Das DFB-Team und die Katar-WM Nachhilfe in politischer Bildung

Die Nationalspieler um Manuel Neuer sollen sich mit der Lage in Katar beschäftigen. Dafür lädt der DFB zum Auftakt ins WM-Jahr Menschenrechtsorganisationen ein. Der Krieg in der Ukraine macht das Thema noch dringlicher.
Vor einem Jahr sorgte die Nationalelf mit dieser Aktion für Aufsehen vor einem Länderspiel gegen Island

Vor einem Jahr sorgte die Nationalelf mit dieser Aktion für Aufsehen vor einem Länderspiel gegen Island

Foto: via www.imago-images.de / imago images/ActionPictures

Wenn die Nationalmannschaft sich Vortragsgäste einlädt, dann sind das gern irgendwelche Motivationskünstler aus dem Sport, die den Fußballern erzählen, wie sie noch ein paar Prozente mehr aus ihrer Leistung herausholen können: Extremsegler, Kletterer, Abenteurer. So Leute.

Am Dienstagabend werden die Nationalspieler hingegen anderes zu hören bekommen: Es wird um Mindestlöhne gehen, um Zwangsarbeit, Pressefreiheit und Menschenrechte. Vertreterinnen und Vertreter von Amnesty International und Human Rights Watch werden am Abend im Quartier zur Information über den nächsten WM-Gastgeber Katar erwartet, und Kapitän Manuel Neuer »freut sich sogar darauf, weil wir uns schon aus Eigeninteresse ein eigenes Bild von den Dingen machen müssen«.

Der WM-Ausrichter Katar ist durch den Ukrainekrieg noch einmal mehr ins Visier geraten. Auf der einen Seite reist der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck ins Emirat, um über Gaslieferungen aus Katar zu verhandeln. Katar ist so etwas wie ein Kriegsprofiteur.

Auf der anderen Seite mahnen die Erfahrungen mit dem WM-Gastgeber Russland von vor vier Jahren: Tappt der Fußball hier sehenden Auges in die nächste Falle? Und tun die Funktionäre dann im Nachhinein wieder so, als würden sie aus allen Wolken fallen?

Auch der neue DFB-Boss gibt sich die Ehre

Es wird also viel Gesprächsbedarf am Abend im DFB-Hotel in Neu-Isenburg geben, auch der frisch gewählte DFB-Präsident Bernd Neuendorf hat sich angesagt, um sich in Sachen Katar »von den Profis« (Neuer) in Kenntnis setzen zu lassen. DFB-Direktor Oliver Bierhoff hat das Treffen frühzeitig neun Monate vor WM-Start organisiert, »weil ich ungern die Dinge passiv auf mich zukommen lasse«, wie er am Dienstag vor der Presse betonte. Es sei der Auftakt einer ganzen Reihe von Veranstaltungen, die der DFB zum Thema plane.

DFB-Direktor Oliver Bierhoff: »Wichtig, die Dinge nicht nur aus der deutschen Brille zu betrachten«

DFB-Direktor Oliver Bierhoff: »Wichtig, die Dinge nicht nur aus der deutschen Brille zu betrachten«

Foto: Arne Dedert / dpa

Bierhoff ist bisher nicht unbedingt durch radikale Kritik an Katar aufgefallen, noch zum Jahresende hatte er sich in einer Medienrunde zurückhaltend zum Thema geäußert und lediglich in Sachen Boykott Klartext gesprochen. »Ein Boykott bringt gar nichts«, hatte er dort betont: »Wir wollen dem Turnier eine Chance geben.«

Seitdem ist er zweimal vor Ort gewesen, nach eigener Auskunft hat er dort Gespräche mit dem Deutschen Botschafter, mit Arbeitsorganisationen und der Katar Foundation geführt, es sei schließlich »wichtig, die Dinge nicht nur aus der deutschen Brille zu betrachten«.

»Kontakte sehr restriktiv«

Also hat er sich vor allem vorgenommen, sich im Emirat selbst ein Bild zu machen, »ich war ja viel im Ausland, da lernt man Toleranz«. Die Gespräche mit den Leuten seien bisher »für mich immer bereichernd« gewesen, man habe »die Menschen schätzen und lieben gelernt«: »Und man fragt sich selbst: Was hast du bisher nur für Vorurteile gehabt?«

Aber in Katar ist Bierhoff mit dieser Strategie an seine Grenzen gestoßen: »Der Kontakt zu den Einheimischen wird dort schon sehr restriktiv gehandhabt.« So seien die Gespräche bislang eher auf der Ebene der politischen Führung oder der Fifa zurückgeworfen. Die Dinge sind kompliziert.

Tatsächlich, das merkte man schon bei der Pressekonferenz am Dienstag, hat die Habeck-Reise dem DFB in die Karten gespielt. Der Druck auf den Verband ist unvermittelt etwas geringer geworden. Wenn die Politik sich um ein gutes Verhältnis zu Katar bemüht, dann darf auch Bierhoff davon sprechen, dass »sich das Thema leicht verändert hat«.

Katar sei »ein wichtiger Partner Deutschlands in der arabischen Welt«, stellte der DFB-Direktor heraus, »ein Treiber von Entwicklungen«. Die WM 2022 also urplötzlich: die Welt zu Gast bei Freunden?

Ganz so ist es noch nicht, auch das hörte man bei Bierhoff noch heraus. Zwar hätten sich Dinge zum Positiven verändert: Er führte die Einführung von Mindestlöhnen an, und die erleichterte Möglichkeit von Jobwechseln, aber all das geschehe »langsamer, als es jeder erhoffen konnte«. Fazit: »Die Dinge sind nicht so toll, aber die WM kann helfen.«

Hat sich die Lage im Land überhaupt verbessert?

Zuletzt hatte es die Menschenrechtsorganisation Amnesty International in einem Bericht beschrieben, wie oberflächlich und unzureichend die Reformen in Katar trotz der Vergabe der WM ins Emirat immer noch umgesetzt, kontrolliert und eingehalten werden. Die Organisation stellt sogar Rückschritte im Arbeitsrecht fest, auch »menschenrechtswidrige Praktiken« seien wieder aufgetaucht. »Tatsächlich hat sich die Lage für viele Arbeitsmigranten kaum verbessert«, schreiben die Autorinnen und Autoren in ihrem Bericht ein Jahr vor dem Start der WM.

Dass eine Großveranstaltung, die das Auge der Weltöffentlichkeit auf ein Regime richtet, wirklich Verbesserungen erzeugen, war schon oft das Postulat des Sports: Ähnlich argumentierte die Fifa nach der Vergabe der WM 2018 nach Russland. Gleiches gilt für das IOC in Sachen Olympische Winterspiele in Peking 2022. Das Ergebnis ist bekannt.

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