Nationaltrainer Löw Der Unwichtigtuer

Der Einzug ins EM-Finale ist der bisher größte Erfolg für Joachim Löw. Der Bundestrainer hat Mut bewiesen, sich wandelbar gezeigt, nicht zu wichtig genommen - im Gegenteil: Vor allem Michael Ballack gestattete er Einfluss. Nun muss dieser das Vertrauen nur noch zurückzahlen.

Aus Tenero berichten Cathrin Gilbert und


Als Massimo Busacca die deutsche Mannschaft mit seiner Pfeife erlöst, als Thomas Hitzlsperger in die Luft springt und Philipp Lahm von Bastian Schweinsteiger umarmt wird, da fängt Angela Merkel wieder an zu atmen. Die Bundeskanzlerin steht auf der Ehrentribüne des Basler St.-Jakob-Parks in ihrem grauen Blazer, sie lächelt und pustet tief durch. Später gesteht sie: "Ich habe die Luft während des Spiels angehalten."

Nun wissen wir also: Dieser schwer erkämpfte und glückliche 3:2-(1:1)-Erfolg Deutschlands im Halbfinale gegen die Türkei war sogar gesundheitsgefährdend. Er ließ in diesem Land kollektiv den Atem stocken.

Auch Bundestrainer Joachim Löw japste nach dem Spiel nach Luft und Superlativen. Einen "Wahnsinnskampf auf Biegen und Brechen" hatte er gesehen, einen "Wahnsinnsfight mit unglaublicher Dramaturgie", er sprach von "großer Moral" und "Willen". Dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn und lächelte.

Es ist nach diesem Spiel viel über die Wandelbarkeit dieser Mannschaft geschrieben worden. Weil sie immer anders auftrat als erwartet und trotzdem gewann. Weil sie Glück hatte und doch das in Jahrzehnten gewachsene Image einer Turniermannschaft mit neuem Leben füllte.

Aber wer spricht eigentlich von Löw?

Das Finale ist auch der Erfolg des Bundestrainers und seiner Wandelbarkeit. Löw hat Mut bewiesen, als er ein jahrelang erprobtes 4-4-2-System auflöste und durch ein 4-2-3-1 ersetzte. Er hat Coaching-Fähigkeiten bewiesen, weil er seinen Spielern auch erfolgreich vermittelte, dass es ihm dabei gar nicht um das System ging. Sondern um die Art und Weise, wie die DFB-Kicker es ausfüllen. Und Löw hat Konsequenz gezeigt, als er den angeschlagenen Torsten Frings gegen die Türkei zunächst auf der Bank ließ.

Löw ist so bei seinem ersten großen Turnier gleich ins Endspiel eingezogen und hat den Erfolg Jürgen Klinsmanns bei der WM übertroffen. In einem EM-Turnier, das wegen seiner Leistungsdichte als das schwierigste der Welt gilt. Nicht ohne Stolz wies der Bundestrainer schon nach dem Viertelfinale darauf hin, dass Deutschland das einzige Land sei, das sowohl im Halbfinale der WM 2006 als auch im EM-Halbfinale stehe.

Löw hat viele richtige Entscheidungen getroffen. Die wichtigste war aber die, sich nicht zu wichtig zu nehmen.

Es ist der Moment, in dem die Kanzlerin durchatmet, als Löw von Michael Ballack in den Arm genommen wird. Der Kapitän drückt den Bundestrainer an sich, die Sekunden verstreichen. Dann flüstern sich die beiden etwas ins Ohr und klatschen sich ab. "Wir haben uns gegenseitig beglückwünscht", verrät Ballack später dem Reporter des ZDF.

Die Umarmung in Basel wurde zum sichtbaren Zeichen des besonderen Verhältnisses zwischen Löw und seinem Führungsspieler. Ballack war schon vor dem Portugal-Spiel von seinem Coach in die Beratungen um einen Systemwechsel einbezogen worden. Und Ballacks Fürsprache für das 4-2-3-1 spielte auch im Türkei-Spiel eine große Rolle. "Ich wollte in der zweiten Halbzeit einen zweiten Stürmer einwechseln, weil ich gemerkt habe, dass es so nicht richtig passt", sagte Löw nach dem Spiel.

Im Gegensatz zur blamablen Vorrundenniederlage gegen Kroatien (1:2), als er noch den enttäuschenden David Odonkor einwechselte, entschied er sich aber dagegen. "Wir hatten im Mittelfeld einige Lücken, brauchten dort die fünf Leute. Hätten wir das System aufgegeben, hätten wir vielleicht nicht bis zum Ende so erfolgreich verteidigen können", erklärte Löw. Und offenbarte damit sein Vertrauen auf den Ratschlag des Kapitäns.

Das besondere Verhältnis der beiden wurde auch am Tag nach dem Spiel deutlich. Nicht in Gesten oder Worten - sondern im Schweigen. Zur schwachen Leistung Ballacks gegen die Türkei wollte sich Löw nicht äußern, er lobte stattdessen Torsten Frings ("toller Charakter") und Bastian Schweinsteiger ("großartiges Laufpensum"). Löw weiß, dass Ballack sein Vertrauen gegen Portugal zurückgezahlt hat. Und hofft, dass der Kapitän es auch im Finale tun wird.

Und Ballack weiß, dass das der Preis ist für das Vertrauen des Bundestrainers.

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