Nationalmannschaft Özils schwerste Entscheidung

Es sollte ein wunderbarer Tag werden: Mesut Özil wurde von Joachim Löw für das Nationalteam nominiert - was für eine Ehre! Doch der 20-jährige Bremer Profikicker wurde beschimpft, angefeindet, unter Druck gesetzt, weil er für Deutschland spielen will - und nicht für die Türkei.


Man kann nicht sagen, dass sich Mesut Özil, Profi bei Werder Bremen, mit seiner Homepage keine Mühe gibt. Aktuelles und Privates gibt es anzuklicken, eine Download-Area, etwas zur Karriere, und selbstverständlich in der Rubrik Fanblock ein Gästebuch. Das allerdings ist seit Donnerstag, 5. Februar 2009, um kurz nach 16 Uhr geschlossen worden. Seitdem ist dort auf Türkisch und Deutsch zu lesen: "Da der Sport hier im Gästebuch zurzeit immer mehr in den Hintergrund rückt und einige Einträge ein respektvolles Miteinander verhindern, wird das Gästebuch vorübergehend geschlossen."

Den Betreibern der Homepage blieb nichts anderes übrig: Was an Beschimpfungen gegen den Fußballprofi von Werder Bremen binnen weniger Stunden eingegangen war, in schlechtem Deutsch oder auch auf Türkisch, ließ keine Möglichkeit als die Seite vom Netz zu nehmen. Der Grund für den Schwall an Beleidigungen: Özil ist erstmals für die A-Nationalelf nominiert worden. Die deutsche.

Damit könne der 20-Jährige, so wüteten die meisten Schreiber, kein Vorbild mehr für die Jugend mit türkischen Wurzeln in Deutschland sein. Dabei hatte Özil am Donnerstag ausführlich erläutert, warum er für Deutschland spielen will: "Ich habe mir die Entscheidung in den letzten Wochen nicht leicht gemacht, weil meine Familie und viele Freunde aus der Türkei stammen. Das ist auch keine Entscheidung gegen meine türkischen Wurzeln. Doch meine Familie lebt jetzt in der dritten Generation in Deutschland, und ich bin hier aufgewachsen, habe mich immer wohl gefühlt, hier habe ich meine Chancen in den Junioren-Auswahlteams bekommen." Für weitere Nachfragen war er nicht mehr erreichbar, sein Mobiltelefon blieb ausgeschaltet.

Özil ist in Gelsenkirchen geboren und Stammspieler der deutschen U-21-Nationalmannschaft, seinen türkischen Pass hat er vor geraumer Zeit abgegeben. Trotzdem wird seine Entscheidung von vielen Türken nicht akzeptiert.

Die Aufregung um Özils Entscheidung belegt, wie schwer es junge Fußballprofis mit türkischem Hintergrund haben, sich für eine Karriere mit dem Adler auf der Brust statt des Halbmonds zu entscheiden.

Aller Voraussicht nach wird Bundestrainer Joachim Löw den Filigrantechniker, der in Bremen von Kollegen wie Torsten Frings in Anlehnung an Barcelonas Superstar Lionel Messi schon "Messi" statt "Mesut" gerufen wird, am Mittwoch im Freundschaftsländerspiel gegen Norwegen (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) für ein paar Minuten einwechseln. Dann ist Özil endgültig deutscher Nationalspieler und darf nach den Regeln des Weltfußballverbandes Fifa nicht mehr für ein anderes Land spielen. Der Umworbene hätte sich sonst noch bis zum 15. Oktober 2009 - dann wird er 21 Jahre alt - entscheiden können, für wen er auflaufen will.

Immer wieder streiten der deutsche Fußballbund (DFB) und der türkische Verband (TFF) um Talente. Der TFF, der sich massiv um den Bremer bemühte, betreibt eigens in Köln ein Europabüro, das sich seit 1998 um die Sichtung und Anwerbung von Talenten mit türkischen Wurzeln bemüht. Noch bevor Özil im Sommer 2007 vom DFB für die U 19-EM nominiert wurde, warb der türkische Verband über Mittelsmänner um ihn. "Aber wir sind hier geboren und Deutsche. Daher ist es klar, dass Mesut für die DFB-Auswahl spielt", stellte damals bereits sein Bruder Mutlu gegenüber dem "Reviersport" klar.

Özil wird nun wohl nach Mustafa Dogan und Serdar Tasci erst der dritte türkischstämmige Profi in der DFB-Historie. Die Liste der in Deutschland geborenen Spieler, die sich für die Türkei entschieden haben, ist ungleich länger und prominenter. Auf ihr stehen etwa die Gelsenkirchener Brüder Halil und Hamit Altintop (FC Schalke und FC Bayern), der Lüdenscheider Nuri Sahin (Borussia Dortmund), der Herner Yildiray Bastürk (VfB Stuttgart), der Berliner Hakan Balta (Galatasaray) oder einst der Allgäuer Ilhan Mansiz und der Mannheimer Ümit Davala.

Bei Özil übte der türkische Nationaltrainer Fatih Terim persönlich enormen Druck aus. Im Dezember vergangenen Jahres kündigte er an, Bremens Nummer elf - die gerade in der Hinrunde mehrfach brilliert hatte - werde fürs Länderspiel gegen die Elfenbeinküste eingeladen. Özils Berater Reza Fazeli, der auch Altintop, Sahin und Bastürk betreut, überbrachte die Botschaft von Terims Anruf persönlich. Auch die Altintop-Brüder nahmen Özil ins Gebet. Das zeigte Wirkung: Nach dem letzten Hinrunden-Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg ließ sich der schmächtige wie schüchterne Mittelfeldmann in der Mixed Zone zur Aussage verleiten, er sei noch völlig unentschlossen, was seine Zukunft in der A-Nationalmannschaft angehe.

Damit war das Tauziehen und Hickhack hinter den Kulissen eröffnet. Boulevardblätter in Deutschland und der Türkei lieferten sich verbale Gefechte um den jungen Profi. Schließlich forderte Werder-Sportdirektor Klaus Allofs im Wintertrainingslager, ausgerechnet in der Türkei, eine Entscheidung. "Es wäre schade, wenn er der deutschen Nationalmannschaft verloren geht. Man muss solchen Spielern auch Interesse signalisieren - darauf habe ich den DFB hingewiesen."

Der Verband reagierte. Am vergangenen Montag verständigten sich DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach und Löws Assistenztrainer Hansi Flick mit Allofs und Özil darauf, dass der Spieler eine Zukunft unter Löws Regie hat. Das Tauziehen hatte ein Ende. Wie sehr es den jungen Spieler, der am Ball stets stärker als vor Mikrofonen agiert, belastet hat, lässt sich schwer ermessen.

Auf dem Platz allerdings kann er mit der Situation offenbar gut umgehen. Als Werder im Wintertrainingslager ein Freundschaftsspiel gegen Galatasaray Istanbul austrug, bedrängten ihn die Einheimischen und machten mit Rufen wie "Turkish man, Turkish man", auch deutschen Zuschauern klar, wohin Özil ihrer Meinung nach gehört.

Die Atmosphäre war erhitzt, die Bremer blamierten sich und verloren 1:4. Frings beleidigte den türkischen Schiedsrichter und flog vom Platz - doch einer behielt die Nerven: Mesut Özil schoss das einzige Tor und war der beste Spieler im Bremer Team.



insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
Elisabeth Reed 06.02.2009
1.
Zitat von sysopViele Profis mit türkischen Wurzeln tragen das Trikot der Türkei, obwohl sie in Deutschland geboren sind. Mesut Özil will für die deutsche Nationalmannschaft auflaufen und wird dafür heftig kritisiert. Warum wird deutsch-türkischen Spielern die Entscheidung so schwer gemacht?
Ich find keinen Artikel, anhand dessen ich beurteilen könnte, wer den Spieler wie kritisiert. Ich habe da nur so meine Vermutungen... Solche Kritiken kommen in der Regel immer von Rechten oder halt aus Ländern, die die Nationalität eines Menschen über Generationen für sich beanspruchen. Der Spieler ist in Deutschland geboren, und damit hat sich die Sache erledigt. Die einzige Frage die sich stellt, ist, warum ein Mensch wie "Özil" für die Türkei auflaufen sollte? Nach der Logik könnte ich ja für Russland auflaufen (2. Flüchtlings-Generation in Deutschland, also 1/8-Russe). Und die Rechten, naja, die sollten dann auch mal auf ihren Stammbaum gucken.
krafts 06.02.2009
2.
Zitat von sysopViele Profis mit türkischen Wurzeln tragen das Trikot der Türkei, obwohl sie in Deutschland geboren sind. Mesut Özil will für die deutsche Nationalmannschaft auflaufen und wird dafür heftig kritisiert. Warum wird deutsch-türkischen Spielern die Entscheidung so schwer gemacht?
Ich verstehe die Frage nicht ganz Einen entsprechenden Artikel habe ich auch nicht gefunden. Wer kritsiert wen? Die Türken den Spieler, weil er nicht für ihr Land startet, obwohl er in Deutschland aufgewachsen ist? Rechte Deutsche, weil ein Türke für Deutschland startet? Meiner Meinung nach soll jeder Spieler selbst entscheiden ohne Druck von außen.
Polar, 06.02.2009
3.
Ich bin ebenso ratlos...wer soll sich denn wie auch immer geäußert haben? Özil ist sowieso deutscher U21-Kicker, ist hier aufgewachsen, spricht deutsch usw. Also: Alles Gute und Herzlichen Glückwunsch zur Berufung in die A-Nationalmannschaft, Mesut!
duk2500 06.02.2009
4. wer hat Schuld an Integrationsdefiziten?
Zitat aus dem Artikel: "Die Aufregung um Özils Entscheidung belegt, wie schwer es junge Fußballprofis mit türkischem Hintergrund haben, sich für eine Karriere mit dem Adler auf der Brust statt dem Halbmond zu entscheiden." Ich formuliere das mal etwas um: "Die Aufregung um Özils Entscheidung zeigt, wie schwer es junge Menschen mit türkischem Migrationshintergrund haben, sich für die Integration in die deutsche Gesellschaft zu entscheiden." Reflexhaft wird bei solchen Problemen meist die sogenannte Ausländerfeindlichkeit der Inländer verantwortlich gemacht. Wer selbst einen Migrationshintergrund hat oder in einem solchen Umfeld lebt weiß aber, daß die Deutschen eher weniger ausländerfeindlich sind als die meisten ihrer Nachbarn. Es gibt eben bestimmte Migrationsmillieus, die sich sehr viel schwerer mit der Integration tun als andere und sogar, siehe das Beispiel von Herrn Özil, Mitglieder ihres Millieus als Verräter brandmarken wenn sie sich nicht länger selbst segregieren wollen.
Knütterer, 06.02.2009
5. Integrationsfähigkeit einer Parallelgesellschaft
Soviel und ohne weitere Worte, die erkennbare Unfähigkeit einer Parallelgesellschaft !
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