Nationaltorwart Lehmann Der Platzhirsch wehrt sich

Jens Lehmann ist erzürnt: Ihn störe die ständige Interpretation seiner Situation beim FC Arsenal. Ist das jetzt ein Zeichen der Schwäche? Ist sein Stammplatz in Gefahr? Und warum spricht der Torwart plötzlich von der WM 2010? Alles eine Frage der Interpretation.

Von , Cardiff


Er wird vielleicht aufbrausen und den Kopf schütteln, vielleicht auch ein verächtliches Stirn-in-Falten-und-dabei-Lächeln-Gesicht machen. Auf jeden Fall wird er es nicht mögen: Dass man jetzt auch noch diesen Auftritt interpretiert. Interpretationen seiner Person und seiner Situation mag Jens Lehmann nicht, das hat er auf jener denkwürdigen Pressekonferenz ja deutlich gesagt. Fragen nach seiner Zukunft beim FC Arsenal gingen ihm "so auf den Nerv", blaffte der Torwart einen Journalisten an, "fragen Sie mich also nicht, wie ich Ihre Interpretationen interpretiere".

Nationaltorwart Lehmann: "Von der Natur verwöhnt"
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Nationaltorwart Lehmann: "Von der Natur verwöhnt"

Dabei kommt man gar nicht ohne Interpretationen aus, wenn es um die Situation des 37-Jährigen beim FC Arsenal geht. Nach zwei Patzern zum Saisonstart verletzte sich Lehmann an der Achillessehne, Arsenal-Trainer Arséne Wenger lässt seither ein klares Bekenntnis zu seinem Stammkeeper vermissen. Hat er ihn fallengelassen? Wenger werde ihn wieder spielen lassen, versichert Lehmann. Der Deutsche sei auf dem Weg zum Abstellgleis, spekulieren hingegen die im Fußball immer sehr interpretationsfreudigen englischen Zeitungen.

Steht Lehmann bei Arsenal vor dem Aus?

Nein. Er werde Lehmann nicht nach seinen Patzern beurteilen, betont Wenger immer wieder. Und wohl erst recht nicht nach dem Alter. Dem Franzosen ist es wichtiger, dass der Deutsche seiner Rolle als Führungsspieler gerecht - und vor allem schnell wieder fit wird. Der Spanier Manuel Almunia, Rivale um die Nummer eins, gilt als noch anfälliger für Patzer, Lehmanns internationale Erfahrung und seine Leistungen in der Champions League sprechen für ihn. Er habe "einen Vorsprung bei Arsenal, den ich halten werde", sagte er der "Süddeutschen Zeitung".

Warum dann die Frotzelei gegen die Presse?

Lehmann steht bei Arsenal unter Druck, das interpretiert auch DFB-Teammanager Oliver Bierhoff so, der das aber durchaus für leistungsfördernd hält. "Für Jens ist es ganz gut, wenn er ein bisschen unter Druck steht", sagte Bierhoff heute. Nachvollziehen kann der Manager die ungeklärte Stammplatzsituation seines Torwarts aber nicht, "er bringt konstant gute Leistungen und ist mit so viel Ehrgeiz dabei".

Womöglich will Lehmann mit seiner verbalen Vorwärtsverteidigung auch die drohende Torwart-Diskussion im DFB-Team gar nicht erst aufkommen lassen - immerhin hat die deutsche Nummer zwei Timo Hildebrand beim FC Valencia ebenfalls keinen Stammplatz, gleichzeitig drängen Talente wie Leverkusens René Adler oder Schalkes Manuel Neuer nach, Robert Enke (Hannover) gilt als potentieller Kandidat für die Lehmann-Nachfolge. Im Interview mit der "SZ" richtete Lehmann nun eine Kampfansage an die aufstrebende junge Torwartgeneration. Er sei "immer noch fitter als die jungen", und "über zehn Spiele" habe er noch niemanden gesehen, der besser sei. Der Platzhirsch wehrt sich.

Und spricht plötzlich von der WM 2010. Dann ist er 40, und die Frage stellt sich, ob sich da womöglich jemand selbst überschätzt und nicht lieber den Vorruhestand genießen sollte?

Die Interpretation ist hier: Nein. Natürlich will Lehmann seinen gegen Oliver Kahn nach Jahren des Wartens hart erkämpften Stammplatz in möglichst viele sportliche Erfolge umwandeln. Das ist legitim, solange er besser als die nationale Konkurrenz ist. Und wenn jemand mit 40 Jahren noch Weltklasse sein kann, dann Lehmann, der sich selbst im Interview mit der "SZ" als "von der Natur verwöhnt" bezeichnet: "Weil ich groß und dünn bin und einen geringen Fettanteil habe. Und technisch bin ich halt noch besser."

Immerhin schränkte er dann doch noch ein, dass er sich vielleicht 2010 auch mit dem Dasein als Nummer drei begnügen würde "und die anderen antreibe". Wer daraus jetzt den Schluss zieht, Lehmann würde seinen Stammplatz nach der EM im kommenden Jahr freiwillig räumen, hat aber ganz sicher zuviel hineininterpretiert.



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