Neue Gelbsperren-Regel Gute Karten für Ballack und Co.
"Das", sagte Michael Ballack nach dem Spiel, sei "die bitterste Erfahrung, die ein Fußballer machen kann." Und in der Kabine habe er ein paar Tränen vergossen. Ballack sprach vom WM-Halbfinale 2002 in Seoul. 74 Minuten sind in der Partie Südkorea gegen Deutschland gespielt. Angreifer Oliver Neuville spielt den Ball flach in den südkoreanischen Strafraum, Ballack schießt Torhüter Woon Jae Lee an. Der Abpraller landet vor Ballacks Füßen - und der Mittelfeldspieler erzielt den 1:0-Siegtreffer.
Er zieht sich das Trikot über den Kopf, breitet die Arme zum Jubeln aus und sinkt auf die Knie. Ungetrübt ist die Freude jedoch nicht. Denn Ballack weiß: Er ist im Finale - der Gegner hieß damals Brasilien - gesperrt. Nur drei Minuten zuvor hat der damals 25-Jährige kurz vor dem eigenen Strafraum einen Gegenspieler gefoult - und von Schiedsrichter Urs Meier seine zweite Gelbe Karte in der K.o.-Runde gesehen. Nach zwei Gelben Karten musste ein Spieler automatisch eine Begegnung aussetzen.
Das ist diesmal anders: Sollte Deutschland das Endspiel dieser Europameisterschaft erreichen, wird Ballack nicht wegen einer Gelbsperre fehlen. Er hat beim 3:2-Erfolg gegen Portugal keine Gelbe Karte kassiert. Doch selbst die Gelbsünder aus dem Viertelfinale, die Außenverteidiger Arne Friedrich und Philipp Lahm, müssen sich im Halbfinale gegen Kroatien oder die Türkei (Mittwoch 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) keine Sorge über eine mögliche Gelbsperre machen.
Grund dafür ist eine Regeländerung, die der Europäische Fußballverband (Uefa) kurz vor dem Turnier beschlossen hat. Demnach werden die Gelben Karten bei dieser EM erst nach dem Viertelfinale gestrichen. Somit können alle Akteure unbelastet in die Halbfinals gehen. "Diese Änderung lag mir seit Jahren am Herzen. Ein Finale wegen einer Gelben Karte zu verpassen, ist eine denkbar harte Sache", sagte Uefa-Präsident Michel Platini zu dieser Entscheidung. Zuvor war das Löschen der Karten bereits nach der Gruppenphase üblich.
Neben Michael Ballack gibt es weitere Spieler, die die bisherige Regelung die Teilnahme an einem Endspiel kostete. So verwandelte Andreas Möller im EM-Halbfinale 1996 den entscheidenden Elfmeter gegen Gastgeber England, hatte aber zuvor seine zweite Gelbe Karte gesehen.
Ebenso erging es Pavel Nedved - der tschechische Mittelfeldspieler von Juventus konnte beim Champions-League-Finale 2003 gegen den Serie-A-Rivalen AC Mailand (2:3 nach Elfmeterschießen) nur zuschauen. Im Halbfinal-Rückspiel gegen Real Madrid (3:1) hatte er seine zweite Verwarnung in der K.o.-Phase kassiert. Aus dem gleichen Grund verpasste der Engländer Paul Scholes von Manchester United 1999 den Champions-League-Triumph über Bayern München (2:1).
Jüngstes Opfer der Kartenregelung war der russische Stürmer Pawel Pogrebniak von Zenit St. Petersburg. Der 24-Jährige musste vor wenigen Wochen im Uefa-Cup-Finale gegen die Glasgow Rangers (2:0) eine Gelbsperre absitzen.