Deutschland gewinnt Sieben-Tore-Spiel gegen Italien Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Timo Werner trifft wieder, das Mittelfeldduo glänzt: Der höchste Sieg gegen eine italienische Nationalmannschaft brachte Hansi Flick frohe Kunde. Überschätzen sollte man die Nations League dennoch nicht.
Foto: Federico Gambarini / dpa

Vertrauen ist gut: Hinter Timo Werner liegt eine schwere Saison: Nur vier Tore in der Premier League, viel Aufwand, wenig Ertrag auch im Nationalteam. Trotzdem gab Bundestrainer Hansi Flick dem Stürmer vom FC Chelsea gegen Italien die nächste Chance. Schon nach wenigen Sekunden machte er den ersten aussichtsreichen deutschen Angriff mit einer falschen Entscheidung zunichte. Doch in der 68. Minute löste sich die Blockade: Erst legte der eingewechselte Serge Gnabry nach Außenristpass von Thomas Müller quer, Werner schob aus kurzer Distanz ein. Nur eine Minute später traf Werner schon wieder, nachdem er Torhüter Gianluigi Donnarumma unter Druck gesetzt hatte – erneut nach Vorlage Gnabrys. Vom Sorgenkind zum Doppeltorschützen in wenigen Sekunden: Das Beispiel Werner zeigt, wie gut dieser Abend dem Selbstverständnis der deutschen Mannschaft noch tun könnte.

Das Ergebnis: Die 1:1-Serie der deutschen Nationalmannschaft ist im vierten Spiel der Nations League endlich gerissen – und wie: 5:2 (2:0) hieß es nach 90 Minuten im Gladbacher Borussia-Park für die DFB-Elf gegen Italien. Hier geht es zum Spielbericht.

Hansi, ich habe die Stürmer geschrumpft: Italiens Nationaltrainer Roberto Mancini kommt derzeit die Aufgabe zu, seine Europameister-Elf umzukrempeln und zu verjüngen. Für eine Weltmeisterschaft muss sich das italienische Team nach der verpassten Qualifikation zudem nicht einspielen. Experimente sind erlaubt, gar gewünscht, im Vergleich zum 0:0 gegen England tauschte Mancini auf neun Positionen. So erwartete die Abwehr von Bundestrainer Hansi Flick eine völlig andere Aufgabe als noch beim Hinspiel in Bologna vor zehn Tagen: Statt mit 1,95-Meter-Sturmtank Gianluca Scamacca bekam die deutsche Viererkette es mit den quirligen Wilfried Gnonto, Giacomo Raspadori und Matteo Politano zu tun. Durchschnittshöhe: 1,71 Meter.

Italiens Hoffnung: Der 18 Jahre alte Wilfried Gnonto

Italiens Hoffnung: Der 18 Jahre alte Wilfried Gnonto

Foto: INA FASSBENDER / AFP

Die erste Hälfte: Tatsächlich gehörte den Italienern auch die erste Großchance, als nach einer scharfen Hereingabe vom rechten Flügel erst Raspadori aus kurzer Distanz an Neuer scheiterte und der DFB-Kapitän als Zugabe auch noch Gnontos Nachschuss entschärfte (8.). Das deutsche Team machte es in einer atemlosen Anfangsphase besser, der aufgerückte Joshua Kimmich traf nach David Raums Flanke zur Führung (10.). Anschließend war die deutsche Mannschaft die bessere. Alessandro Bastoni schubste kurz vor der Pause Jonas Hofmann zu Boden, per Strafstoß trug sich dann auch der zweite Mittelfeld-Zampano İlkay Gündoğan in die Torschützenliste ein (45.+4).

Kontrolle ist besser: Sowieso dürfte Gündoğan als Gewinner aus den vergangenen vier Spielen hervorgehen: Nur gegen England und im Rückspiel gegen Italien startete der Profi von Manchester City neben Leitwolf Kimmich. In diesen beiden Spielen gab die deutsche Mannschaft 15 Schüsse aufs gegnerische Tor ab, in den anderen beiden Partien fünf. Die größere Spielkontrolle aus dem Zentrum heraus, für die der spielstarke Gündoğan steht, scheint sich als Schlüssel zum Erfolg zu erweisen. »Ich glaube, wenn wir es so machen wie heute, werden es sehr viele Mannschaften schwer gegen uns haben – und sehr viel hinterherlaufen«, sagte Gündoğan nach dem Spiel.

Die zweite Hälfte: Ebenfalls zum Kern der deutschen Mannschaft darf man Thomas Müller zählen: Nach einer abgefälschten Flanke von Raum verwandelte der Bayern-Profi (51.). Wenig später kratzte Manuel Neuer gegen eine stürmisch aus der Pause kommende italienische Mannschaft und Inter Mailands Nicolò Barella einen Riesenchance von der Linie (55.), deren Torgefahr sich allerdings mit dem Abseitspfiff erledigt hätte. Es folgte die Timo-Werner-Show – und die späten Ehrentreffer durch Gnonto (78.) und Bastoni (90.+3). Fünf Tore gegen Italien aber hatte es noch in keinem deutschen Länderspiel zuvor gegeben.

Fotos knipsen, Haken schlagen: Kurz vor Spielende erlebte der Borussia-Park noch den kleinsten Platzsturm der Welt: Nach 87 Minuten machte ein junger Eindringling auf dem Platz den Anfang, der mit gezücktem Handy gleich zweimal einen Ordner auf den Hosenboden plumpsen ließ, der sich an der Verfolgung versuchte. Zwei weitere Flitzer nutzten aus einer anderen Ecke des Stadions die Gunst der Minute, um sich ihrerseits für wenige Sekunden im Glanz der ZDF-Kameras zu sonnen. Höchste Zeit für eine ausgedehnte Sommerpause also: Im September geht es weiter mit der Nations League.

Das beste Team der Gruppe: ...heißt trotz des Kantersiegs noch immer nicht Deutschland. Zwar kann Bundestrainer Flick einen mehr als versöhnlichen Abschluss des Länderspiel-Viererpacks feiern. Die Nummer eins der deutschen Nations-League-Gruppe mit den EM-Finalisten England und Italien ist nach einem 4:0-Erfolg über die Three Lions jedoch Außenseiter Ungarn. Das sagt einiges über die Qualität der Magyaren aus – aber auch nicht viel weniger über den sportlichen Wert des Turniers.

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