Nationalmannschaft Scholl angeschlagen, Kapitän obenauf

Während Oliver Bierhoff nach seinem Formanstieg auf einen Einsatz in Wembley hoffen darf, muss Teamchef Rudi Völler möglicherweise auf Mehmet Scholl verzichten. Den Mittelfeldspieler plagen derzeit heftige Knieschmerzen.


Austrainierter Alleinunterhalter: Während Co-Trainer Erich Rutemöller (l.) verzweifelt Oliver Bierhoffs (M.) Tempo mitgehen will, scheint sich Marco Bode (r.) über den jüngsten Witz seines Kapitäns prächtig zu amüsieren
DPA

Austrainierter Alleinunterhalter: Während Co-Trainer Erich Rutemöller (l.) verzweifelt Oliver Bierhoffs (M.) Tempo mitgehen will, scheint sich Marco Bode (r.) über den jüngsten Witz seines Kapitäns prächtig zu amüsieren

Frankfurt am Main - Die Sorge um Mehmet Scholl hat bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft das Theater um Christoph Daum in den Hintergrund rücken lassen. Drei Tage vor dem wichtigen WM-Qualifikationsspiel gegen England am Samstag (16.00 Uhr MESZ/live im ZDF) im Londoner Wembley-Stadion litt der Mittelfeldspieler erneut an akuten Knieproblemen und reiste sogar zu einem Blitzbesuch in die Praxis von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt nach München.

"Das wäre sehr, sehr bitter, wenn er ausfallen würde, weil er auch bei den Bayern zuletzt bewiesen hat, dass er ein sehr wichtiger Spieler ist", erklärte DFB-Teamchef Rudi Völler vor dem Abflug am Mittwochnachmittag nach London. Noch besteht allerdings berechtigte Hoffnung. "Wir gehen davon aus, dass am Samstag alle 20 Spieler zur Verfügung stehen. Und wir gehen auch davon aus, dass Mehmet sowohl beim Abschlusstraining als auch beim Spiel dabei sein kann", äußerte sich Völler-Assistent Michael Skibbe optimistisch. Scholl, den seit geraumer Zeit eine Kapselreizung im rechten Knie plagt, blieb nach einer Kernspintomographie und einer Ultraschall-Untersuchung am Mittwoch noch tagsüber in München. Erst am Abend sollte der Bayern-Star in England zur Mannschaft stoßen, auch für den Donnerstag erhielt Scholl noch Trainingsverbot.

Mit der klaren Forderung, am Samstag (16.00 Uhr MESZ/live ZDF) im Wembleystadion wieder ins Team zurückzukehren, ging dagegen Kapitän Oliver Bierhoff in die Offensive. Allerdings unabhängig davon, dass Sturm-Konkurrent Carsten Jancker ("Ob mein Einsatz gefährdet ist, weiß ich nicht") wegen einer verstauchten Zehe eine Trainings-Auszeit nehmen musste.

Mit seinen Toren in der Champions League und zum Ligastart in Italien habe er hervorragende Argumente für eine Rückkehr in die erste Elf geliefert, argumentierte der Torjäger des AC Mailand offensiv. Er denke schon, dass "meine hervorragenden Ergebnisse" eine Visitenkarte für die erste Elf gewesen seien, sagte der 32-Jährige. Als kluger Diplomat mochte er angesichts der Daum-Diskussion aber keinen direkten Druck auf Völler ausüben. "Wir haben schon genug Unruhe um die Nationalmannschaft. Man sollte dem Trainer jetzt die Ruhe lassen, über seine Formation nachzudenken", sagte Bierhoff.

Diese birgt nach dem Frontalangriff von Uli Hoeneß gegen den künftigen Bundestrainer und den dadurch neu aufgerissenen Gräben zwischen Bayern München und Bayer Leverkusen ohnehin Zündstoff. Denn ausgerechnet die Spieler der beiden deutschen Spitzenvereine müssen gegen England eine Einheit für Deutschland bilden, um auch im zweiten WM-Qualifikationsspiel erfolgreich bestehen zu können.

"Das ist sicherlich eine Konfliktsituation, aber der Streit liegt nicht auf Spielerebene. Das Thema ist eher auf Funktionärs- und Manager-Ebene angesiedelt", sagt Task-Force-Sprecher und Bayern-Vize Karl-Heinz Rummenigge und erwartet "keine Auswirkungen". Bierhoff forderte professionelles Verhalten des Bayern-Bayer-Blocks während der 90 Spielminuten: "Ich bedaure, dass die Zielsetzung aller Beteiligten, Ruhe in die Nationalmannschaft zu bringen und an einem Strang zu ziehen, nach nur wenigen Wochen verworfen worden ist. Aber die Spieler von Bayern und Bayer werden keine Probleme haben, weil sich die Vereine der Verantwortlichen fetzen", bemerkte Bierhoff.

Die englischen Boulevard-Blätter machen sich derweil lustig über die derzeitigen Querelen im deutschen Fußball. "Erwähnt nicht die Hure", titelte die Sun bereits am Dienstag in Anspielung auf die angeblichen Kontakte von Daum ins Rotlicht-Milieu. Einen Tag später fügte das Blatt hoffnungsvoll hinzu: "Die Deutschen sind bereit, das Handtuch zu werfen."



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