DFB-Remis gegen Italien Das gab es noch nicht – ein unzufriedener Flick

Die DFB-Elf bleibt unter ihrem Bundestrainer zwar weiter ungeschlagen, trotzdem war keiner glücklich über das 1:1 gegen Italien. Wenig von dem, was eingespielt werden sollte, hat funktioniert. Hansi Flick wirkt beunruhigt.
Aus Bologna berichtet Peter Ahrens
So sieht kein glücklicher Bundestrainer aus

So sieht kein glücklicher Bundestrainer aus

Foto: Giuseppe Maffia / sportphoto24 / IMAGO

Das Stadion Renato Dall'Ara strahlt wahrlich keine einschüchternde italienische Dominanz aus. Der FC Bologna, der hier spielt, ist seit mehr als 50 Jahren ohne Titel, die letzte Meisterschaft stammt aus dem Jahr 1964, unter reger Anteilnahme des Deutschen Helmut Haller.

Das Stadion selbst hat den Charme längst vergangener Pracht, es fasst nur 36.000 Plätze, und nicht einmal die waren am Samstagabend voll besetzt.

Und dennoch sprach der Bundestrainer nach der Partie davon, dass sein Team »sich den Schneid hat abkaufen lassen«, dass »die Intensität gefehlt hat«, als habe seine Mannschaft zuvor einen Hexenkessel zu überstehen gehabt.

Bisher nur Lob zum Sportlichen

Mit dem 1:1 (0:0) hat die Serie von Hansi Flick, seit Amtsantritt ungeschlagen zu bleiben, auch diesmal gehalten, aber im zehnten Spiel unter dem neuen Bundestrainer gab es dennoch eine Premiere: Zum ersten Mal gab es einen deutlich unzufriedenen Hansi Flick zu besichtigen. Und er hatte Grund dazu.

Ein Dreivierteljahr lang hatte Flick im Grunde nur Lobendes für sein Team zu vermelden, eine einzige Erfolgsgeschichte. Erst hat die Mannschaft achtmal gewonnen, dann in den Niederlanden trotz eines Unentschiedens über weite Strecken Selbstbewusstsein demonstriert. Genervt war Flick eigentlich nur, wenn er mit Fragen zur Impfthematik oder zum WM-Ausrichter Katar gelöchert wurde.

An diesem Abend brauchte es keine Frage zum Impfen, um Flick sauer zu machen.

Schon während der Partie hatte er nahezu unablässig an der Seitenlinie gestanden, sich einmal in Ruhe zurückzulehnen, dazu gab es wenig Anlass. Nach dem Spiel holte er dann zur Manöverkritik aus.

»Unverzüglich aufarbeiten«

Seine Elf habe »zu viele Fehler gemacht, nicht nur im Angriff, sondern auch in der Verteidigung«, man werde dies »unverzüglich aufarbeiten«, kündigte er in der Pressekonferenz an, und er machte das entsprechende Gesicht dazu, um gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, dass er es ernst meint.

Und dann sagte er noch den Satz, »die Italiener wirkten eingespielter«, und der ließ dann auch die versammelten Journalistinnen und Journalisten stutzen. Italiens Nationalcoach hatte seine Mannschaft nach dem tristen 0:3 gegen Argentinien aus der Vorwoche auf den meisten Positionen verändert, er hatte junge, unerfahrene Leute in die Partie geworfen.

Italien mag amtierender Europameister sein, man hat das mittlerweile fast vergessen, aber der Favorit war Roberto Mancinis Elf an diesem Abend nicht.

Flick dagegen hatte einen Kader ohne große personelle Neuerungen um sich geschart, er hatte die Spieler nun schon seit elf Tagen in der Obhut seines Trainerteams, erst in Marbella, dann in Herzogenaurach. Zeit zum Trainieren, Zeit zum Einspielen.

Eine solche Spanne konzentrierter Zusammenarbeit wird es vor der WM im November nicht mehr geben.

Henrichs wirkte überfordert

Dass davon am Samstagabend so wenig zu sehen war, dass selbst die Italiener, die auf dem Platz manchmal wirkten wie junge Hunde, noch ein bisschen verspielt, aber mit unbändiger Lust zu laufen, einen strukturierteren Eindruck machten, das hat auch den ruhigen Hansi Flick beunruhigt.

»Das Training sah sehr gut aus, das konnten wir nicht so umsetzen«, fasste er zusammen. Und diese fehlende Umsetzung zog sich durch alle Mannschaftsteile.

Auf außen hatte Flick am Samstag in der Abwehr auf Benjamin Henrichs und Thilo Kehrer gesetzt. Henrichs wirkte überfordert. Und Kehrer, der bei Flick bisher alles durchgespielt hat, wirkte dadurch zwar sicherer. Aber als die Azzurri nach dem Wechsel auf den flinken Wilfried Gnonto am Flügel setzten, zeigte er Kehrer die Grenzen auf.

Der Neu-Dortmunder Nico Schlotterbeck, überragend in der abgelaufenen Freiburger Saison und in der Deckungsformation flexibel einsetzbar, konnte sich all dies in Seelenruhe von der Bank anschauen. Seine Karten sind an diesem Abend noch einmal besser geworden.

Sieben Bayern in der Startelf

Obwohl Flick auf einen Bayern-Block mit sieben Münchnern in der Anfangself gebaut hatte, gingen Pässe in den ganz freien Raum, in dem keiner stand, Laufwege wirkten wenig automatisiert. Leroy Sané steht derzeit wieder neben sich, Thomas Müller müht sich durch seine imposante Länderspiel-Statistik, Leon Goretzka ließ bei seinen Schüssen jede Präzision vermissen.

All das muss nicht zwingend alarmierend sein, es ist noch ein knappes halbes Jahr bis zur Weltmeisterschaft. Auch Mitfavoriten wie Belgien und Frankreich beweisen mit ihren aktuellen Niederlagen, dass sie ihre Form noch suchen.

Aber im Vorfeld hatten die Nationalspieler durchweg betont, welche Lust sie nach den Trainingstagen nun aufs Spielen verspüren. DFB-Pressesprecher Uli Voigt eröffnete so ziemlich jede Pressekonferenz in der Woche mit der Vorlage, nun sei man doch hoffentlich froh, wenn es mit den Partien losgehe. Und die Spieler nickten eifrig dazu.

Vier Spiele in zehn Tagen

Wahrscheinlich hatten sie auch Lust, aber sie wirkten regelrecht überrascht von der Robustheit der Italiener im Zweikampf, von der Aggressivität in den Laufduellen, eigentlich normales Rüstzeug einer Mannschaft auf diesem Niveau. Und etwas, das die Engländer, nächster Gegner am Dienstag, sicherlich auch in die Waagschale werfen – zumal sie nach der 0:1-Niederlage in Ungarn vom Samstag etwas gutzumachen haben. Falls es in diesem Konstrukt Nations League so etwas wie Druck gibt, dann lastet er jetzt bereits auf England.

Vier Spiele innerhalb von zehn Tagen nach einer langen Saison, auch das ist sicherlich nicht optimal. Dann kommt der Urlaub, dann kommt der Sommer, dann die neue Saison, die im Spätherbst jäh von der WM unterbrochen wird, zwischendurch im September noch eine Länderspielwoche.

Die ganze Konstellation ist wenig glücklich, Katar als Ausrichter hat auch die gesamte Vorbereitung auf diese merkwürdige Weltmeisterschaft chaotisiert.

Normalerweise wären jetzt die Wochen für den Feinschliff. Den man dann an zwei Testspielen überprüft, um dann mit voller Kapelle ins Turnier zu gehen. In diesem Frühsommer ist alles anders: Dass das, was man jetzt einstudiert, im halben Jahr sofort abgerufen werden kann, ist zweifelhaft genug. Dennoch ist es die einzige Chance.

Umso mehr müsste daher in diesen Juni-Spielen erkennbar werden, was Flick und sein Team vorhaben. Am Samstag war das noch nicht der Fall. Auf Wiedervorlage am Dienstag.

Der Abend in Bologna sollte erste Antworten geben, wo die Mannschaft steht, wie sie im Vergleich zu arrivierten Nationen einzuschätzen ist, eventuell sogar schon, was ihre Titelreife angeht. Statt dieser Antworten gab es elf Fragezeichen.

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