Neuer Korruptionsverdacht Blatter verdonnert Fifa-Fürsten zum Schweigen

Antworten zum neuen Korruptionsverdacht? Nicht von der Fifa. Präsident Blatter hat den Funktionären einen Maulkorb erteilt. Stattdessen gibt es halbgare Entschuldigungen und Unterstützung für die Verdächtigen - die Schweigestrategie könnte sich noch rächen.

AFP

Von Frieder Schilling


Hamburg - "Es schafft Transparenz", hat Joseph Blatter gesagt, "und dafür stehen wir ja schließlich. Transparenz." Als stolzer Bauherr zeigte sich der Fifa-Präsident am Tag der Einweihung des neuen Hauptsitzes des Fußball-Weltverbandes. 145 Millionen Euro hatte sich die Fifa ihr neues Domizil in Zürich kosten lassen, die Fassade besteht zu großen Teilen aus Glas. Transparent eben. Ende Mai 2007 wurde es eröffnet, nur wenige Tage später wurde Blatter zum zweiten Mal in seinem Amt als oberster aller Fußball-Funktionäre bestätigt. Alles war großartig.

Transparenz wünscht man sich in diesen Tagen auch von der Fifa. Zwei Mitglieder des Exekutivkomitees sind unter Korruptionsverdacht geraten, laut einem Bericht der "Sunday Times" sollen sie sich bereit erklärt haben, ihre Stimme bei der Vergabe der WM-Turniere 2018 und 2022 zu verkaufen. Da würde man gerne Reaktionen der Fifa-Größen lesen - doch Blatter bittet die 23 Mitglieder in einem Brief, "bis auf weiteres von jeglichen öffentlichen Äußerungen in dieser Angelegenheit abzusehen". Und bedankt sich dafür anschließend "im Voraus".

Es fehlt jede Spur von Entrüstung

Am kommenden Mittwoch müssen die zwei Beschuldigten - Reynald Temarii aus Tahiti und der Nigerianer Amos Adamu - nun vor der Ethikkommission der Fifa Stellung zu den Vorwürfen nehmen. Eine interne Untersuchung also, hinter verschlossenen Türen. Der Weltverband teilte mit, dies sei keine extra anberaumte Sitzung, sondern ein schon länger geplantes Zusammentreffern der 15 Kommissionsmitglieder. Ein neuer Tagesordnungspunkt ist aber zweifellos gefunden.

Am Abend bestätigte die Fifa dann, dass sie ein Ethikverfahren gegen Temarii und Adamu eingeleitet habe. Zudem sei auch eine Untersuchung gegen die entsprechenden Nationalverbände und Bewerbungskomitees in die Wege geleitet worden. Darüber hinaus liefen Untersuchungen gegen andere Fifa-Offizielle, "die im Rahmen des Vorfalles eine Rolle gespielt haben könnten".

Welche Konsequenzen die Fifa aus den Vorwürfen zieht, wird man gespannt erwarten dürfen. Sollte sich der Verdacht der Bestechlichkeit bestätigen, muss der Weltverband eine deutliche Reaktion zeigen. Andernfalls würde jedes Vertrauen der Mitgliedsländer in den Bewerbungsprozess um die WM-Turniere verlorengehen. Temarii und Adamu könnten dann nicht länger Mitglied des mächtigen Exekutivkomitees bleiben.

Aber bislang fehlt jede Spur von Entrüstung.

Der unter Verdacht geratene Funktionär aus Tahiti hat sich bereits zu Wort gemeldet. Er habe einen Fehler gemacht, als er auf diese Art und Weise gesprochen habe, so Temarii. Aber selbstverständlich sei er absolut integer. Eine halbherzige Entschuldigung des 57-Jährigen, der sich nach eigenen Angaben bereits am Sonntag mit Blatter getroffen hat. Ein klares Statement klingt anders - doch nach Blatters öffentlichem Maulkorb ist das wohl nicht zu erwarten.

Von Funktionärskollegen jedenfalls erfahren die zwei Verdächtigen bereits die in solchen Fällen bekannte Unterstützung. Fred de Jong, Vertreter des Ozeanischen Fußballverbandes, sagte, er sei "sehr überrascht" über die Anschuldigungen gegen Temarii. Zwar kenne er nicht den ganzen Zusammenhang und tue sich folglich schwer mit einem Urteil, "aber ich kenne Herrn Temarii und er ist ein großartiger Kerl", sagte de Jong dem neuseeländischen Sender Radio Sport.

Das Produkt WM ist einfach zu wertvoll

Der US-Amerikaner Chuck Blazer, ebenfalls mit Sitz im Exekutivkomitee ausgestattet, sagte, er sei enttäuscht über das Gelesene. Doch auch er nimmt seine Kollegen in Schutz: "Sie (die Journalisten, Anm. d. Red.) hätten auch eine Falle gestellt, die Leute dazu verführt, etwas Falsches zu tun." Jetzt sei es an der Fifa, dies zu bewerten.

Aus den Bewerberländern (2018: England, Russland, Spanien/Portugal und Niederlande/Belgien; 2022: USA, Japan, Südkorea, Katar, Australien) kommen keine Reaktionen. Offensichtlich will man es sich mit der Fifa nicht verscherzen, die Hoffnung auf eine erfolgreiche Bewerbung lässt die Vertreter trotz Millioneninvestitionen und einem möglicherweise nicht ganz fairen Vergabeverfahren stillhalten. Das Produkt, um das es letztlich geht, ist einfach zu wertvoll.

Allerdings auch für die Fifa, die einen Großteil ihrer Milliardeneinnahmen mit den WM-Turnieren generiert - über TV-Lizenzgebühren und Sponsorengelder. Ein Korruptionsskandal ist in diesem Zusammenhang somit das Letzte, was der Weltverband gebrauchen kann. Schlechte Publicity könnte schlecht sein für die Preise.

Dass die Veröffentlichung der Vorwürfe gegen die zwei Funktionäre in einer englischen Zeitung Konsequenzen haben könnte für die englische Bewerbung, verneint Chuck Blazer. Auch eine Verschiebung der für den 2. Dezember geplanten Verkündung der WM-Gastgeber lehnt der US-Amerikaner ab, es gebe keinen Grund, dies zu tun. Somit werden sich die 24 Auserwählten aus 208 Mitgliedsverbänden am 2. Dezember im Fifa-Hauptquartier treffen, um über die Vergabe des größten Sportereignisses der Welt zu entscheiden.

Das Exekutivkomitee tagt dann im großen Sitzungssaal. Im dritten von insgesamt fünf Untergeschossen des Gebäudes. Ohne Tageslicht.

Mit Material der dpa



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Trashosaurus 17.10.2010
1. Wenn wunderts
Wundert es noch jemand das in einem internationalen Konsortium, in welchem ein machtgeiler alter Schweizer herrscht, wie ein afrikanischer Diktator, die kleineren Räder der Entscheidungskette ebenfalls dem großen Zampano nacheifern? Blatter verkörpert wie kein zweiter, dass die FIFA und die von ihr vergebene WM zu aller erst im Interesse des Geldes handelt. Der Fussball / Sport, diejenigen die ihn betreiben und diejenigen welche ihn anschauen müssen hinter monetären Interessen zurücktreten. Außerdem gilt für die Fifa das gleiche wie für andere internationale Verbände und Organisationen. Man schaue sich das Gemauschel und die Korruption in der internationalen Walfangbehörde (IWC) oder das gebaren des IOC (Olympische Spiele) an. Hier werden die systematisch die Stimmen von afrikanischen und karibischen Staaten gekauft. Dagegen unternommen wird wenig. Es wäre doch sehr sinnvoll, solchen Staaten für 2-4 Jahren die Mitwirkung bei Entscheidungen zu verbieten, wenn Sie der Bestechung bzw. Vorteilnahme überführt werden.
ratxi 17.10.2010
2. Wieso?
Zitat von sysopHochrangige Fußballfunktionäre stehen unter dem Verdacht, ihre Stimmen zur WM-Vergabe zu verkaufen. Schon in der Vergangenheit gab es Gerüchte um korrupte Fifa-Funktionäre. Glauben Sie, dass in der Fifa unabhängig entschieden wird?
Jeder nimmt doch, was er kriegen kann. Ist es nicht das , was wir alle von klein auf lernen?
.link 17.10.2010
3. ach...
...Deutschland hat die WM doch auch nur aufgrund eines kleinen aber feinen Geschenkkorbes bekommen ;)
Koltschak 17.10.2010
4. "Mitgliedern ist es untersagt, Dritte zu bestechen"
Vielleicht haben ja Persohnen ohne Glied versucht die Funktionäre zu kaufen. Dann wäre es ja Rechtens.
ricocoracao 17.10.2010
5. .
..bei der FIFA und auch dem IOC ist das doch normal, wieso nun diese Aufregung ?
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