Finalrunde der Nations League Besser als erwartet

Die Skepsis war groß bei der Einführung der Nations League. Die Endrunde hat bisher gezeigt: Die Teams nehmen das Turnier ernst, die Stimmung ist gut - doch es gibt auch Störgeräusche.

Memphis Depay
REUTERS/Rafael Marchante

Memphis Depay

Aus Porto und Guimarães berichtet


Die Zuschauer aus den Niederlanden waren klar in der Unterzahl, trotzdem gehörte das Estádio Dom Afonso Henriques in Guimarães am Ende des Abends ihnen. Während der englische Teil des Publikums seine Fahnen einpackte, schunkelten die Fans in Orange und riefen dem Gegner zu, sich auf die schönen Seiten ihres Daseins zu besinnen: "Always look on the bright side of life!", sangen sie.

Es liefen die letzten Minuten der Verlängerung, gerade hatte Quincy Promes den 3:1-Endstand im Halbfinale der Nations League erzielt und den Niederlanden damit einen Platz im Endspiel am Sonntag im Estádio do Dragão in Porto gegen Portugal gesichert.

"Wir hatten bislang wenig Erfahrung mit Halbfinals und Finals. Das hatten wir heute. Das macht dich als Mannschaft besser", sagte Trainer Ronald Koeman hinterher. Die Engländer müssen sich mit dem Spiel um den dritten Platz (gegen die Schweiz) abfinden. Wieder einmal, wie schon bei der WM im vergangenen Jahr. "Du schaffst es erneut in ein Halbfinale. Das sollte eine positive Sache sein, aber am Ende ist jeder ernüchtert", sagte Trainer Gareth Southgate.

Wenn man die Reaktionen der Fans sah am Ende dieser wilden Partie, und wenn man die Aussagen der Trainer hörte - dann musste man zu dem Schluss kommen, dass beide Seiten die Endrunde dieses neuen Formats ziemlich ernst nehmen. Genau so, wie Portugal und die Schweiz sie ernst nehmen, die am Tag zuvor das erste Halbfinale (3:1 in der regulären Spielzeit) ausgetragen hatten. Die Teilnehmer sehen die Veranstaltung als echten Wettbewerb an.

Anfängliche Skepsis

Die Einführung der Nations League zu dieser Saison war mit Skepsis begleitet worden. Vielen größeren Ländern war nicht klar, welchen Zweck sie haben sollte. Doch sie hat die Zahl der Freundschaftsspiele verringert und kleineren Mannschaften die Chance gegeben, sich mit Ihresgleichen zu messen. England und die Niederlande nutzten die Hauptrunde, um ihre Renaissance fortzusetzen mit Siegen über Spanien und Kroatien beziehungsweise Frankreich und Deutschland. Auch die aktuelle Finalrunde hat ihren Charme.

Sie ist kein überdrehtes Event, sondern hat einen angenehm moderaten Ton. Es gibt zwei Halbfinals und am Sonntag das Spiel um den dritten Platz und das Finale, dann ist schon wieder alles vorbei. Die Partien finden in Stadien mit einer Kapazität von 30.000 (Guimarães) und 50.000 (Porto) Zuschauern statt. Das ist in etwa so, als würde man die Endrunde in Wolfsburg und Nürnberg austragen. Die beiden Spielorte sind nur rund 40 Autominuten voneinander entfernt. Die Stadien waren bei den Halbfinals fast voll. Die Stimmung ist weitgehend ausgelassen.

Beim 3:1 der Portugiesen in Porto herrschte ein Ambiente wie auf dem Volksfest. Man sah viele Familien, viele Frauen, viele jüngere Besucher. Am Ende besangen sie zur Melodie von "Seven Nation Army" ihren Dreifach-Torschützen: "Criiiiiiistiano Ronaaaaaaaldo! Criiiiiiistiano Ronaaaaaaaldo!"

Chaotische Szenen und Störgeräusche

Die Partie in Guimarães war ein Heimspiel für die Engländer. Sie haben mit Abstand die meisten Fans mit nach Portugal gebracht, angeblich rund 18.000. Das führte allerdings auch zu Störgeräuschen. "Wir haben eine Gruppe, die uns beschämt. Sie lässt uns als Land schlecht dastehen", sagte Trainer Southgate über jenen Teil des Anhangs, der in Portos Altstadt den Zweiten Weltkrieg besang und am Abend vor der Partie gegen die Niederlande mit der Polizei zusammenstieß. Beim Einlass in Guimarães kam es zum Chaos, weil angeblich das Karten-System nicht funktionierte wie geplant. Die Uefa bestätigte, dass die Polizei eingriff.

Ein englischer Fan berichtete dem SPIEGEL zudem von chaotischen Zuständen am Bahnhof bei der Abreise nach dem Spiel. Die Polizei habe die englischen Fans gezwungen, im Gedränge bei strömendem Regen zu warten. "Es gab keine Infos. Sie haben uns einfach nur angestarrt", sagte er. Ein anderer England-Anhänger sagte, dass die Partie nie in Guimarães hätte stattfinden dürfen: "Die Infrastruktur war einfach nicht für ein Spiel der Größe ausgelegt. Das war eines der schlimmsten Spiele meines Lebens." Nach eigenen Angaben war er erst nach drei Uhr morgens wieder im Hotel in Porto.

Vielversprechendes Duell im Finale

Die Spiele sind von der Qualität nicht hochwertig, aber sie sind unterhaltsam. Die Schweiz war gegen Portugal über weite Strecken besser, fiel am Ende aber der Klasse Ronaldos zum Opfer. England zeigte mit den jungen Stürmern Raheem Sterling, Marcus Rashford und Jadon Sancho von Borussia Dortmund gute Ansätze, litt aber wie schon beim verlorenen WM-Halbfinale darunter, keine Kontrolle im Mittelfeld zu haben.

Die beiden Gegentore in der Verlängerung nach komödiantischen Fehlern von John Stones und Ross Barkley führte Trainer Southgate auf die Erschöpfung am Ende einer langen Saison zurück. Von den sieben Engländern, die mit Tottenham Hotspur und dem FC Liverpool am Wochenende noch im Finale der Champions League gestanden hatten, spielte keiner von Beginn an. Alle Teams werden froh sein, wenn das Turnier vorbei ist. Ein Spiel ist es noch.

Das Finale zwischen den Niederlanden und Portugal hat ein paar interessante Nebenhandlungen. Unter anderem trifft der wohl beste Innenverteidiger der Welt (Virgil Van Dijk) auf den im Moment vielleicht besten Fußballer überhaupt (Ronaldo). Die Partie könnte sportlich der würdige Abschluss eines Wettbewerbs mit Charme aber auch mit Nebengeräuschen werden.



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doppelnass 08.06.2019
1. Klar
Medial ist dieser Wettbewerb erst positiv bewertet worden, seit Deutschland raus ist. Das ist hier immer so.
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