Nations-League-Spiel gegen DFB-Elf Oranje ist wieder da

Nach Dekaden des rauschhaften Offensivfußballs durchlitten die Niederlande Jahre der Enttäuschungen. Jetzt übernimmt eine neue Generation, schreibt Oranje-Fan Simon Kuper - mit unerwartetem Erfolg.

REUTERS

Als die Niederlande vor gut einem Monat Deutschland 3:0 besiegten, stellte sich das Gefühl ein: "Vielversprechend - aber können wir das auch gegen die großen Teams?"

Dann holten wir ein Remis gegen Belgien, Nummer eins der Fifa-Weltrangliste, und am Freitag schlugen wir Weltmeister Frankreich 2:0. Wenn Oranje am Montag in Gelsenkirchen gegen das bereits abgestiegene deutsche Team ein Unentschieden holt (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE / TV: ARD), wird das Team als Gruppensieger in das Nations-League-Halbfinale im kommenden Juni einziehen.

Manchmal dachte ich während der elendigen vergangenen vier Jahre, das würde nie mehr geschehen - doch jetzt sind die Niederlande zurück. Wie in aller Welt konnte das passieren?

Fotostrecke

7  Bilder
Niederländischer Fußball: Das ist die neue Oranje-Generation

Ich bin kein Niederländer, doch ich wuchs dort auf und unterstütze Oranje. In den goldenen Jahren zwischen 1974 und 2014 war das wunderbar, umso schlimmer wurde es, als wir die Europameisterschaft 2016 und auch die Weltmeisterschaft in Russland zwei Jahre darauf verpassten. Der einzige Vorteil, den dieses kleine Land im Fußball stets hatte, war ein überlegenes taktisches Verständnis. Aber dies ging in den vergangenen Jahren verloren, als Holland zum Fußball aus dem Jahr 2000 zurückkehrte: ein breit angelegtes Spiel mit vielen Seitenverlagerungen. Die Gegner zogen sich währenddessen zurück, lauerten auf den richtigen Moment, den Ball abzufangen, und konterten dann zügig. Dazu kam der nahezu absurde Umstand, dass zwischen 1985 und 1989 keine holländischen Talente von internationalem Format geboren worden waren.

Niemand hätte diese Rückkehr erwartet. Ronald Koeman, einer der wenigen niederländischen Trainer, die im vergangenen Jahrzehnt in Europas Top-Ligen erfolgreich waren, wurde im Februar zum Bondscoach ernannt. Noch heute sagt er: "Als ich unterschrieb, wusste ich nicht, dass so viele Talente in das niederländische Team strömen würden." Diesen Herbst haben einige vielversprechende junge Spieler debütiert. Angeführt werden sie von PSV Eindhovens 21 Jahre altem Flügelspieler Steven Bergwijn, seinem ein Jahr älteren Teamkollegen Denzel Dumfries, der bei seinem dritten Einsatz für Oranje gegen Frankreich die komplette rechte Abwehrseite beackerte und en passant Kylian Mbappé kaltstellte. Heraus sticht aber Frenkie de Jong, der 21 Jahre alte Spielmacher von Ajax.

Ein Hauch von Beckenbauer

Habt diesen fröhlichen blonden Burschen am Montag im Auge, er ist ein einzigartiger Fußballer! Ich muss an dieser Stelle zwangsläufig übertreiben, aber De Jong hat einen Hauch von Beckenbauer. Seine Spezialität ist das Dribbling aus der Tiefe des Mittelfelds, das stets wie ein Himmelfahrtskommando erscheint und doch fast immer funktioniert.

Manchmal siehst du ihn danach lächeln, den Ball noch immer eng am Fuß. Er möchte das Spiel immer nach vorn bewegen. Frenkie (benannt nach der britischen Band Frankie Goes to Hollywood) hat dem niederländischen Fußball das Vertikale zurückgegeben. Als Bonus positioniert er sich defensiv fast als dritter Innenverteidiger, wenn sein Team nicht im Ballbesitz ist.

Matthijs de Ligt (l.) und Frenkie de Jong
REUTERS

Matthijs de Ligt (l.) und Frenkie de Jong

Seine Zahlen machen Eindruck: Der Datendienstleister "OptaPro" hat mehr als 1200 Spieler analysiert, die in den vergangenen Jahren in Europas fünf großen Ligen und der Eredivisie mehr als 2000 Minuten gespielt haben. Sie fanden heraus, dass De Jong insgesamt die meisten Dribblings absolviert hat, die den Ball mindestens zehn Meter näher an das gegnerische Tor brachten - mehr als zehn sind es pro Spiel. Nur bei neun Prozent der Versuche verlor er den Ball. Noch eindrucksvoller stellt die Statistik fest: Er gewinnt als zentraler Mittelfeldspieler sogar einen höheren Prozentsatz an Duellen als jeder Flügelspieler in den Spitzenligen.

Diese aufstrebenden Jungs haben ihren Platz in der Elftal neben einem Routinier eingenommen: Innenverteidiger Matthis de Light, mit 19 Jahren schon Ajax-Kapitän, seit längerer Zeit Stammspieler im holländischen Team. Er hat den Körper eines Möbelpackers und das Gefühl eines Pianisten.

Erst im Herbst hatte er beim 1:1 seines Teams gegen den FC Bayern Robert Lewandowski eindrucksvoll aus dem Spiel genommen. In der wohl meistbejubelten Szene im Duell mit Frankreich sprintete er Mbappé einen langen Ball ab. Barcelona scheint derzeit in der besten Position, De Jong und De Ligt im kommenden Sommer zu verpflichten, doch auch Manchester City, Juventus und vermutlich auch der FC Bayern werden großes Interesse haben.

Es ist ein zurückhaltendes Oranje-Team

Währenddessen ist die Vorgängergeneration im Oranje-Dress erwachsen geworden: Der 24 Jahre alte Memphis Depay von Olympique Lyon, der gefährlichste Angreifer des Landes, spielt genau wie De Ligts Partner in der Innenverteidigung, Virgil van Dijk, mittlerweile auf hohem Niveau. Dazu kommen van Dijks Teamkollege vom FC Liverpool, Georginho Wijnaldum, und Barcelonas zweiter Keeper Jasper Cillessen.

Memphis Depay
REUTERS

Memphis Depay

Trainer Koeman ist kein Innovator wie Pep Guardiola oder Joachim Löw. Seine Mannschaft bemüht sich nicht einmal, an den rauschhaft offensiven "Voetbal totaal" vergangener Zeiten anzuknüpfen. Es ist ein zurückhaltendes Oranje-Team, glücklich damit, den Ball nicht zu haben, sondern defensiv stabil zu stehen und schnelle Konter zu fahren.

Vor einem Jahr dachte ich, das Beste, worauf Holland hoffen darf, wäre der Sprung zurück in das Mittelfeld der europäischen Teams. Sich irgendwo zwischen der Schweiz und Island unter seinesgleichen einzureihen. Die goldenen Zeiten, so viel schien sicher, waren für immer vorbei. Mittlerweile mutet das doch sehr schwarzmalerisch an.

Bei den Frauen sind die Niederlande bereits Europameister - und in Anlehnung an Angela Merkel möchte ich sagen, dass ich immer der Überzeugung war, dass Männer durchaus im Stande sind, das gleiche wie Frauen zu leisten.

insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wezi17 19.11.2018
1. "Orange...
trägt nur - - die Siegermannschaft!" Gell, DFB?
robbery 19.11.2018
2. was war das jetzt
Nichts gegen die Holländer per se, aber ein paar Spiele nach einer verpassten Weltmeisterschaft als Standort zu bezeichnen ist schon witzig! Die Erklärung ist ganz einfach, alle die bei der WM waren sind KO oder Depressiv, wie zB D, und machen diesen neuen Wettbewerb nur widerwillig. Wenn Hollan jetzt keine Quali mehr spielen muss ist das die nächste Katastrophe für die Jungs in Orange. Wann kommt dann die nächste ernsthafte Herausforderung? Richtig bei der Europameisterschaft! Und ob dann der Mbappee sich nochmal ablaufen lässt wage ich zu bezweifeln. Immer ruhig BluT
Fussballer 19.11.2018
3. Sich irgendwo zwischen der Schweiz und Island
"in das Mittelfeld der europäischen Teams. Sich irgendwo zwischen der Schweiz und Island unter seinesgleichen einzureihen" - schade, wenn Leute wie Simon Kuper über Fussball im Spiegel schreiben dürfen, aber dabei gänzlich uninformiert sind - die Schweiz (Nr. 6 der europäischen Teams in der FIFA-Weltrangliste) steht seit gestern in den Final Four (nach einem 5:2 Sieg gegen die Nr. der FIFA-Weltrangliste) - die Niederlanden vielleicht heute auch. Deutschland und Island steigen ab!
neurologe 19.11.2018
4. 40 "Goldene Jahre"?
40 "Goldene Jahre" am Stück von 1974 bis 2014? Da ist aber eine Menge Verklärung im Spiel... WM: 1982 und 1986 sowie 2002 nicht qualifiziert, zweimal nur Achtelfinale... EM: 1984 nicht qualifiziert, 1980 und 2012 nur Vorrunde - also mal nicht übertreiben. Es ist schön, dass die Niederlande wieder im Kommen sind, aber es gab auch früher ein Auf und Ab.
tobih 19.11.2018
5. mal schön langsam...
...mit dem Lobhudeln: wie viele tolle Spiele haben die Niederlande gemacht? Mal so ne Pseudo-EM ein paar gute Leistungen raus hauen schön und gut, aber: die Starspieler der anderen Länder haben gerade andere Flausen im Kopf wie eine Nations League: für die Niederlande ist die Nations League der erste Auftritt auf größerer Ebene seit längerem, da ist die Motivation sicher eine andere, wie bei Spielern, die gerade Weltmeister geworden sind oder eine Generation, die ebenfalls fast alles gewonnen hat und deren Götterdämmerung bereits eingesetzt hat... Überhaupt finde ich den Artikel ein wenig zu viel Geschwärme und auch unterschwellige Überheblichkeit (der Spruch, wo der deutschen Nationalmannschaft die Klasse abgesprochen wird ist schon recht lächerlich): auch wenn es der Oranjefan-Schreiberling nicht gern hört: die Niederlande sind erst dann wieder bei den großen (und da zähle ich nach wie vor auch Deutschland zu, schwächere Umbruchphasen gab es immer mal, bei jeder großen Fußballnation), wenn mal ein wichtiges Turnier gut gespielt wird... Ich bin gespannt auf das Spiel heute abend, mir ist eigentlich egal wer gewinnt (ich mag die Niederlande als Land auch sehr), aber ein bißchen Erdung täte Oranje (bzw den Fans...) vielleicht ganz gut!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.