Nationalspieler Trochowski Kleiner Mann, langsam groß

Aufsteiger im Mittelfeld: Piotr Trochowski steht endlich vor dem Durchbruch in der Nationalmannschaft - obwohl sein überragendes Talent seit Jahren bekannt ist. Doch erst jetzt tritt der 1,68 Meter große HSV-Spieler so auf, als glaube er selbst an seine Klasse.

Von , St. Gallen


Das Fußballerleben kann ungerecht sein. Während sich die einen vor einem Millionenpublikum einen souveränen 6:0-Sieg ans Revers heften dürfen, bleiben sieben auf der Bank (von denen immerhin drei zu Kurzeinsätzen kamen) und zwei weitere gar ganz auf der Tribüne. Und was passiert am nächsten Tag? Die elf Spieler, die von Beginn an auflaufen durften, verbringen den Vormittag in einem lauschigen Fitnessstudio, während sich der Ersatztross im frostigen St. Galler Nieselregen eineinhalb Stunden lang verausgaben muss.

Nationalspieler Trochowski: "Mehr tun als die anderen"
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Nationalspieler Trochowski: "Mehr tun als die anderen"

Kevin Kuranyi machte die Trainingseinheit mit, bei der selbst Teammanager Oliver Bierhoff in kurzen Hosen mitspielte. Mario Gomez trainierte, Christoph Metzelder - gestandene Nationalspieler also. Piotr Trochowski hingegen, der bei der EM keine einzige Minute spielen durfte, gehörte wie schon beim Test gegen Belgien zur Startelf - und das erneut als einer der Besten im Team.

Zusammen mit Philipp Lahm und Lukas Podolski hatte er sich ein ums andere Mal blitzschnell vor des Gegners Tor gespielt - das spielerische Zentrum des deutschen Spiels hatte sich dank Trochowski auf die linke Außenbahn verlagert. Den faktisch trainingsfreien Vormittag hatte sich der 24-Jährige redlich verdient.

Dabei sind die Qualitäten des HSV-Spielers, der beim FC Bayern ausgebildet wurde, nicht erst seit gestern landesweit bekannt: Er ist schnell, mit einer extrem guten Ballbehandlung gesegnet, verfügt über Spielintelligenz und einen guten Schuss mit dem linken Fuß. Das alles wurde schon häufig gelobt, doch lange ließ ihn keiner die Wertschätzung widerfahren, die er bei Bundestrainer Joachim Löw genießt.

Auch sein aktueller Vereinstrainer Martin Jol, der den HSV erst zu dieser Saison übernommen hat, hält große Stücke auf ihn. Vielleicht ist es also kein Zufall, dass der Mittelfeldmann - laut DFB mit 1,68 Metern der kleinste Nationalspieler - bei seinen Trainern noch nie so hoch im Kurs stand wie zurzeit.

Dass er in der Liga aufgeblüht ist, liegt wohl tatsächlich auch an dem Abgang von Rafael van der Vaart, neben dem sich Trochowski in der Vergangenheit schwertat und hinter dessen breiten Rücken er sich zuweilen versteckte. Als er Anfang August gefragt wurde, ob er sich die van-der-Vaart-Nachfolge zutraue, antwortete er mit einem trockenen "Selbstverständlich". Es ist noch nicht lange her, da hätte er stattdessen in vier, fünf dürren Sätzen erklärt, was für ein großer Spieler dieser van der Vaart doch sei. Trochowski hat vor allem außerhalb des Platzes dazu gelernt.

Dass er eher ruhig auftritt, ist kein Nachteil - Trainer im Allgemeinen und Joachim Löw im Besonderen schätzen es nicht, wenn Spieler ständig höhere Einsatzzeiten fordern oder durch Kapriolen auffallen. Doch der gänzlich unglamouröse Trochowski blieb in der öffentlichen und in der teaminternen Wahrnehmung offenbar so versteckt, dass Löw ihn vor dem Belgien-Spiel ziemlich deutlich öffentlich dazu aufforderte, er müsse nun aus dem Schatten treten, in dem er es sich zuvor bequem gemacht hatte: "Trochowski muss noch mal richtig angreifen, die Chance jetzt nutzen. Ich erwarte, dass er bedingungslos um einen Platz in der Mannschaft fightet. Er muss mit allem Druck klarmachen: Ich will den nächsten Schritt machen." Um den Einsatz beim Training ging es dabei nicht. Trochowski galt bereits bei den Bayern als inoffizieller Trainingsweltmeister.

Bei allem Ehrgeiz bescheiden zu sein, hart zu trainieren, anstatt laut zu reden - dieser Wertekodex wurde Piotr Trochowski geradezu in die Wiege gelegt. Der in Tczew bei Danzig geborene Trochowski, der noch heute das "Vater Unser" betet, wenn die deutsche Nationalhymne abgespielt wird, zog mit seiner Familie im Alter von fünf Jahren nach Hamburg. "Ich habe natürlich erst mal nichts verstanden, musste in der Schule mehr tun als die anderen", berichtete er einmal der "Hamburger Morgenpost".

Das Leben in Billstedt, einem der proletarischsten Stadtteile Hamburgs, blieb nicht ohne Anfeindungen für den zweitjüngsten von vier Söhnen. "Viele Kinder hingen auf der Straße rum. Manche haben Haschisch geraucht, gesagt: 'Komm, mach mit!' Ich wusste, wenn ich den Scheiß mache, komme ich nicht weiter." Einmal stand die Familie kurz vor der Ausweisung nach Polen. Doch Klassenkameraden und Mitspieler organisierten eine Demonstration vor dem Hamburger Rathaus. Familie Trochowski durfte bleiben.

Von Billstedt-Horn führte Trochowskis Weg über Concordia Hamburg und den FC St. Pauli zu Bayern München. Trochowski war 15, als er in den Süden zog. Doch bei den Bayern konnte er sich nicht durchsetzen, obwohl er von Karl-Heinz Rummenigge und Franz Beckenbauer ("eines der größten Talente, die je hier waren") geradezu euphorisch gelobt worden war.

Unter Ottmar Hitzfeld wurde er ein paar Mal eingewechselt, dessen Nachfolger Felix Magath ließ ihn fallen, als er sich kurz hintereinander zwei kleinere Verletzungen zugezogen hatte. Als er wieder zu den Amateuren abgeschoben werden sollte, flehte Trochowski um seine Freigabe und wechselt am Neujahrstag 2005 zum HSV, jenem Verein, dem er mit 15 Jahren die Bayern vorgezogen hatte. Doch erst jetzt, nach dem Abgang von Rafael van der Vaart scheint Trochowski bereit zu sein, den Schritt vom Ausnahmetalent zum Leistungsträger zu machen.

Piotr Trochowski ist ein herausragender Fußballspieler. Er scheint derzeit zu lernen, das auch selbst zu glauben.

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