Deutschlands Gegner Schweiz Das Prinzip Export

Der Großteil der Schweizer Fußballnationalmannschaft spielt im Ausland. In der Bundesliga sind die Eidgenossen besonders begehrt. Über ein System, das bewusst auf Legionäre setzt.
Granit Xhaka, Kapitän der Schweizer Nationalmannschaft, im Nations-League-Spiel gegen die Ukraine

Granit Xhaka, Kapitän der Schweizer Nationalmannschaft, im Nations-League-Spiel gegen die Ukraine

Foto: Gleb Garanich / REUTERS

Made in Switzerland. Beim VfL Wolfsburg ist das ein Qualitätsmerkmal. "Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Schweizer Fußballern gemacht", sagt Sportdirektor Marcel Schäfer im Gespräch mit dem SPIEGEL. Ob Diego Benaglio, Ricardo Rodríguez, Timm Klose oder Marwin Hitz: Mit ihren Eidgenossen waren die Wolfsburger stets zufrieden.

Aktuell stehen mit Kevin Mbabu, Renato Steffen und Admir Mehmedi wieder drei Kicker aus dem Nachbarland im VfL-Kader. Die Vorzüge der Schweizer liegen für Schäfer auf der Hand: "Es gibt keine Sprachbarriere, Kultur und Werte sind ähnlich. Zudem sind das Spieler, die in ihrer Karriere den nächsten Schritt machen wollen. Das passt perfekt in unser Profil."

Damit liegt Wolfsburg im Trend. Schweizer sind in der Bundesliga Kassenschlager. Alle elf Stammspieler der Nationalmannschaft haben bereits in Deutschland gegen den Ball getreten. Aktuell spielen 18 Eidgenossen im Oberhaus, Spitzenreiter mit fünf Schweizern ist Mönchengladbach. Nationaltorhüter Yann Sommer steht dort bereits seit 2014 im Tor, Denis Zakaria ist seit 2017 Leistungsträger im zentralen Mittelfeld.

Am Abend treffen sie mit der Schweizer Nationalmannschaft in der Nations League auf Deutschland (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL.de, TV: ZDF).

159 Schweizer sind im Ausland tätig

Dass so viele Schweizer in der Bundesliga auflaufen, ist kein Zufall. Die Schweizer setzen bewusst auf den Export ihrer Nationalspieler. "Wir haben in unseren Vereinen ein vom Verband aus organisiertes Talentmanagement. Um international top zu werden, müssen sie dann den zweiten Schritt machen in die besten Ligen Europas", sagt Pierlugi Tami. Der 58-Jährige ist Direktor der Nationalteams des Schweizerischen Fußballverbands (SFV).

Insgesamt sind laut dem "International Centre for Sports Studies" 159 Schweizer im Ausland tätig, 73 davon in den fünf europäischen Topligen. Neben den 18 Bundesligaprofis spielen 15 davon in England, 14 in Italien. Im Vergleich zu den 1600 brasilianischen oder den 1000 französischen Legionären wirkt das zwar gering. Doch schaut man auf das Nationalteam, verändert sich das Bild.

Zur letzten WM nominierte Nati-Trainer Vladimir Petkovic nur einen Profi aus der heimischen Super League - Michael Lang, damals Rechtsverteidiger beim FC Basel. Das restliche Team um die Premier-League-Profis Granit Xhaka (FC Arsenal) und Xherdan Shaqiri (FC Liverpool) spielte im Ausland. Von 33 aktuellen Nationalspielern kicken 27 international.

"Keine großen Erlöse aus TV-Einnahmen"

Als langjähriger Topklub sorgte früher der FC Basel für die spektakulärsten Exporte. Sommer, Xhaka und Shaqiri schufen einst in der Bundesliga die Grundlagen ihrer Karrieren. Mittlerweile aber gibt auch der dreimalige Meister Young Boys Bern immer wieder zahlreiche Spitzentalente an ausländische Vereine ab. Zakaria (Gladbach), Jordan Lotomba (Nizza), Yvon Mogo (Leipzig), Mbabu (Wolfsburg) und Djibril Sow (Frankfurt) - diese Berner haben allesamt in Europas Topligen überzeugt.

"Wir haben keine großen Erlöse aus TV-Einnahmen", sagt YB-Sportchef Christoph Sprycher, "deshalb sind wir wirtschaftlich auf Transfergewinne angewiesen und holen gezielt Spieler, die wir weiterentwickeln und dann in eine der großen Ligen verkaufen."

Wie aber produziert der Nachbarstaat so viele begehrte Talente? "Wir haben keine so unerschöpfliche Basis wie die großen Fußballnationen", sagt Spycher, "daher müssen wir uns intensiv um unsere Talente kümmern."

Dazu setzt der Verband auf ein regionalisiertes Ausbildungssystem. Die Talente werden erst nach der U15 zusammengezogen. Davor arbeiten die acht Leistungszentren des Landes mit sechs Partnerschaftsvereinen zusammen, um den jungen Spielern lange Anfahrten zu ersparen. Außerdem legt der SFV Wert auf eine breite Ausbildung der Talente. Bis zur U15 sind Ergebnisse per Statut Nebensache. Auf kleineren Feldern treten die Talente in drei Dritteln à 30 Minuten gegeneinander an. Jedes Kadermitglied muss mindestens eine halbe Stunde Spielzeit erhalten, feste Positionen sind verboten. Beim DFB beobachten sie das aufmerksam. Meikel Schönweitz, Cheftrainer der DFB-U-Nationalteams, findet: "Die Schweizer leisten in der Ausbildung gute Arbeit."

Die goldene Generation der Schweiz holte 2011 Silber bei der U21-EM

Die goldene Generation der Schweiz holte 2011 Silber bei der U21-EM

Foto: imago images

In einem Punkt ist der SFV zuletzt umgeschwenkt. "Wir haben gelernt, dass zu frühe Wechsel nicht gut sind. Deshalb spielt heute der Großteil unserer Juniorennationalspieler in der Super League", sagt Sportdirektor Tami. Dadurch sollen die Talente mehr Spielpraxis sammeln, um an den großen Erfolg von 2011 anzuknüpfen: Damals holte die goldene Generation um Xhaka, Shaqiri, Sommer und Mehmedi bei der U21-EM in Dänemark Silber.

Beim Verband hoffen sie, dass sie dieses Kunststück bald wiederholen können. Noah Okafor, der jüngst von Basel zu RB Salzburg wechselte, und der Berner Jordan Lotombo, der kommende Saison für Nizza verteidigt, stehen stellvertretend für das hochveranlagte aktuelle U21-Nationalteam. Die nächsten Exportschlager Made in Switzerland stehen bereits in den Startlöchern.

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