Netflix-Dokumentation über Brasiliens Superstar Pelé Ein Held nur auf dem Fußballfeld

Pelé – ein Superstar, vergöttert von den Massen, der erste Fußballmillionär. Ein neuer Dokumentarfilm über ihn bei Netflix zeigt aber auch seine wenig rühmliche Rolle in der Militärdiktatur.
Pelé, umjubelt wie so oft

Pelé, umjubelt wie so oft

Foto:

imago images / Sven Simon

Pelé sitzt auf dem Sofa und lächelt. Neben ihm sitzt ein anderer Mann, ein alter weißer Mann, und lächelt auch. Dieser Mann ist der Präsident Brasiliens, Emílio Garrastazu Medici, Chef der Militärdiktatur, ein Mann, der Hunderte Oppositionelle ermorden ließ. Und diesem Mann lächelt Pelé zu, so wie er immer und so vielen Menschen zugelächelt hat. Ein Idol, ein Gott für die Fans, der König – und auf dem Sofa doch nur einer, »der sich benommen hat wie ein Schwarzer, der alles hinnimmt, was die Weißen ihm sagen«, wie es ein Zitat aus dem Film sagt.

Das Bild auf dem Sofa aus dem Jahr 1969 ist eine der eindrucksvollen Szenen der Dokumentation »Pelé«, ab Dienstag auf Netflix zu sehen. Pelé, der Umschwärmte, der Verehrte, der Größte, der sich klein macht vor den Machthabern des Regimes.

Pelé, mittlerweile 80 Jahre alt, am Anfang des Films schiebt er einen Rollator vor sich her, wird von den beiden Filmemachern David Tryhorn und Ben Nicholas dazu befragt. Er sagt, er habe »sich nie für Politik interessiert«. Sein damaliger Teamkollege in der Selecao, Paulo César Lima, sagt: »Nur eine Äußerung von Pelé gegen die Diktatur hätte viel bewirkt.«

Pelé begeistert mit 17 bei der WM in Schweden die Fußballwelt

Pelé begeistert mit 17 bei der WM in Schweden die Fußballwelt

Foto:

AP

Auch das gehört zur Geschichte des neben Diego Maradona berühmtesten Fußballers der Welt dazu. Während in seinem Lande Hunderte Menschen verschwanden, »hatte sich für mich durch die Diktatur nichts verändert«, sagt Pelé: »Im Fußball blieb alles, wie es war.«

WM-Teilnahme als nationale Angelegenheit

Aber eigentlich war es doch etwas anders. Der Ruhm Pelés, des Jungen vom FC Santos, märchenhaft aufgestiegen als 17-Jähriger bei der WM 1958 in Schweden, der Brasilien mit seiner Genialität zum Weltmeistertitel führte, dieser Ruhm, er mehrte sich sogar noch unter den Militärs. Sein 1000. Tor für Santos 1968 wurde zu einem Staatsakt, die Teilnahme Pelés an der WM 1970 zu einer nationalen Angelegenheit.

Eine Angelegenheit, die so groß wurde, dass sie den damaligen Nationaltrainer Joao Saldanha kurz vor dem Turnier den Job kostete. Saldanha hatte sich dem Druck der Militärs widersetzt, die ihre Lieblingsspieler durchsetzen wollten: Dario, den Liebling des Präsidenten, und Pelé, den Liebling der Massen. Saldanha, in seiner Jugend Mitglied der kommunistischen Partei Brasiliens, hatte in einem Interview in Richtung Medicis gesagt: »Ich wähle nicht seine Minister aus, er wählt dafür nicht meine Spieler aus.« Das war zu viel. Saldanha wurde durch Mario Zagallo ersetzt, der mit Pelé noch 1958 bei der WM in Schweden zusammengespielt hatte. Seitdem gab es keinen Zweifel mehr an der Berufung Pelés.

Die Fußballweltmeisterschaft 1970 in Mexiko, sie ist Anfangs- und Endpunkt der fast zweistündigen Dokumentation. Diese Farben. 1970 schien die ganze Welt bunt zu sein, es war die Zeit, und am buntesten war sie im Aztekenstadion von Mexiko City. »Eine Oase des Schönen«, wie Brasiliens berühmter Musiker, Gilberto Gil, im Film sagt. Pelé war fast 30, viele trauten ihm nicht mehr die ganz große Leistung zu. Nach dem Triumph von 1958 hatte er persönlich zwei enttäuschende Weltturniere erlebt. 1962 in Chile hatte Brasilien zwar seinen Titel verteidigt, der Superstar jedoch hatte sich bereits im zweiten Spiel gegen die Tschechoslowakei verletzt, Brasilien wurde Weltmeister ohne ihn.

Pelés Triumph in Mexiko 1970

Pelés Triumph in Mexiko 1970

Foto: AP

Vier Jahre später in England kam es noch schlimmer. Pelé wurde von den Gegenspielern gejagt wie ein Wild, im Vorrundenspiel gegen Portugal hatten sie es geschafft, ihn kaputtzutreten. »Fußball ist hässlich geworden«, sagt Pelé den damaligen englischen Reportern, der brasilianische Delegationschef Joao Havelange ereifert sich über »die unglaubliche Brutalität auf dem Platz«, der Mannschaftsarzt Hilton Gosling seufzt: »Wir hatten in acht Tagen so viele Verletzte wie sonst in acht Jahren.« Brasilien scheitert in der Vorrunde, Pelé kann wieder verletzt nur zugucken. Er ist so verzweifelt, dass er seine Karriere als Nationalspieler beenden will. »Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte«, sagt er im Film.

Ein Kader wie aus dem Delikatessenrestaurant

Aber er macht weiter. »Diese WM wurde zu meiner ganz persönlichen Herausforderung«, sagt er über das Turnier 1970. Nicht für Brasilien, nicht für das Regime, er tut es für sich. Und Pelé wird noch einmal Spiritus Rector dieser wunderbaren Mannschaft: Gérson, Tostao, Rivelino, Jairzinho, Carlos Alberto, Brito, Clodoaldo.

Die Autoren des Netflix-Films, Tryhorn und Nicholas, nehmen das Publikum noch einmal mit in diese großartige Zeit, in das Endspiel gegen Italien, zu dem Moment, an dem Pelé mit dem 1:0 Brasilien den Weg zur WM-Krönung bereitete. Das Bild, wie er danach seine Faust in den Himmel reckt, »er brauchte diesen Augenblick«, sagt Brito. Ein Monument der Fußballgeschichte. Pelé sieht die alten Bilder von Mexiko und sagt: »Das größte Geschenk nach einem Sieg ist nicht der Pokal, es ist die Erleichterung.«

Pelé ist kein Held gewesen, kein Heiliger, zu dem ihn so viele machen wollten. Das zeigt der Film in sehr eindrucksvoller Weise. Er war es nicht in der Militärdiktatur, er war es auch nicht als Privatmensch. An einer Stelle sagt der 80-Jährige: »Ich hatte viele Affären. Aus einigen von ihnen gingen Kinder hervor, wie ich später erfuhr.«

Pelés Geschichte ist eine Geschichte von Ruhm und Reichtum, er war einer der ersten Millionäre im Fußball, es ist aber auch eine Geschichte des Aufstiegs von unten, zudem eine Geschichte, wie sich die Zeit ändert. Pelé erzählt: Als er als 17-Jähriger nach Schweden kam, griffen ihm die skandinavischen Kinder immer wieder ins Gesicht, danach schauten sie ihre Hände an, um zu sehen, ob die dunkle Haut abfärbt. »Die hatten noch nie in ihrem Leben einen schwarzen Menschen gesehen.«

Als er das sagt, lächelt Pelé wieder sein Pelé-Lächeln.

Pelé. Dokumentation von David Tryhorn und Ben Nicholas. 108 Minuten. Ab Dienstag bei Netflix

Mehr lesen über