour und das Scheinwerferlicht vernachlässigt.

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Mesut Özil: Schalke, Real, Arsenal

Foto: Federico Gambarini/ dpa

Auch nach Jahren auf der ganz großen Fußballbühne, auch nach nunmehr 49 Länderspielen für den DFB, wirkt Özil wie der kleine Gelsenkirchener Junge, den es in die Welt verschlagen hat, schüchtern, geradezu ungelenk in der Außendarstellung. Unter Journalisten ist es mittlerweile ein Spielchen, darauf zu tippen, welche Sätze Özil vor der Presse sprechen wird, und meistens ist die Erfolgsquote hoch: "Ich bin froh darüber, so viele Länderspiele gemacht zu haben."; "Wir wollen das nächste Spiel gewinnen."; "Wir sind gut vorbereitet."; "Ich bin stolz darauf, dass der Bundestrainer mir vertraut."

Özils Sehnsuchtsort ist und bleibt das Fußballfeld. Hier ist der Platz, auf dem der frühere Schalker und Bremer seine besten Seiten zeigt, es ist der Ort, "an dem Mesut immer schon Verantwortung übernommen hat", wie Bundestrainer Joachim Löw betont. Aus dem mundfaulen jungen Mann wird dann der Star Özil. Ein Spieler, der all das mitbringt, was der Bundestrainer von seiner Elite verlangt: Auf engstem Raum unter hohem Tempo die Lösungen finden, das sollen seine Spieler können, hatte Löw am Mittwoch gesagt. Es hört sich an wie eine exakte Jobbeschreibung von Mesut Özil.

Bei Arsenal könnte er das Missing Link sein

Arsenal und Özil - da scheinen sich zwei gesucht und gefunden zu haben. Der FC Arsenal, jener Verein, der seit Jahren eher der gefühlte englische Top-Club ist. Immer sind die Londoner mehr oder weniger vorne mit dabei. Vorne heißt aber nie ganz vorne, und nicht umsonst umweht den ewigen Arsenal-Coach Arsène Wenger ein steter Hauch von Melancholie, der nicht allein seiner Elsässer Herkunft zuzurechnen ist.

Özil, das zeigen schon seine ersten Auftritte in London, könnte derjenige sein, der dieses Team aus dieser Melancholie erlöst. Das Missing Link zwischen den Ansprüchen und dem Erreichbaren der "Gunners". Der FC Arsenal hat nach Dennis Bergkamp, nach Thierry Henry, nach Robin van Persie wieder einen, der - und dieses eine Mal darf man jene gruselige Sportreporter-Phrase benutzen - den Unterschied ausmacht.

Selbst mit dem Linksverkehr in der britischen Hauptstadt kommt Özil schon einigermaßen klar. "Ich habe mir das schwieriger vorgestellt", sagt er. Mesut Özil fällt eben vieles leicht.

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