Neu-Bayer Schlaudraff Der Star, den keiner wollte

Jan Schlaudraff war in der Winterpause der begehrteste Spieler der Bundesliga. Das war nicht immer so. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, scheiterte ein Verbleib des Nationalspielers bei einem hessischen Traditionsverein an einer Unterkunft. In Gladbach wurde das Talent verkannt.

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Es begann in einer Sporthalle in Mainz: Im Dezember 2000 erlebte der damalige A-Jugendtrainer des SV Darmstadt 98, Gernot Lutz, bei einem Hallenturnier in Mainz einen Nachwuchsspieler, dessen Technik und Torinstinkt ihn auf Anhieb überzeugen. Der 16-Jährige Kicker, der eigentlich aufgrund seines Alters noch in der B-Jugend hätte spielen dürfen, war ein junger Mann namens Jan Schlaudraff, der für Hassia Bingen unter dem Hallendach zauberte.

Nationalspieler Schlaudraff: "Keiner hat sich um ihn gekümmert"
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Nationalspieler Schlaudraff: "Keiner hat sich um ihn gekümmert"

"Ich habe schon viele gute Techniker in der Halle gesehen, die dann auf dem Feld plötzlich nur noch Mitläufer waren", erinnert sich Lutz an seine erste Begegnung mit Schlaudraff: "Bei Jan war das allerdings anders".

Der hessische Traditionsclub beobachtete den Dribbler noch bei einigen Partien unter freiem Himmel, ehe der damalige Zweitligist sich dafür entschied, Schlaudraff zu verpflichten. Doch das Gastspiel am Böllenfalltor sollte weniger als sechs Wochen dauern, obwohl bei den 98ern alle begeistert waren von der stürmischen Neuverpflichtung.

"Der Junge stand da und keiner hat sich um ihn gekümmert", sagt Michael Müller. Der Diplomsportlehrer löste Lutz zur Saison 2001/2002 ab und übernahm Schlaudraff von seinem Vorgänger. "Keiner wusste, wo Jan unterkommen sollte", so Müller weiter. Die Lösung stand im Tor. Der damalige Keeper der 98-Amateure, Erik Hertel, nahm sich Schlaudraffs an und ließ den Schüler, der nicht täglich die 66 Kilometer von Bingen pendeln konnte, bei sich wohnen.

Doch auf Dauer war das kein Zustand, zumal der heutige Nationalspieler gerne mit seinem Bruder in der Darmstädter Studentenstadt wohnen wollte. Dank eines Kontaktes eines 98-Vorstandsmitgliedes, der gleichzeitig Hochschullehrer war, konnte sogar die Schulfrage für die beiden Jungs unbürokratisch geregelt werden, doch der Club versäumte es, das Talent mit einer eigenen Bleibe an sich zu binden. "14 Tage hat Jan mittrainiert, doch der Verein hat es in insgesamt sechs Wochen nicht geschafft, ihm und seinem Bruder eine Wohnung zu besorgen", so Lutz.

"Schlaudraff wäre eh nicht bei uns geblieben"

Die Herbergssuche scheiterte allerdings nicht an nicht vorhandenem Wohnraum, sondern schlicht am Geld: "Es war ein finanzielles Problem", sagt Franz Hierer, damals wie heute Fußball-Jugendleiter beim Regionalliga-Süd-Verein. "Wir haben eben kein Internat wie zahlreiche Profimannschaften, hätten uns nicht intensiv genug um Jan kümmern können", so Hierer, der die Situation im Nachhinein als "bedauerlich" beschreibt. Sein Trost: "Ein Spieler wie Schlaudraff wäre eh nicht bei uns geblieben". Über eine Ablösesumme im sechstelligen Bereich hatte man sich beim notorisch klammen Regionalligisten aber sicher auch gefreut.

Für Müller war die Rückkehr des heute 23-Jährigen zu seinem Heimatverein Bingen nicht nur eine logische Konsequenz aus dem Wirrwarr um die Wohnsituation, sondern der richtige Schritt für dessen erfolgreiche sportliche Zukunft: "Wenn man einem Spieler in einer fremden Stadt keine Hilfestellung bieten kann, ist es besser für ihn, wenn er in seinem gewohnten Umfeld bleibt", so der 41-Jährige Müller, der mittlerweile für den DFB-Jugendstützpunkt Südwest tätig ist und im Zusammenhang mit seinem Beinahe-Spieler Worte wie "hochtalentiert" und "Ausnahmespieler" erwähnt.

Auch Lutz schwärmt von dem Techniker: "Jan war schon damals wahnsinnig schnell, unheimlich stark in 1:1-Situationen und hat einen starken Zug zum Tor gehabt", so Lutz, dem Schlaudraffs Wechsel zum FC Bayern keine Zweifel aufgibt: "Er wirkt manchmal ein wenig phlegmatisch, das ist er aber gar nicht. Jan ist eine starke Persönlichkeit, er wird nicht abheben", ist sich Lutz sicher.

Keine Reue am Niederrhein

Doch nicht nur in Darmstadt dürfte sich manch Funktionär über das verkannte Talent ärgern. Auch bei Bundesligist Borussia Mönchengladbach wollte man Schlaudraff nicht, stattdessen freute sich Alemannia Aachen. Zweimal war Schlaudraff seit 2004 von den Gladbachern auf den Tivoli verliehen worden, ehe die Alemannia Schlaudraff vor der Saison zum Schnäppchenpreis von 100.000 Euro kaufte.

Gladbachs Sportdirektor Peter Pander, der zum Zeitpunkt des Transfers erst wenige Monate im Amt war, begründet den Deal damit, dass man von den Qualitäten des gebürtigen Waldbrölers nicht überzeugt war: "Unsere sportliche Leitung um den damaligen Trainer Horst Köppel war einheitlich der Meinung, dass Jan sich bei uns nicht durchsetzen wird", so Pander. Die Verantwortlichen hätten keine Perspektive mehr für den Stürmer gesehen, dessen Vertrag am Niederrhein noch ein Jahr gültig war.

Trotzdem bereut man beim Tabellen-17. die Entscheidung, Schlaudraff ziehen zu lassen, offenbar nicht: "Das passiert doch 100 Mal im Jahr", so Pander, der betont, dass neben der Kaufsumme rund eine halbe Million Euro durch die Ausleihgeschäfte von Aachen nach Gladbach geflossen sind. "Bayern hat Ballack ziehen lassen und jetzt ärgern sie sich", sagt Pander. Zudem habe Schlaudraff unbedingt nach Aachen wechseln wollen.

Die Bayern jedenfalls sollten sich sputen und einen Immobilienmakler mit der Wohnungssuche für ihren Neuzugang beauftragen. Sonst könnte Mama Schlaudraff wieder ausrücken. Die holte ihren Sohn damals aus Darmstadt ab. Vielleicht der entscheidende Augenblick in der Karriere des Jan Schlaudraff.



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