Netzer-Interview "Mir ist gar nicht aufgefallen, dass ich nie lache"

Günter Netzer hat es vom legendären Fußballer zur legendären Medienfigur gebracht. Im Interview spricht er über die Freude am eigenen Mythos, Moral in den Medien und sein Verhältnis zu TV-Partner Gerhard Delling.

SPIEGEL ONLINE: Herr Netzer, wie konnten Sie, der ewig verletzte Schönwetterfußballer, der lediglich zwei Jahre lang wirklich gut gespielt hat, eigentlich zur Legende werden?

Günter Netzer: Das hat mit meiner außergewöhnlichen Art des Fußballspiels zu tun. Ich habe auf dem Platz mein Innerstes nach außen gekehrt und das ausgedrückt, was ich auch in meinem privaten Leben empfunden habe. So Fußball zu spielen, das ist mir vor allem bei Borussia Mönchengladbach gelungen, nur ganz selten in der deutschen Nationalmannschaft, weil mir dort die vertraute Umgebung fehlte. Aber in dieser kurzen Zeit ist so viel Außergewöhnliches passiert, dass es den Leuten in Erinnerung geblieben ist. Denken Sie nur an meine Selbsteinwechslung und mein Siegtor beim DFB-Pokalendspiel 1973.

SPIEGEL ONLINE: Lag es nicht auch daran, dass Sie sich bereits als junger Spieler gekonnt in Szene gesetzt haben? Sie posierten vor Ihrem Ferrari und ließen sich in der pechschwarzen Wohnung Ihrer damaligen Freundin, einer Künstlerin, ablichten. So wurden Sie einer der ersten Fußballer, für den die Medien sich interessierten.

Netzer: Das stimmt. Allerdings müssen Sie berücksichtigen, dass das Interesse der Medien an Fußballern damals insgesamt nicht so groß war wie heute. Dieses geringe Interesse war auf die wenigen Stars gerichtet, Spieler, die anders waren – und ich war zweifellos anders als meine Kollegen. Ich habe anders ausgesehen, ich habe anders gelebt, vor allem aber habe ich anders Fußball gespielt. Das war die Basis meines Erfolgs. Hätte ich schlecht gespielt, wäre ich kein Star geworden. Im Übrigen wäre es mir selbst gegen den Strich gegangen, als verrückter Typ zu gelten, der nichts leistet.

SPIEGEL ONLINE: Aber Ihren Mythos haben Sie schon für Ihre Karriere genutzt, oder?

Netzer: Es gab ein Interesse an mir, und das habe ich befriedigt. Benutzen konnte man die Medien in der damaligen Zeit noch nicht. In Mönchengladbach gab es einen Sportjournalisten, der einmal in der Woche zum Training kam und den Trainer gefragt hat: "Ist was los?" Und wenn der geantwortet hat, es sei nichts los, ist der Journalist wieder nach Hause gegangen. Es gab auch keine Geschäfte um den Fußball, keine Bandenwerbung, keine Trikotwerbung. Die Fernsehübertragung unseres Wahnsinnsspiels gegen Inter Mailand, das wir 1971 sieben zu eins gewannen, scheiterte an 6000 Mark Mehrwertsteuer, die die Fernsehanstalten nicht zahlen wollten. Der Fußball hat in der damaligen Zeit nicht so eine überragende Bedeutung gehabt wie heute.

SPIEGEL ONLINE: Über David Beckham sagen Sie, dass er kein Weltklassespieler sei, sondern sich seinen Ruhm abseits des Rasens erarbeitet habe. Ist es heute wichtiger, sich gut in den Medien zu präsentieren, als gut Fußball zu spielen?

Netzer: Das darf nicht sein. Das verurteile ich.

SPIEGEL ONLINE: Aber tragen Sie als einer der Erfinder der Sportvermarktung nicht dazu bei, dass die Show immer mehr im Vordergrund steht?

Netzer: Das ist weniger mein Verdienst als der der Fernsehsender. Ich bin auch nicht der Ansicht, dass die Show schädlich für den Fußball ist – solange sie nicht zum Ersatz für ihn wird. Insofern ist die Situation nach der Weltmeisterschaft in Deutschland sehr interessant. Die Leute haben diese WM und sich selbst in einem Ausmaß gefeiert, das ich nie für möglich gehalten hätte. Was wird nun passieren, wenn die Leistungen der Nationalmannschaft im grauen Alltag der Qualifikation für die Europameisterschaft 2008 nachlassen? Falls die Fans die Mannschaft nach schlechten Spielen weiter so feiern, dann wäre die Grenze überschritten. Dann hätte die Show über den Fußball gesiegt.

SPIEGEL ONLINE: Sie bemängeln die Kommerzialisierung des Fußballs. Und gleichzeitig verdienen Sie daran. Ist das nicht ein Widerspruch?

Netzer: Ich bemängele nicht die Kommerzialisierung, ohne Kommerz gäbe es keinen hochklassigen Fußball. Ich kritisiere nur, dass zu viel Geld im Spiel ist. Seitdem die Vereine keine Transfersummen mehr verlangen können, wenn ein Spieler nach Ende seines Vertrages zu einem anderen Club wechselt, haben die Spieler die Macht im Fußball, und es werden unvernünftigerweise viel zu hohe Summen für sie bezahlt. Um diese Investitionen nur halbwegs zurückzubekommen, sind die Vereine gezwungen, alle Vermarktungsmöglichkeiten zu nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll angesichts dieser ökonomischen Logik verhindert werden, dass aus dem Fußball ein reines Showgeschäft wird?

Netzer: Durch ein gewisses Ethos, eine Selbstbeschränkung, die die Beteiligten sich auferlegen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben keine moralischen Probleme damit, die Preise hochzutreiben?

Netzer: Nein. Wir als Rechtehändler müssen den Vereinen und Verbänden unglaubliche Summen bezahlen. Für die beiden Weltmeisterschaften 2002 und 2006 haben wir beispielsweise 2,8 Milliarden Schweizer Franken bezahlt. Dieses Geld wieder hereinzubekommen, ist nicht leicht. Genauso geht es den Sponsoren der Vereine. Es ist ein Geben und Nehmen, ganz normale Marktwirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Sie verkaufen die Senderechte an Fußballspielen an die ARD und kommentieren diese Spiele dann selbst dort. Sind da Interessenkonflikte nicht programmiert?

Netzer: Ich habe großes Verständnis für diese Sorge, bin selbst aber – weil ich mich ja gut kenne – sehr gelassen. Misstrauische Journalisten haben meine Kommentare ein Jahr lang untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass ich die Spiele der Nationalmannschaft, die mein Unternehmen Infront für teures Geld an die ARD verkauft hatte, am härtesten kritisierte. Und, ich habe das überprüft, es waren tatsächlich die schlechtesten Spiele. Ich habe also nicht versucht, sie aus geschäftlichem Interesse zu beschönigen. Ich weiß, dass ich nicht korrumpierbar bin, aber dass das auch so eindeutig belegbar ist, hat mich überrascht und gefreut.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihren Job bei der ARD werden Sie sehr gut bezahlt – müssen Sie deshalb nicht daran interessiert sein, dass die ARD auch den Zuschlag für die Übertragungsrechte erhält?

Netzer: Das ist keineswegs der Fall. Ich habe immer Prioritäten gesetzt, das ist ein Prinzip meines Lebens. Mein erster Job war immer der des Fußballspielers, alles andere war nachrangig. Heute ist mein erster Job der beim Sportrechte-Vermarkter Infront. Es geht mir beim Rechteverkauf immer darum, den besten Preis für unsere Firma zu erzielen. Wir verhandeln übrigens auch nicht direkt mit der ARD, sondern mit der Sportrechte-Agentur der öffentlich-rechtlichen Sender, zu der auch das ZDF gehört. Ich kann also gar keinen Einfluss nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Nach Ihrer Zeit als Manager des Hamburger Sport-Vereins Ende der 80er Jahre haben sie sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und sind in die Schweiz gegangen. Wieso sind Sie wieder ins Rampenlicht zurückgekehrt?

Netzer: Eigentlich wollte ich das nicht. Als die ARD mich fragte, ob ich die WM 1998 mit Gerhard Delling kommentieren wolle, habe ich, obwohl ich im Allgemeinen nun wirklich nicht naiv bin, gedacht: Gut, du machst das und kehrst nach der Weltmeisterschaft zurück in die Schweiz und hast wieder deine Ruhe. Dass wir so populär werden würden, hätte ich nie für möglich gehalten.

SPIEGEL ONLINE: Selbst fünf Monate nach dieser WM weisen Sie eine Karriere als Fußballkommentator noch strikt von sich. Ihre Außenwirkung sei Ihnen zwar angenehm, aber Sie würden nicht darauf hereinfallen. Sind Sie doch hereingefallen?

Netzer: Ich bin wirklich hereingefallen. Und natürlich habe ich auch schnell gemerkt, dass ich diesen Erfolg geschäftlich nutzen kann. So hatte ich Gelegenheit, wieder ein Hobby zum Beruf zu machen, etwas Schönes zu erleben und dafür noch bezahlt zu werden – das ist doch der Traum eines jeden Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Im Gespräch mit Ihrem Sparrings-Partner Gerhard Delling wirken Sie oft spröde und verschlossen, zum Teil sogar etwas gehemmt. Ist das der echte Netzer?

Netzer: Das haben Sie richtig beobachtet. Ich verstelle mich nicht, ich spiele keine Rolle. Ich kann nur so sein, wie ich bin. Das Medium Fernsehen hatte für mich vor allem in der Anfangszeit auch etwas Unheimliches. Ich hatte großen Respekt vor der Kamera. Das zu sagen, was ich sagen wollte, erforderte schon all meine Konzentration, zu einer bewussten Mimik oder Gestik war ich überhaupt nicht in der Lage. Die Leute auf der Straße haben gesagt: "Herr Netzer, lachen Sie doch mal!" Mir ist gar nicht aufgefallen, dass ich im Fernsehen nie lache. Ich konnte dort sprechen, wie ich sonst spreche, wirkte aber wie ein spröder, unlustiger Mensch.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie Netzer mit Delling im Restaurant umgeht und warum er den Zornausbruch von Rudi Völler nicht verstanden hat.

SPIEGEL ONLINE: Erstaunlicherweise hat sich das in all den Jahren vor der Kamera nicht verändert. Und mit Delling sind Sie auch immer noch per Sie. Spielen Sie mittlerweile nicht doch eine Rolle im Fernsehen?

Netzer: Ich habe nicht für möglich gehalten, wie sehr die Menschen sich für das Verhältnis von Herrn Delling und mir interessieren. Wir beide haben mal in einem Restaurant zu Abend gegessen und sind dort von einem jungen Pärchen angesprochen worden. Die hatten unser Gespräch vom Nebentisch aus mitbekommen und waren ganz begeistert, weil wir uns tatsächlich gesiezt und uns genauso kontrovers unterhalten hatten, wie in der Fernsehkiste. Ich kann nur immer wieder sagen: Wir sind authentisch.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bisher fast allen Gefahren des Medienbetriebs entgangen. Keine Skandale, keine Kampagnen gegen Sie, alle mögen Netzer. Wie kommt das?

Netzer: Weil ich so bin, wie ich bin. Ich habe eine Familie gegründet und lebe seit 28 Jahren mit meiner Frau zusammen, ohne dass je die Gefahr von Skandalen oder Skandälchen bestanden hätte. Wir sind zufrieden und wir sind bescheiden geblieben. Heutzutage treffe ich immer mehr Übergeschnappte, die glauben Gott weiß was geleistet zu haben, obwohl das nicht der Fall ist. Das Showgeschäft mit seinen Pseudostars und Sternchen ist nicht meine Welt. Weil ich mich bewusst davon fernhalte, werde ich in aller Regel auch von den Medien seriös behandelt.

SPIEGEL ONLINE: Aber manchmal finden sie doch einen Makel. Nach dem Milliarden-Deal mit den Fernsehrechten an der Fußball-WM 2006 wurden Sie zum Fußball-Paten stilisiert.

Netzer: Die Logik der Medien ist einfach: Sie orientieren sich am größten Namen. Ich habe mich bei den anderen Investoren rückversichert, ob sie die Berichterstattung stört. Doch die waren ganz glücklich darüber, jemanden zu haben, auf den sich das Interesse richtet und der ihnen die Presse vom Hals hält. So habe ich die Geschichten laufen lassen. Ich wusste ja, dass sie nicht stimmen.

SPIEGEL ONLINE: Unternommen haben Sie nichts dagegen?

Netzer: Nein. In meiner Zeit als HSV-Manager in den Achtzigern habe ich es noch mit Gegendarstellungen versucht – und festgestellt, dass es nichts bringt. Man wirbelt eine Geschichte nur noch mehr auf.

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren Spieler und Trainer hart und bewahren Distanz. Was halten Sie von dem sonst so häufig anzutreffenden Kuschelverhältnis zwischen Medienleuten und Sportlern?

Netzer: Der Boulevardjournalismus hat zu allen Zeiten erstklassige Kontakte zu den Spielern oder ihrem Umfeld gehabt. Es ist normal, dass gute Beziehungen gesucht werden, Insidergeschichten wären sonst nicht möglich. Aber es muss auch Leute geben, die den Fußball realistisch betrachten. Dazu zähle ich mich. Ich traue mich, Dinge anzusprechen, um die sich andere diplomatisch herummogeln, aus Angst, oder weil sie bestimmte Interessen verfolgen. Das ist bei mir nie der Fall gewesen, obwohl meine Firma Vertragspartner des DFB ist. Meine Kollegen bei Infront mussten sich übrigens auch erst daran gewöhnen, dass ich die Nationalmannschaft derartig kritisiere.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie an den Wutausbruch des damaligen Teamchefs Rudi Völler über Ihre vernichtende Kritik nach dem 0:0 der Nationalmannschaft bei der EM-Qualifikation im September 2003 gegen Island denken – ist es nicht manchmal auch eine Bürde, der Scharfrichter des deutschen Fußballs zu sein?

Netzer: Nein. Und ich bin heute noch froh, dass wir diesen Ausbruch so souverän abgehandelt haben. Ich habe überhaupt nicht verstanden, worüber Rudi Völler sich damals beklagt hat. Alle Fakten haben gegen seine Äußerungen gesprochen. Unglaublich, was für eine große Sache daraus wurde. Als beim nächsten Spiel der Nationalmannschaft gegen Schottland Völler nach dem Spiel zu uns zum Gespräch kam, da war die Quote höher als beim Spiel selbst. Darüber amüsiert sich der Programmdirektor heute noch.

SPIEGEL ONLINE: Als Ehrenmann des deutschen Fußballs sind Sie mittlerweile eine Medienmarke und könnten nach dem Vorbild Franz Beckenbauers Werbung für viele Produkte machen. Sie werben aber lediglich für einen Finanzdienstleister. Haben Sie Angst um Ihr Image?

Netzer: Das ist das Eine. Außerdem empfände ich es meinem Werbepartner gegenüber als nicht seriös, für zehn Sachen gleichzeitig zu werben. Außerdem sollen meine Werbeauftritte glaubwürdig sein. Ich bin ein analytischer, seriöser Mensch, passe also zu einer Bank.

SPIEGEL ONLINE: Sie behaupten gern, ein unambitionierter Phlegmatiker zu sein, dem alles mehr oder weniger zugefallen ist. Wieso will Ihnen das keiner so recht glauben?

Netzer: Weil die Geschichte einfach zu gut ist. So wie mein Leben verlaufen ist, kann sich niemand vorstellen, dass es da keine Strategie gibt. Aber es gibt wirklich keine. Ich habe lediglich die Chancen, die sich boten, schneller erkannt und genutzt als andere. Hinzu kommt, dass ich eine gewisse Rätselhaftigkeit schon in frühen Jahren gepflegt habe, ich habe eine Mauer um mich herum errichtet. Mich interessieren die Menschen, die sich die Mühe machen, diese Mauer einzureißen. Die ergründen wollen, was sich dahinter verbirgt.

SPIEGEL ONLINE: Der Mauerbau hat zur Legendenbildung beigetragen.

Netzer: Die Medien haben einen Netzer-Mythos geschaffen, der manchmal übertrieben ist. Er gefällt mir durchaus, aber er hat mich nie verleiten können, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ich bin authentisch, so wie ich mich öffentlich präsentiere. Es ist noch mehr vorhanden, als ich bereit bin zu offenbaren, aber im Großen und Ganzen bin ich einfach ich.


Interview: Sebastian Hofer

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.