Nazis im Fußball Die Rassisten sind immer da

Die NPD weiß, wo ihre Anhänger von morgen jubeln und zeigt deshalb in den Fußballklassen von der Regionalliga abwärts Präsenz. Nazis auf den Rängen sind keine Seltenheit. Manche Clubs beschäftigen sie sogar als Sicherheitsdienst, wie das Fußballmagazin "RUND" herausfand.


Vor den Toren Rathenows liegt das Dorf Bamme. Einheit Bamme spielt in der zweiten Kreisklasse Nord. Gleich mehrere Spieler des Teams sind Mitglieder in verbotenen Kameradschaften. Der Trainer ist gleichzeitig der Besitzer der einzigen Gaststätte im Dorf. Gerne überlässt er die "Windmühle" seinen Spielern. Nicht nur für Mannschaftssitzungen, auch für Versammlungen der rechtsextremistischen Gruppierungen.

Chemnitzer Fan-Krawalle auf St. Pauli: Zur Nazi-Fahne fehlte nur das Hakenkreuz
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Chemnitzer Fan-Krawalle auf St. Pauli: Zur Nazi-Fahne fehlte nur das Hakenkreuz

Noch Mitte der neunziger Jahre war die rechte Szene übersichtlicher strukturiert: hier ein Flickenteppich aus lose verbundenen Kameradschaften, die besonders im Osten agierten, dort die westdeutsch dominierte NPD, ein greiser Haufen von NS-Nostalgikern. Doch die Partei öffnete sich: Seit 2002 entstanden überregionale Verbindungen. Die Kameradschaften gründeten Dachverbände, die im ständigen Austausch stehen. In diesen informellen Organisationen wird rekrutiert, ausgebildet, geschult. Für die Repräsentanz nach außen ist die NPD zuständig.

Besonders der Ostfußball gilt als Spielfeld rechter Demagogen. NPD-Sprecher Klaus Beier sagt: "Der Boden im Osten – wir sprechen ja von Mitteldeutschland – ist für uns fruchtbarer als im Westen." Wenn es stimmt, dass der Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, verwundert Beiers Aussage nicht: Die Zahl rechtsextremer Straftaten ist in Sachsen etwa zwölfmal höher als in Rheinland-Pfalz. Die Ziffer rechtsextrem motivierter Gewaltdelikte ist in Ostdeutschland dreimal so hoch wie in den westlichen Bundesländern.

Wichtiger als eine Ost-West-Trennung ist der gesamtdeutsche Blick auf die unterklassigen Ligen. Die NPD weiß, wo ihre Anhänger von morgen jubeln. "Für uns sind vor allem die Regional- und Oberligen interessant. Die Bundesliga ist schon so kommerziell, die meisten Besucher dort sind politisch völlig abgestumpft", so Beier. Konkrete Maßnahmen wie Flugblätter oder eine Stadion-CD habe die Partei bereits in der Schublade. Der DFB scheint das Problem zumindest erkannt zu haben. Die nach der WM gegründete "Task Force" gegen Gewalt, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit will gerade in den unteren Ligen ein groß angelegtes Meldesystem installieren, "plastisch gesprochen von jedem Sportplatz direkt zu uns", sagt der Vorsitzende Helmut Spahn.

Unter den Fans einiger Clubs hat sich eine Subkultur gebildet. Wenn der Fanblock wie beim Verbandsligisten Viktoria Frankfurt/Oder "Juden raus" oder "Zug, Zug, Zug, die Eisenbahn, wer will mit nach Auschwitz fahren" anstimmt, regt sich niemand auf. Yakubu Adamu, der seit eineinhalb Jahren beim Chemnitzer FC in der Oberliga Nordost spielt, sagte in der "Frankfurter Rundschau": "Die Rassisten sind immer da. Das ist Alltag."

Als sein Club das letzte Heimspiel der Hinrunde gewinnt, feiern die CFC-Ultras in einer übervollen Halle. Mitten in der Menge stehen zwei Anführer der Szene nebeneinander am Tresen. Wenn Thomas von Mühlstedt* spricht, schweigen die anderen und schauen zu ihm auf. Er ist groß und breit. In den neunziger Jahren hat von Mühlstedt in Chemnitz "HooNaRa" ins Leben gerufen. Der Name ist eine Abkürzung für "Hooligans – Nazis – Rassisten". Der andere Anführer heißt Nino. Er ist dünn und eher klein. Er war dabei, als sich die "NS-Boys" vor vier Jahren als "Nachwuchsorganisation" der Chemnitzer Ultrafans gründeten. Er stand auch beim Spiel gegen den FC St. Pauli im Fanblock, als die "NS-Boys" rote Flaggen mit weißem Kreis in die Höhe hielten. Zur originalgetreuen Nazi-Fahne fehlte nur das Hakenkreuz.

Vor jenem Spiel im vergangenen April in Hamburg stürmten Chemnitzer NS-Anhänger mit "Sieg Heil"-Rufen in türkische Friseursalons. Nino sagt, "NS" stehe für "New Society". Unter seinem Basecap grinst der 19-Jährige. Der Leiter der CFC-Geschäftsstelle bekundet, dass alle NS -Mitglieder Stadionverbote bekommen hätten. "Je tiefer du spielst, umso mehr Probleme hast du", sagt der CFC-Geschäftsführer. "Seit wir 1996 aus der 2. Bundesliga abgestiegen sind, arbeiten wir in den Fanblöcken mit zwei Sicherheitsdiensten zusammen – auch mit von Mühlstedt."

Der Geschäftsführer weiter: "Der DFB hat dieses Sicherheitskonzept vorliegen." Von einer Verbindung zwischen "HooNaRa" und den Ordnungskräften im Stadion will er jedoch nichts wissen. Dabei sollte "HooNaRa" in Chemnitz stadtbekannt sein. 1999 erschlugen drei Türsteher einen Punker. Die "Freie Presse", Sachsens größter Tageszeitung, spekulierte, dass anscheinend einer der Täter Kontakte zu "HooNaRa" gepflegt habe.

Im Stadion scheint von Mühlstedts Sicherheitsdienst unverzichtbar zu sein. Jede andere Security würde man sofort aus dem Block prügeln, heißt es hier auf der Fanfeier. Rund um das Chemnitzer Stadion ist "NS" in blauer Farbe auf grauem Beton fast überall zu lesen. Ein Immigrant, der häufig in der Gegend arbeitet, möchte über die Schmierereien öffentlich nichts sagen. Er hat Angst und fragt sich, ob die Deutschen nicht wüssten, für was NS wirklich stehe.

Lesen Sie im ersten Teil der Reportage, wie Nazis bei Fußballturnieren ihren Nachwuchs rekrutieren.

Autoren: Steffen Dobbert und Christoph Ruf, Mitarbeit: Lennart Laberenz, Matthias Gärtner und Olaf Sundermeyer.

*=Name von der Redaktion geändert



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