DFB-Nationalspieler Kimmich Der Kampf des Absteigers

Monatelang beherrschte das Impfthema die Schlagzeilen um Joshua Kimmich, er verlor seinen Nimbus als Anführer. Kann der Bayern-Profi bei der Nationalelf, die am Abend auf England trifft, wieder der wichtigste Spieler werden?
Aus München berichtet Peter Ahrens
Joshua Kimmich (Nr. 6) erzielte den Ausgleich beim 1:1 des DFB-Teams gegen Italien

Joshua Kimmich (Nr. 6) erzielte den Ausgleich beim 1:1 des DFB-Teams gegen Italien

Foto: Andrea Staccioli / Insidefoto / IMAGO

Von ihm hängt viel ab. Der Bundestrainer hat die Position, auf der er spielt, zuletzt noch mal als »eine der wichtigsten« auf dem Platz benannt. Joshua Kimmich ist das, was man einen Schlüsselspieler nennt.

Mit einem Schlüssel kann man die Tür öffnen, von der aus man ins Große, Weite aufbrechen kann. Mit einem Schlüssel kann man sich aber auch selbst einschließen. Joshua Kimmich hat beides schon erlebt.

Bei den Nations-League-Spielen in diesem Juni wie der Partie gegen England am Abend in München (20.45 Uhr/ZDF) ist er zum ersten Mal seit Oktober wieder im Kreis der Nationalmannschaft, seit November waren es andere Schlagzeilen, die Kimmichs Karriere beschwerten: Die Impfdebatte hatte sein Image ramponiert, wochenlang tauchte er damals in der Öffentlichkeit ab, hatte mit dem Schlüssel zugesperrt. In der Winterpause wurde er von seinen Bundesliga-Kollegen zum »Absteiger des Jahres« gewählt.

Mister Anspruch im Team

Absteiger des Jahres – das muss man sich mal vorstellen bei einem, dessen Ehrgeiz sich eignen würde, sprichwörtlich zu sein. Kimmich galt immer als der, der seine Teamkollegen noch ein bisschen mehr antreibt, der Ambitionen bis in den Himmel hat, der nie ruht, bis der letzte Erfolg erzielt ist. Mister Anspruch.

Kimmich nach dem Spiel gegen Italien: Mister Anspruch

Kimmich nach dem Spiel gegen Italien: Mister Anspruch

Foto: Alex Grimm / Getty Images

Bei der Fußball-EM im Vorjahr veröffentlichte der DFB ein Video aus dem deutschen Trainingslager, bei der mehrere Nationalspieler zusammensaßen und musizierten. Es sollte die Lockerheit der Spieler betonen. Kimmich spielte dabei auf der Gitarre mit einem Gesichtsausdruck, als ob er wild entschlossen sei, zum Abschluss des Trainingslagers zum Vorspielen in der Philharmonie vorgelassen zu werden.

Dass er sich wochenlang zierte, sich gegen Corona impfen zu lassen, hat das alles überlagert. Dass er vorher mit Leon Goretzka die Aktion »We kick Corona« ins Leben gerufen hatte, war plötzlich nicht mehr nur vorbildlich, sondern stand im schiefen Licht.

Auf der Suche nach dem Nimbus

Als er nach diesen Wochen der Impfdebatte wieder auf den Platz zurückkehrte, hatte man das Gefühl: Ein Teil seines Nimbus ist verloren gegangen. Die Selbstverständlichkeit seines Führungsanspruchs war dahin. Die Rückrunde des FC Bayern war wenig glanzvoll, und Kimmich passte sich an.

»Ich erwarte von jedem Spieler eine Weiterentwicklung, jeder hat noch Luft nach oben, dazu gehört auch Joshua.«

Bundestrainer Hansi Flick

Man redete jetzt nicht mehr so sehr über seinen unbändigen Ehrgeiz, man redete über die Defensivschwächen, die der Sechser Kimmich bei den Bayern offenbart habe. Man redete so darüber, als habe man das immer schon gewusst.

»Ich erwarte von jedem Spieler eine Weiterentwicklung«, hat Bundestrainer Hansi Flick in dieser Woche vor den Spielen gegen Italien und England gesagt, »jeder hat noch Luft nach oben, dazu gehört auch Joshua.« Flick ist einer, der nichts so sehr scheut, wie einen Spieler in der Öffentlichkeit zu maßregeln oder zu kritisieren. Insofern hat er sich mit diesem Satz für seine Verhältnisse schon weit aus dem Fenster gelehnt.

Die meisten Ballkontakte

Der Spieler hat die Botschaft offensichtlich vernommen. Gegen Italien war Kimmich defensiv stabil, hatte die meisten Ballkontakte im Team und sorgte in der 72. Minute auch noch für den Ausgleichstreffer, der die erste Niederlage der DFB-Elf unter Flick verhinderte. Nach dem Spiel war er im Interview zudem der Erste, der selbstkritisch seine Unzufriedenheit über die Leistung der eigenen Mannschaft ausdrückte.

»Ich habe nicht das Gefühl, dass mich hier einer krumm angesehen hat«, hat Kimmich seinen Eindruck nach der Rückkehr in den Kreis der Nationalelf formuliert, stattdessen glaube er, »hier gern gesehen zu werden«. Corona ist derzeit in Deutschland kein großes Thema mehr, da fällt auch der Öffentlichkeit die Bereitschaft leichter, das Thema Kimmich und Impfen zu vergessen.

Schon 65 Länderspiele

65 Länderspiele hat Kimmich mittlerweile schon, er ist bereits 27 Jahre alt, dabei wirkt er immer noch so jungenhaft, als wäre er gerade erst zum DFB dazugestoßen. Mit der WM in Katar steht er vor seinem bereits fünften Turnier, mit Texten darüber, ob er besser im Mittelfeld oder auf der Position des Außenverteidigers aufgehoben wäre, kann man schon ganze Aktenordner füllen.

Kimmich gilt bei der Nationalelf immer noch der Schlüsselspieler. Es gibt nur die Frage: Wer spielt neben ihm?

Kimmich gilt bei der Nationalelf immer noch der Schlüsselspieler. Es gibt nur die Frage: Wer spielt neben ihm?

Foto: Alexander Hassenstein / Getty Images

Flick hat sich von Beginn an auf Kimmich im Mittelfeld festgelegt, das hat er auch in diesen Tagen wieder bekräftigt. Die dürftige Vorstellung der beiden Außenverteidiger Benjamin Henrichs und Thilo Kehrer am Samstag gegen die Italiener haben an dieser Ansicht nichts verändert.

Kimmich ist als Sechser gesetzt, das macht es nicht leichter für seine Nebenleute İlkay Gündoğan und Leon Goretzka, ihren Platz im Team zu finden. Es scheint so, als ginge es auch bei Flicks Planungen zur WM nie darum: Wer spielt statt Kimmich? Sondern ausschließlich um: Wer spielt neben Kimmich?

Vor der Presse hat Kimmich in dieser Woche betont, wie sehr er sich freue, »dass wir hier keine reinen Freundschaftsspiele haben, sondern dass es um etwas geht«. Es sei auch gut, dass man in so kurzer Zeit gleich vier Spiele absolviere. Es hörte sich fast so an, als spräche der alte Joshua Kimmich.

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