Neuer Bayern-Coach Jonker Der Fünf-Spiele-Trainer

Andries Jonker kann als Chefcoach nur wenige Erfolge vorweisen. Nun wird er Interimstrainer des FC Bayern - und soll beim deutschen Rekordmeister retten, was zu retten ist. Doch der Schatten seines Freundes und Vorgängers van Gaal scheint übermächtig.
Von Sebastian Winter
Neuer Bayern-Coach Jonker: Der Fünf-Spiele-Trainer

Neuer Bayern-Coach Jonker: Der Fünf-Spiele-Trainer

Foto: Alexander Hassenstein/ Bongarts/Getty Images

Andries Jonker kommt an diesem Montagmittag überpünktlich in den Presseraum des FC Bayern München an der Säbener Straße. Der 48-jährige Niederländer trägt weiße Socken in Badeschlappen, dazu einen schwarz-weißen Trainingsanzug. Jonker wirkt verloren auf dem Podest, ganz anders als der raumfüllende Louis van Gaal. Am Samstagabend nach dem dürftigen 1:1 in Nürnberg hatte der Vorstand van Gaal beurlaubt - und der schmale 1,78-Meter-Mann Jonker aus Amsterdam wurde befördert: zum Cheftrainer des FC Bayern München.

Jonker blickt mit schmalem Mund in die Runde. Dann schürzt er seine Lippen und sagt: "Das Gefühl ist komisch, ich bin nicht froh. Wir sind vergangene Saison alle zusammen unglaublich erfolgreich gewesen. Und dann fällt diese Gruppe auseinander. Das bringt Enttäuschung." Mit "Gruppe" meint Jonker den Trainerstab, der am vergangenen Wochenende vom Vorstand gesprengt worden ist. Denn neben van Gaal beurlaubten Uli Hoeneß und Co. auch die Assistenten Frans Hoek, Jos van Dijk und Max Reckers.

Vor dem Montagstraining setzte sich Jonker dafür ein, dass sich das Quartett von der Mannschaft verabschieden konnte. Er zeigt großen Respekt vor seinen ehemaligen Kollegen. Er und van Gaal, das waren Weggefährten im Fußball, die auch eine Freundschaft verbindet. Sie haben bereits Mitte der 1990er Jahre in Amsterdam zusammen gearbeitet, dann bei der holländischen Nationalmannschaft und später in Barcelona.

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Bayern-Interimstrainer Jonker: Kompetent, höflich, beliebt

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Immer war van Gaal der Chef und Jonker sein Adjutant. Selbst an dessen Fußballbuch hat Jonker mitgearbeitet. Auch deshalb ist ihm die Entscheidung, nun van Gaals Job zu übernehmen, schwer gefallen: "Louis hat gemeint, dass wenn er in meinen Schuhen stehen würde, er diesen Job annehmen würde. Diese Aussage war sehr wichtig für mich." Erst dann, und nach einem Gespräch mit seiner Frau, entschied sich Jonker für das Bayern-Angebot.

Die Bayern haben Jonker zum Feuerwehrmann für die restlichen fünf Saisonspiele auserkoren, er soll sie quasi in letzter Minute auf Platz drei der Tabelle hieven, der die so wichtigen Qualifikationsspiele für die Champions League ermöglichen würde. Nach dieser Saison wird er dann für ein Jahr die Bayern-Amateure übernehmen. Dies hatte Jonker seinem Verein bereits am vergangenen Freitag zugesagt.

"Ich bin überzeugt, dass wir das Ziel Champions-League-Qualifikation erreichen. Das können wir nur zusammen machen: Fans, Spieler, Stab und Vorstand", sagte Jonker.

Allerdings hat er kaum Erfahrung als Cheftrainer. Seine Engagements beim FC Volendam, MVV Maastricht und Wilhelm Il Tilburg waren nur von kurzer Dauer - und wenig erfolgreich. Doch dies zählt nun offenbar nicht. Denn Jonker ist vor allem als Brückenbauer und Psychologe gefragt.

Bereits beim Training am Montag deutete Jonker an, was er anders machen wird als van Gaal. Er versammelte die Mannschaft bereits um kurz nach 10 Uhr auf dem Rasen, van Gaal tat dies meist erst um 11.30 Uhr. Jonker ließ keine komplizierten Dinge trainieren, dafür sprachen die Spieler viel miteinander. Der Spaß, der den Bayern laut Präsident Hoeneß abhanden gekommen war, soll zurückkehren in die Mannschaft.

Zudem versprach Jonker, sich mit der Chefetage regelmäßig abzustimmen: "Ich werde versuchen, einen Vorteil daraus zu ziehen." Genau dies hatte insbesondere Hoeneß van Gaal immer wieder zum Vorwurf gemacht: Sich zwar Vorschläge anzuhören, aber dann seine eigene Meinung stets darüber zu stellen.

"Ich brauche keine Philosophie"

Was er inhaltlich ändern möchte, ließ Jonker im Dunkeln. Fest steht nur, dass er nicht an großen Stellschrauben drehen wird: "Ich brauche keine Spieler ausbilden in fünf Spielen. Ich brauche keine Philosophie. Ich möchte zuerst meine Gedanken ordnen und anfangen, mit der Mannschaft zu arbeiten." Jonker legte sich auch in der Torwartfrage weder auf den zuletzt fehlerhaften und nun am Rücken verletzten Thomas Kraft noch auf Ersatzmann Jörg Butt fest, dessen Degradierung im Winter-Trainingslager Hoeneß als Auslöser des Bayern-Niedergangs sieht.

Auch im Falle von Arjen Robben, der vom DFB-Sportgericht nach seiner Roten Karte gegen Nürnberg für zwei Spiele gesperrt und mit einer Geldstrafe von 15.000 Euro belegt worden war, hielt sich Jonker bedeckt: "Ich bin nicht froh mit der Sperre. Aber wir werden eine Lösung finden."

Er muss sie finden. Denn am kommenden Sonntag kommt es zu einem brisanten Duell. Mit dem Tabellenzweiten Leverkusen kommt dessen Trainer und Jonkers Nachfolger Jupp Heynckes zu den Bayern. Paradoxerweise könnte ausgerechnet Heynckes seinem künftigen Club den nächsten K.o.-Schlag verpassen.

Jonker war als kleiner Junge ein glühender Verehrer des 65-Jährigen. Er hatte ein Foto des Deutschen, der in den großen Gladbacher Zeiten im weißen Trikot der Fohlen spielte. Auch in Spanien sind sie sich begegnet, als Heynckes mit Bilbao gegen Barcelona spielte. Nun wird ihn Jonker wieder treffen, ausgerechnet bei seiner wichtigsten Bewährungsprobe.

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