Niederlande bei der Nations League Auf der Suche nach den Ziegeln

Der Gewinn der Nations League hätte für die Niederlande den ersten Titel seit 1988 bedeutet. Aber die Mannschaft enttäuschte im Finale gegen Portugal. Trainer Ronald Koeman muss noch am Dach des Teams arbeiten.

Die Niederländer nach der Finalniederlage in Porto
Martin Meissner / AP

Die Niederländer nach der Finalniederlage in Porto

Aus Porto berichtet


In der Schlussphase machte sich Enttäuschung über die Niederländer breit im Estádio do Dragão in Porto. 1:0 stand es im Finale der Nations League für die gastgebenden Portugiesen. Die Stimmung auf den Rängen war größtenteils ausgelassen, Menschen schwenkten Fahnen in den Landesfarben Grün und Rot, besangen ihre Mannschaft um den Kapitän und Nationalheiligen Cristiano Ronaldo, starteten eine La-Ola.

Allerdings schaffte es die Welle nicht ganz durch die Arena. Sie brach dort, wie die Fans der Niederlande saßen. Der orangene Block wollte sich nicht an der portugiesischen Feier beteiligen, sehr zum Unmut des heimischen Publikums. Es regierte mit Pfiffen und Buh-Rufen.

Auch auf dem Platz hatten sich viele wohl mehr versprochen von der Niederlande. Der Einzug in das Final-Four-Turnier des neuen Uefa-Wettbewerbs, als Sieger in einer Gruppe mit dem aktuellen Weltmeister Frankreich und Deutschland, war eine Ansage von den Erben Johan Cruyffs.

Müde nach der Auferstehung

Nachdem die Nation bei der EM 2016 und der WM im vergangenen Jahr hatte zuschauen müssen, war die Teilnahme an der Endrunde in Portugal Ausdruck einer Art Auferstehung unter dem seit Februar 2018 amtierenden Trainer Ronald Koeman. Im Halbfinale gab es ein 3:1 gegen den WM-Vierten England. Es bestand durchaus die Hoffnung auf den ersten Titel seit der EM 1988.

Doch im Endspiel wirkten die Niederländer müde und uninspiriert. Sie ließen die Partie fast schon über sich ergehen und verloren verdient 0:1 durch den Treffer des 22 Jahre jungen Angreifers Gonçalo Guedes vom FC Valencia. "Wir waren nicht gut genug. Ich weiß nicht, ob es die Erschöpfung war", sagte Koeman hinterher.

Tatsächlich drängte sich der Eindruck auf, dass die Niederländer platt waren am Ende einer langen Saison. Virgil Van Dijk und Georginio Wijnaldum hatten eine Woche zuvor noch das Champions-League-Finale mit dem FC Liverpool gespielt (und gewonnen), der Amsterdamer Block um Innenverteidiger-Supertalent Matthijs De Ligt und Frenkie de Jong, der nach Barcelona wechselt, stand immerhin im Halbfinale von Europas Königsklasse.

Vorne fehlt Qualität

Doch Erschöpfung war nicht der einzige Grund dafür, dass die Niederländer ohne große Gegenwehr einen Titel abgaben, der eine schöne Belohnung gewesen wäre für die Entwicklung der Mannschaft, vielleicht kein Meilenstein auf dem Weg zu alter Klasse, aber immerhin ein Meilensteinchen. In Portugal wurden die Stärken der Mannschaft ersichtlich, aber auch ihre Schwächen.

Eine Stärke ist die Abwehr um Virgil und De Ligt, eine andere die Spielmacher-Qualität De Jongs, der mit seinen 22 Jahren so dominant auftritt, als hätte er schon unzählige Schlachten geschlagen. Schwächen hat das Team in der Offensive.

Während Nations-League-Gewinner Portugal auf allen Positionen stark besetzt ist (am stärksten immer noch im Angriff mit Ronaldo), fällt die Sturm-Reihe der Niederländer mit dem 32 Jahre alten Ryan Babel, dem wenig konstanten Memphis Depay und dem talentierten aber unerfahrenen Steven Bergwijn ab.

Die Qualität in der Offensive ist zu dünn, um zu den ganz großen Mannschaften in Europa aufzusteigen. Von den drei Toren im Halbfinale gegen England fiel eines nach einer Ecke, die anderen beiden waren Geschenke der gegnerischen Verteidigung. Gegen Portugal brachten die Niederländer nur einen Ball aufs Tor.

Ronald Koeman (rechts) weiß genau, woran es seiner Mannschaft noch fehlt
Martin Meissner / AP

Ronald Koeman (rechts) weiß genau, woran es seiner Mannschaft noch fehlt

Trainer Koeman ist sich der Problematik bewusst. "Um den nächsten Schritt zu machen, brauchen wir vielleicht mehr Zeit und mehr Stärke in der Offensive, um Chancen zu kreieren", sagte er, als er nach der Partie gefragt wurde, was seiner Mannschaft noch fehlen würde, um nicht nur an einem Finale teilzunehmen, sondern es auch zu gewinnen.

Der 56 Jahre alte Cruyff-Schüler ist ein Pragmatiker. Seine Philosophie ist es, die Mannschaft von hinten nach vorne zu konstruieren. Oder, wenn es um ein Haus gehen würde, es von unten nach oben zu bauen und nicht mit dem Dach zu beginnen. So hat er es gerade im Gespräch mit dem "Guardian" formuliert. Die Arbeiten gehen gut voran. Koeman verfügt über ein starkes Fundament und solide Wände. Zur EM im kommenden Jahr muss er sich Gedanken machen, welche Ziegel er obendrauf setzt.

Portugal - Niederlande 1:0 (0:0)
1:0 Guedes (60.)
Portugal: Rui Patrício - Semedo, Ruben Dias, Fonte, Gurreiro - Danilo, Carvalho (90.+3 Neves), Fernandes (81. Moutinho) - Ronaldo, Guedes (75. Rafa Silva), Bernardo Silva
Niederlande: Cillessen - Dumfries, De Ligt, van Dijk, Blind - De Roon (81. Luuk de Jong), Frenkie de Jong, Wijnaldum - Bergwijn (60. van de Beek), Depay, Babal (46. Promes)
Schiedsrichter: Alberto Undiano Mallenco (Spanien)
Gelbe Karten: - / Dumfries, Luuk de Jong
Zuschauer: 50.000

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
wi_hartmann@t-online.de 10.06.2019
1. symphatische Portugiesen
Insgesamt war der Sieg Portugals hoch verdient. Eine komplette Mannschaftsleistung wo Ronaldo nur einer der Elf war. Die Holländer haben noch nicht die Mannschaft, wie viele Holländer sich glauben machen wollen.
srbler 10.06.2019
2. ein tunier
das echt keiner braucht, außer denen die damit geld verdienen
Lontrax 15.06.2019
3. Heuchel
Zitat von srblerdas echt keiner braucht, außer denen die damit geld verdienen
Klar doch. Es sei denn, Eure DFB Mannschaft spielt irgendwann mal wieder mit. Dann ist es auf einmal ein ganz wichtiger Gradmesser. Und wenn sie auch noch gewinnt, dann wird es im Handumdrehen zu einem der wichtigsten Turniere des Jahres.
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