Medikamentenmissbrauch im Sport Das Schmerzmittelproblem des deutschen Fußballs

Eine Recherche von ARD und Correctiv zeigt, dass der Missbrauch von Schmerzmitteln im Fußball offenbar gang und gäbe ist. Spieler und Vereine nehmen damit hohe Risiken in Kauf.
Im deutschen Fußball ist der Einsatz von Schmerzmitteln zur Leistungssteigerung offenbar Alltag

Im deutschen Fußball ist der Einsatz von Schmerzmitteln zur Leistungssteigerung offenbar Alltag

Foto: Emily Wabitsch/ picture alliance / dpa

Stollenschuhe wandern in die Sporttasche, Hose und Shirt - zum Schluss die Tablettenpackung. Sie ist so selbstverständlich wie Duschgel und Wechselsachen. Ein Ausschnitt aus dem Alltag von Spielern, so scheint es. Denn der deutsche Fußball hat offenbar ein Problem: Es ist der Missbrauch von Schmerzmitteln, vermeintlich harmlosen Pillen zur Leistungssteigerung – mit teils fatalen Langzeitfolgen.

Zu diesem Schluss kommt eine Recherche von der ARD-Dopingredaktion und der Rechercheredaktion Correctiv , die am Abend (22.45 Uhr) in der ARD  ausgestrahlt wird.

In der Dokumentation  kommen aktuelle und ehemalige Spieler, Ärzte und Wissenschaftler zu Wort. Neven Subotic ist einer der Gesprächspartner. Er ist in seiner Karriere schon mit Borussia Dortmund Deutscher Meister geworden. Aktuell spielt der 31-Jährige beim 1. FC Union. Er hat in der Vergangenheit oft Missstände angeprangert – auch gesellschaftliche, wie den Umgang mit Geflüchteten. Zuletzt auch die Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Coronakrise. Nun erhebt er auch beim Thema Medikamentenmissbrauch schwere Vorwürfe.

 "Was ich in den letzten 14 Jahren mitbekommen habe, Ibuprofen wird wie Smarties verteilt", sagt er.

Neven Subotic

Neven Subotic

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Britta Pedersen/ dpa

Die Gründe, warum Spieler Schmerzmittel nehmen, sind offenbar unterschiedlich. Sie werden nicht nur gegen akute Schmerzen genommen, sondern auch als Vorsorge. Man nimmt sie, weil man Mitspieler nicht im Stich lassen oder weil man seinen Platz im Team verteidigen will. Auch Leistungssteigerung ist ein Thema. Die Eigenmotivation ist dabei offenbar ebenso ausschlaggebend wie der Druck von Trainern und Außenstehenden.

Ein Problem ist Selbstmedikation – umso mehr, weil viele Präparate in Deutschland frei verkäuflich sind. Thomas Frölich, Teamarzt des Bundesligisten TSG Hoffenheim, sagt: "Es ist nicht immer einfach, weil manchmal die Spielerinteressen und die medizinischen Interessen auseinanderweichen, oder die Trainerinteressen und die medizinischen."

Aufklärung kommt zu kurz

Auch die Spieler berichten vom Druck, trotz Schmerzen zu spielen, nach Verletzungen schneller zurückzukommen. Dabei gebe es bisweilen eine falsche Glorifizierung von Profis und ihrer Einstellung - von "harten Männern", die "die Zähne zusammenbeißen".

"Im Fußball kommen immer wieder auch diese Machosätze, um den Spielern ein schlechtes Gewissen zu geben, wenn sie sich nicht überwinden mit Verletzung oder mit Schmerzmitteln zu spielen", sagt Subotic. Welche Vorbildfunktion oder Signalwirkung das gerade im Profibereich hat – ob auf jüngere Spieler oder Amateure -, das wird offenbar nicht hinterfragt.

Auch die Aufklärung über Risiken und Nebenwirkungen kommt laut Subotic zu kurz. "Es heißt dann immer, wenn du spielen willst, kannst du das nehmen, dann fühlst du dich gut und dann spielst du. Und das war's." Die Vereine würden die Spieler schnell wieder zurück auf den Platz bekommen wollen, sagt Subotic. Fehlt es an Sensibilisierung? Eine Anfrage von ARD und Correctiv bei den 18 Bundesligaclubs bleibt ohne konkrete Antworten.

Ivan Klasnic lebt mit seiner dritten Spenderniere - mutmaßlich wegen Schmerzmittelmissbrauchs

Ivan Klasnic lebt mit seiner dritten Spenderniere - mutmaßlich wegen Schmerzmittelmissbrauchs

Foto: Thorsten Wagner/ Bongarts/Getty Images

Schmerzmittel sollen eigentlich Fieber senken, Entzündungen hemmen, Schmerzen betäuben. Wenn sie richtig dosiert sind. Bei übermäßigem Konsum aber können die Folgeschäden verheerend sein. Ivan Klasnic ist der bekannteste Fall im deutschen Profifußball. Der ehemalige Profi von Werder Bremen hat inzwischen seine dritte Spenderniere nach Monaten der Dialyse. Er soll in Bremen über Jahre Schmerzmittel bekommen haben, er wirft dem Mannschaftsarzt fehlerhafte Behandlung vor. Der Fall ist seit 2008 vor Gericht.

Schmerzmittel erhöhen Herzinfarktrisiko erheblich

Neben Nieren- ist im Film auch von Magenschäden die Rede. Von Spielern, die Blut spucken, sich erbrechen wegen unkontrolliertem Einsatz von Medikamenten – und von unerklärlichen Todesfällen. Eine Studie aus Dänemark erkennt sogar einen Zusammenhang zwischen Schmerzmitteln und Herzversagen.

"Es gibt eine klare Verbindung zwischen dem Tod durch Herzattacke und dem Gebrauch nicht steroidaler, entzündungshemmender Mittel", sagt Gunnar Gislason. Er ist einer der Forscher, die sich mit den Risiken für das Herz beschäftigen. Dazu gehören laut dem Forscher etwa Ibuprofen und Diclofenac, die das Herzinfarktrisiko um bis zu 30 bzw. 50 Prozent erhöhten. Schmerzmittel können demnach töten, und beide Präparate sind in Deutschland frei verkäuflich.

Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) zeigt man sich angesichts der Rechercheergebnisse "betroffen". DFB-Präsident Fritz Keller nennt die präventive Einnahme von Medikamenten "einfach Dummheit". Auf die Frage, ob der DFB das Problem vernachlässigt habe, sagt Keller: "Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem."

Sind Schmerzmittel Doping?

Schmerzmittel sind im Sport in der Regel nicht verboten. Auch nicht nach den Antidoping-Bestimmungen. Doch einige Experten fordern nun, das zu ändern. Die Begründung: Die Motive, Schmerzmittel zu nehmen, seien die gleichen wie bei Sportlern, die dopen – es geht um unnatürliche Leistung. Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada hat das bislang allerdings nicht so eingestuft.

Dabei sind nach Ansicht des Kölner Dopingforschers Hans Geyer alle Kriterien erfüllt. Es geht um Leistungssteigerung und Gesundheitsgefährdung. "Man kann bessere Leistungen bringen, als man normalerweise erbringen könnte, wenn man Schmerzmittel nimmt. Und die Nebenwirkungen von Schmerzmitteln können gravierend sein." Und da ist der Verstoß gegen die Ethik des Sports. "Wenn man nur noch Sport treiben kann, indem man Schmerzmittel oder Medikamente nimmt, dann ist das schon sehr merkwürdig."

Anmerkung der Redaktion: Die Autorin hat im vergangenen Jahr an der Recherche von ARD-Dopingredaktion und Correctiv mitgearbeitet.

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