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Kroos in der Nationalmannschaft Selbstverständlich Chef

Schweinsteiger und Khedira sind verletzt, bei den nächsten Länderspielen kommt es deshalb vor allem auf Toni Kroos an. Zwangsläufig ist der 24-Jährige zum Führungsspieler aufgerückt - und jetzt ist er bereit dazu.

Am kommenden Samstag wird Toni Kroos ein Wiedersehen mit dem Warschauer Zentralstadion feiern. Dieses Stadion ist der Schauplatz der bittersten Niederlage, die der 24-Jährige in seiner Karriere kassiert haben dürfte. Beim EM-Halbfinale gegen Italien vor zwei Jahren sollte Kroos die Kreise von Andrea Pirlo stören. Es wurde ein Desaster, und die Experten wussten anschließend Bescheid: Typisch Kroos - wenn es wirklich ernst wird, ist er eben nie zur Stelle.

Zwei Jahre später tritt Kroos wieder für Deutschland in Warschau an. Gegner ist der Gastgeber Polen (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL), es wird das vermutlich schwerste Spiel dieser EM-Qualifikation, und Toni Kroos gilt als der Schlüsselspieler der deutschen Elf.

Es ist viel passiert in und mit der deutschen Mannschaft seit jenem Junitag in Warschau des Jahres 2012, aber Kroos hat von allen Spielern vielleicht die größte Entwicklung genommen. "Er hat noch bei der WM eine Reife herausgebildet, die der eine oder andere vielleicht nicht erwartet hätte", sagt Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff, und er lässt offen, ob er auch sich selbst damit meint.

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Fotostrecke: Bei Madrid an der Kandare

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Kroos wird am Samstag so eine Art Chef im deutschen Mittelfeld spielen. Es ist eine Rolle, in die er sich nicht gedrängt hat, aber die ihm zwangsläufig zufällt. Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira fehlen verletzt. Der Einsatz von Mesut Özil ist äußerst fraglich, da ist es logisch, dass ein Mittelfeldspieler von Real Madrid eine Führungsrolle bekommt.

Es ist möglicherweise das erste Mal, dass Kroos so viel Verantwortung in der Nationalmannschaft haben wird. Früher wurde ihm gerne abgesprochen, dass er Chef sein kann. Wobei die Frage ist: Braucht diese Mannschaft, nach wie vor gespickt mit Weltmeistern, überhaupt so jemanden? Braucht sie einen Chef?

Die Sehnsucht nach Führungsspielern ist in Deutschland so weit verbreitet wie möglicherweise nirgendwo sonst. Die deutschen Innenverteidiger werden mit Vorliebe als Abwehrchefs bezeichnet, obwohl auf außen genauso wertvolle Arbeit geleistet wird. Nach Warschau 2012 war das Klagen groß, das Team habe keine echten Chefs.

Nach Rio 2014 hat niemand mehr davon gesprochen.

"Mit einem Titel im Gepäck geht man natürlich auch mit viel mehr Selbstvertrauen in eine Saison", sagt Kroos. Selbstvertrauen, das hat er immer gehabt, manchmal war es in der Vergangenheit größer als das, was man dann anschließend auf dem Platz zu sehen bekam. Aber diese Zeiten scheinen vorbei.

Bei Real weitaus defensiver als noch in München

"Er spielt jetzt schon bei Real eine bedeutende Rolle in der Mannschaft", sagt Bierhoff, und ein größeres Kompliment kann man als Fußballer wohl nicht bekommen. Bei Real sind schon viele gescheitert, die mit größten Hoffnungen nach Madrid gekommen sind, es sieht so aus, als würde Kroos nicht dazu gehören.

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Supercup-Sieger: Kroos bejubelt, Khedira bedröppelt

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Und das, obwohl er bei Real weitaus defensiver agieren muss, als er das in München und der Nationalelf gewohnt und als es ihm lieb ist. Aber nach dem Abgang von Xabi Alonso und der Verletzung von Sami Khedira fehlt den Königlichen ein Edel-Sechser. Kroos muss diese Rolle ausfüllen, und als Real am Saisonbeginn das Stadtderby gegen Atletico verlor, hatten die Zeitungen bereits vorgelegt, dass "der Deutsche noch nicht das defensive Lehrbuch im Mittelfeld verstanden" habe, wie "Marca" schrieb.

Seitdem ist erst ein Monat vergangen, aber Kroos scheint jetzt bereits gelernt zu haben. Bei seinen vergangenen Auftritten bei Real sorgte er effektiv und fleißig dafür, Lücken zu stopfen. Das, was ein Sechser zu tun hat. Eine Rolle, in der man nicht für die Galerie spielt, aber dieser Part ist bei Real ohnehin an Cristiano Ronaldo vergeben.

In der Nationalmannschaft wird Kroos gegen die Polen und Iren in der nächsten Woche ähnliche Aufgaben wahrnehmen müssen. Neben dem jungen Gladbacher Christoph Kramer wird er das Scharnier zwischen Abwehr und Offensive sein - mit deutlichem defensiven Schwerpunkt, wenn dies der Gegner nötig machen sollte.

Kroos wird diese Rolle wie selbstverständlich spielen. Er ist mittlerweile so weit. Als Bierhoff angesichts der vielen Verletzten und dem fehlenden Kapitän Schweinsteiger davon redet, dass nun andere Verantwortung übernehmen müssen, fallen ihm vier Namen ein: Manuel Neuer, Mats Hummels, Thomas Müller - und Toni Kroos. Warschau 2014 wird mit Warschau 2012 nicht mehr viel gemeinsam haben. Das Stadion ist noch dasselbe, der Spieler Toni Kroos ist ein ganz anderer geworden.

DFB-Kader gegen Polen und Irland
Foto: Kevin Kurek/ dpa

Tor: Manuel Neuer (Bayern München), Roman Weidenfeller (Borussia Dortmund), Ron-Robert Zieler (Hannover 96)

Abwehr: Jérôme Boateng (Bayern München), Erik Durm (Borussia Dortmund), Matthias Ginter (Borussia Dortmund), Mats Hummels (Borussia Dortmund), Shkodran Mustafi (FC Valencia), Antonio Rüdiger (VfB Stuttgart), Sebastian Rudy (TSG Hoffenheim)

Mittelfeld: Karim Bellarabi (Bayer Leverkusen), Julian Draxler (Schalke 04), Christoph Kramer (Borussia Mönchengladbach), Toni Kroos (Real Madrid), Thomas Müller (Bayern München), Lukas Podolski (FC Arsenal), André Schürrle (FC Chelsea)

Sturm: Mario Götze (Bayern München), Max Kruse (Borussia Mönchengladbach)