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DFB-Pleite gegen Niederlande Jogi ratlos

Beim 0:3 gegen die Niederlande fiel die deutsche Elf in alte Fehler zurück. Das Team mit seinen Weltmeistern von 2014 scheint ausgebrannt, der Bundestrainer sucht nach Erklärungen. Das wirkt alles nicht gut.

Am Ende dieses für das deutsche Team so deprimierenden Abends von Amsterdam wollte es ein englischer Journalist dann doch noch ganz genau wissen. Ob dies nun eines seiner letzten Länderspiele als Trainer gewesen sei, fragte er Joachim Löw. Der Bundestrainer hatte die Frage zunächst gar nicht verstanden, er hatte stattdessen "eines der schlechtesten Spiele" wahrgenommen.

Dabei steht nach diesem 0:3 gegen die Niederlande, diesem erneuten Offenbarungseid, was Defensivarbeit und Chancenverwertung angeht, die Frage schon im Raum, ob sich hier nicht eine Trainer-Ära beim Deutschen Fußball-Bund dem Ende zuneigt.

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DFB-Pleite gegen die Niederlande: Abstiegskampf!

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Joachim Löw rang nach der Partie nach Erklärungen dafür, warum es wieder nicht geklappt hatte mit dem Toreschießen. Warum sich die deutsche Abwehr einen niederländischen Konter nach dem nächsten einfing. Warum die Mannschaft nach dem Gegentor vollkommen an Linie verlor.

"Die jungen Spieler brauchen noch Zeit"

"Man merkt allen das fehlende Selbstbewusstsein an", sagte der Bundestrainer, im Training hätten seine Offensivspieler fast aus allen Chancensituationen auch Tore gemacht. Im Spiel allerdings dann wieder nicht.

Dass die Ursachenforschung auch mit dem von ihm ausgewählten Personal zusammenhänge, damit, dass Löw nach dem WM-Debakel den Umbruch vermieden hat - diesen Vorwurf wies er erneut entschieden zurück. "Die richtige Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern" sei wichtig, man brauche die Routiniers, "die jungen Spieler brauchen noch Zeit".

Wieder nur von der Bank: Julian Brandt (l.)

Wieder nur von der Bank: Julian Brandt (l.)

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Auf der Gegenseite allerdings nehmen diese jungen Spieler schon Führungsrollen ein, wie Innenverteidiger Mathijs de Ligt, 19, oder Ajax-Teamkollege Frenkie De Jong, 21. Derlei Aufgaben traut Löw den Jungen im Team offenbar noch nicht zu. Also spielen Boateng, Müller, Hummels. Leroy Sané und Julian Brandt saßen dagegen wieder einmal über eine Stunde auf der Bank.

Ob Löw Qualitäten als Krisenmanager hat, ob er eine Mannschaft nach einem Tiefschlag wieder zu alter Stärke führen kann, das ist eine der spannenden Fragen nach der WM gewesen. Es ist eine Frage, die man noch nicht zufriedenstellend beantworten kann. Der Zustand des Teams von Amsterdam lässt aber begründete Zweifel zu, dass diese Mannschaft noch einmal die Kurve bekommt.

Neuer bräuchte eine Pause

Löw und seine Weltmeister, sie wirken ausgebrannt, schwer angeknockt. Das fängt beim Torwart Manuel Neuer an, der dringend eine Pause benötigt, geht über die müden Innenverteidiger Jérôme Boateng und Mats Hummels weiter, die den Schnellangriffen Oranjes nichts entgegensetzen konnten. Boateng wirkte völlig indisponiert, zudem offensichtlich auch körperlich nicht fit.

Toni Kroos im Mittelfeld hatte zwar vor der Partie Selbstbewusstsein demonstriert, auf dem Feld war er aber mit dem Führen der Mannschaft überfordert. Vorne mühten sich Timo Werner und Neuling Mark Uth und blieben allen Anstrengungen zum Trotze einmal mehr ohne Tor. Die Außenverteidiger Jonas Hector und Matthias Ginter geben zu wenige Impulse nach vorne. Im Grunde fehlt es derzeit überall - bei einer Mannschaft, die sich vor drei Monaten noch als WM-Favorit wähnte.

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Deutschland in der Einzelkritik: Neuers Nimbus bröckelt

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Löw hat nach der WM betont, er und die Mannschaft müssten wieder mehr Wert auf eine ordentliche Defensivarbeit legen. Gegen die Franzosen in der ersten Partie nach der WM hatte das auch ganz ordentlich geklappt. Gegen die Niederländer am Samstag taten sich jedoch wieder die von der WM bekannten Löcher auf.

Eine Aufgabe für den Psychologen

Aber nicht nur hier stellte der Abend in der Johan-Cruyff-Arena einen Rückfall da. Dass die Spieler anschließend versuchten, die Partie schönzureden mit dem Hinweis auf die vorhandenen Torchancen, sprach nicht für die neue Nachdenklichkeit beim DFB. Man hat diese Erklärungsversuche zu oft gehört.

Die Leichtigkeit, die Selbstsicherheit sei weg, stellt der Bundestrainer fest. Tatsächlich ist es schon sehr auffällig, dass die DFB-Spieler fast in jeder Partie ihre Chancen bekommen, sie aber im Spiel fast nie zu Toren nutzen. Als sei der DFB-Psychologe derzeit fast noch wichtiger als der Trainer.

Am Dienstag geht es nach Paris gegen Frankreich, derzeit wohl die unangenehmste Aufgabe für ein Team, das im Krisenmodus anreist. Noch eine Niederlage gegen den Weltmeister, und Löw hätte jetzt schon die schlechteste Jahresbilanz, die ein Bundestrainer je vorzuweisen hat: Noch nie hat eine DFB-Auswahl sechs Spiele in einem Jahr verloren, fünf sind es nach Amsterdam schon.

"In Paris müssen wir Charakter zeigen, wir müssen alles ausblenden, was jetzt auf uns einprasselt", sagt Löw. Vielleicht ist Ausblenden auch das falsche Rezept.

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