Neuer VfB-Trainer Gross Der Alpen-Magath

Mit dem Schweizer Christian Gross als Trainer verordnet sich der abstiegsbedrohte VfB Stuttgart das Anti-Babbel-Programm. Dem 55-Jährigen geht bei seiner Arbeit nichts über Disziplin. Im Nachbarland hat diese Methode jedenfalls schon einmal bestens funktioniert.

VfB-Trainer Gross: Manchmal kann er auch lachen
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VfB-Trainer Gross: Manchmal kann er auch lachen

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Hamburg - Dieser Mann sagt über sich: "Man muss cool und hart gegenüber sich selbst sein" - und auch anderen gegenüber zieht Christian Gross dieses Prinzip gerne mal durch. In der Schweiz erzählt man sich, er soll einen Spieler, der mit ihm sprechen wollte, aus der Trainerkabine geworfen und abgebügelt haben: "Mit Ihnen muss ich nicht reden" - cool und hart.

An dem neuen Trainer des VfB Stuttgart prallen die gängigen Schweiz-Klischees ab. Behäbigkeit, Langsamkeit, Gemütlichkeit - daran würde man bei Gross wohl als allerletztes denken. Nach dem netten Herrn Babbel , den der VfB Stuttgart am Sonntagabend freigestellt hatte, bekommt der Verein nun das Gegenteil. Solche Trainertypen wie Gross werden in der Branche gemeinhin als harte Hunde bezeichnet. Eine Art Schweizer Ausgabe von Felix "Quälix" Magath.

Er wolle beim VfB jetzt "retten, was zu retten ist", hat der 55-Jährige bei seiner Vorstellung in Stuttgart gesagt, "über allem" stehe der Nichtabstieg. Dabei hängt das Image des Feuerwehrmannes, der abstiegsbedrohte Teams übernimmt und den Klassenerhalt als einziges Ziel ausgibt, Gross eigentlich nicht nach. In der Schweiz gilt er vielmehr als Meistermacher und als der erfolgreichste Vereinstrainer, den das Land je hatte. Die Grashoppers Zürich und den FC Basel führte er mehrfach bis in die Champions League, insgesamt sammelte er sechs nationale Meistertitel. Vor allem mit dem FC Basel verbindet ihn eine langjährige Erfolgsgeschichte. Gemeinsam mit der Präsidentin Gigi Oeri machte er von 1999 bis 2009 Basel zum Marktführer im Schweizer Fußball. Neunmal wurde er zum Trainer des Jahres in der Schweiz gewählt.

Solche Erfolge haben Gross auch international zu einem begehrten Kandidaten für diverse Trainerstühle werden lassen. Immer wieder wurde er genannt, wenn es in der Bundesliga neue Trainerjobs zu besetzen galt. Doch egal, ob es um Schalke, Wolfsburg, den HSV, Kaiserslautern oder Leverkusen ging - letztlich machte Gross immer wieder einen Rückzieher und blieb lieber im beschaulichen Basel.

Mit Klinsmann im Dauerclinch

Eine merkwürdige Zurückhaltung, die vielleicht auch mit seiner bisher einzigen Auslandserfahrung als Trainer zusammenhängen mag. 1997 unterschrieb der forsche Gross einen Vertrag beim englischen Traditionsclub Tottenham Hotspur, der damals in einer ähnlich verfahrenen Situation war wie der VfB Stuttgart heute. Gross schaffte es zwar, die Spurs in der Premier League zu halten, rieb sich jedoch in Scharmützeln mit den Spielern auf. Vor allem einer machte dem Schweizer damals das Leben schwer. Jürgen Klinsmann in der Endrotation seiner Spielerkarriere konnte mit dem autoritären Führungsstil des Schweizers überhaupt nichts anfangen. Nach heftigen Disputen fand sich Klinsmann bei Tottenham auf der Ersatzbank wieder und musste sich offiziell beim Trainer entschuldigen.

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Als dann einige Spurs-Spieler auch noch mehr Einsatz in den Londoner Nachtbars als auf dem Platz zeigten, war der Draht zwischen dem Disziplinfanatiker Gross und dem Team abgerissen. Nach nur drei Spieltagen in der neuen Saison durfte Gross die Koffer packen, begleitet von den höhnischen Kommentaren der britischen Presse, die sich über sein schlechtes Englisch belustigte. Danach hat er sich beruflich aus der Schweiz nicht mehr hinausgetraut.

Dennoch ist Gross mit landläufig als schwierig geltenden Spielertypen immer erstaunlich gut zurechtgekommen. Der Franzose David Ginola, ein ebenso launischer wie genialer Angreifer, spielte unter Gross seine besten Partien bei Tottenham. Und die Schweizer Nationalspieler-Brüder Murat und Hakan Yakin, die ganze Trainerstäbe mit ihrer laxen Einstellung zum Wahnsinn getrieben haben, finden nur lobende Worte über Gross.

Noch kein Schweizer hatte auf Dauer Erfolg

Ihn lediglich als sturen Schleifer abzutun, würde denn auch Gross' Qualitäten als Fußballlehrer überhaupt nicht gerecht. Schon als junger Kerl rannte er mit den neuesten Manager-Ratgebern durch die Gegend, heißt es. Bei seiner ersten Pressekonferenz in Stuttgart führte er denn auch gerne Sätze wie "ich verlange positive Aggressivität" im Mund, - sie könnten direkt aus diesen Ratgeberbüchern entsprungen sein.

Als Gross nach zehn Jahren und einem enttäuschenden dritten Platz in der Meisterschaft im Mai dieses Jahres seinen Abschied in Basel nahm, wurde ihm zu Ehren das Springsteen-Lied "Tougher than the Rest" gespielt. Härter als die übrigen. Das muss er jetzt auf jeden Fall sein - alle anderen Schweizer Trainer, die es bislang in Deutschland versucht haben, sind früher oder später gescheitert. Ob sie Koller, Latour, Andermatt oder Favre hießen. Gross ist nunmehr der fünfte Eidgenosse, der einen Cheftrainer-Vertrag in der Bundesliga bekommt.

In Stuttgart hat er angekündigt: "Ich will mutige Spieler, die den Fans etwas zurückzahlen. Ich will alles aus den Spielern rausholen." Es klingt wie eine Drohung.



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deefens 06.12.2009
1. Es langweilt langsam
Spielt die Mannschaft schlecht, rollt der Kopf des Trainers. Ist die Mannschaft aber katastrophal vom Management zusammengestellt bzw. der Leistungsträger ersatzlos verkauft worden, rollt ebenfalls der Kopf des Trainers. Das versteht zwar kein Mensch, tuts aber als Bauernopfer um die schlichteren unter den Fans zufriedenzustellen. Mir reicht das allerdings nicht
lynx2 06.12.2009
2. Rebelliert?
Zitat von sysopVergangene Saison führte Markus Babbel den VfB Stuttgart in die Champions-League-Ränge, in dieser Spielzeit folgte der Absturz in den Tabellenkeller. War die Trennung vom Trainer der richtige Schritt?
........ Randaliert ist wohl der richtige Ausdruck. Außerdem sind das keine Fans, sondern Hooligans, ein Abschaum, dem es nicht um Sport geht, sondern nur um Randale.
JaIchBinEs, 06.12.2009
3. Fußball ist ein Spiel ..
Zitat von sysopVergangene Saison führte Markus Babbel den VfB Stuttgart in die Champions-League-Ränge, in dieser Spielzeit folgte der Absturz in den Tabellenkeller. War die Trennung vom Trainer der richtige Schritt?
Seltsamerweise haben Leistungsdefizite im Profifußball andere Konsequenzen als z.B. in einem mittelständischen Betrieb. Dort werden, wenn der Laden schlecht läuft, eher Mitarbeiter entlassen, als z.B. der Geschäftsführer. Warum soll man sich nicht auch von aktiven Spieler in einem Verein trennen, wenn diese schlechte Leistungen zeigen oder nicht ins Team passen. Was ist daran so schlimm, im "Tabellenkeller" zu landen, schließlich ist Fußball ein *Spiel*, wo immer einer verlieren muß, wenn der andere gewinnt. Auch ein Unternehmen kann eine Krise durchlaufen und wieder gestärkt aus dieser hervorgehen. Ob dabei hektische Personalwechsel hilfreich sind, bezweifele ich eher. Tom
klumpenhund 06.12.2009
4.
Zitat von JaIchBinEsSeltsamerweise haben Leistungsdefizite im Profifußball andere Konsequenzen als z.B. in einem mittelständischen Betrieb. Dort werden, wenn der Laden schlecht läuft, eher Mitarbeiter entlassen, als z.B. der Geschäftsführer. Warum soll man sich nicht auch von aktiven Spieler in einem Verein trennen, wenn diese schlechte Leistungen zeigen oder nicht ins Team passen. Was ist daran so schlimm, im "Tabellenkeller" zu landen, schließlich ist Fußball ein *Spiel*, wo immer einer verlieren muß, wenn der andere gewinnt. Auch ein Unternehmen kann eine Krise durchlaufen und wieder gestärkt aus dieser hervorgehen. Ob dabei hektische Personalwechsel hilfreich sind, bezweifele ich eher. Tom
Meistens zumindest temporär schon, das ist der Unterschied zu einem konventionellen Unternehmen. Nun ist Babbel doch weg, besonders witzig finde ich die völlig überzogene Berichterstattung der letzten Tage, wie lobenswert und selten es doch sei an seinem Trainer so lange festzuhalten. Dabei haben z.B. Doll oder Klinsmann wesentlich mehr Zeit bekommen. Ich finde, sie hätten den Mann entweder vor ca. 2 Monaten feuern sollen oder noch bis Anfang März halten sollen um erst dann im Falle akuter Abstiegsgefahr einen Feuerwehrmann zu holen. So wie sie es jetzt machten ist es wenig sinnvoll. Kein Ersatz in Sicht, kein klares Saisonziel mehr.
hajott59, 06.12.2009
5. Verantwortung
Na ja, der Herr Babbel hat ja sicher auch ein Wörtchen mitgesprochen, als die Gomez-Millionen in Neuzugänge investiert wurden. Und die haben halt bisher nichts gebracht. In so einer Situation geht immer zuerst der Trainer, das ist nun mal so üblich. Obs was bringt steht auf einem anderen Blatt ... die Spieler sind ja immer noch die selben. Als KSC-Fan habe ich dasselbe ja bei meinem Klub auch erlebt, da hat der Trainerwechsel auch keine Wunder bewirkt. Aber auch als "Badener" wünsche ich dem VFB am Mittwoch viel Erfolg und hoffe, daß sie da unten wieder rauskommen.
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