Niedergang des 1. FCK Vom Starensemble zur Schießbude

Ende der Neunziger tummelten sich Stars wie Mario Basler, Lincoln und Ciriaco Sforza am Betzenberg. Doch die Prominenz konnte den Niedergang des Clubs nicht verhindern. Der aktuelle Vorstand setzt auf alte Tugenden und eine Millionenoption, um dem endgültigen Absturz zu entgehen.

Von Dirk Gieselmann, Benjamin Apitius und


Schon in der ersten Saison, nachdem die Finanzkrise beim 1. FC Kaiserslautern ans Licht gekommen war, zeigte die sportliche Entwicklungskurve steil bergab. Die Chronik der Saison 1998/99 liest sich wie eine Aneinanderreihung von Missgeschicken: Mit 0:4 kickte der FC Bayern die Lauterer aus dem Champions-League-Viertelfinale. Eine erneute Qualifikation verpassten sie. Das aus dem Kader herausstechende Talent Michael Ballack wurde von Rehhagel bei jeder Gelegenheit rasiert. Entnervt wechselte Ballack nach dieser Spielzeit zum Konkurrenten Bayer Leverkusen.

Fakt ist, nicht nur Friedrich hatte nach der Meisterschaft 1998 den unbedingten Wunsch, die Erfolge auszubauen. Axel Roos bilanziert: "Otto Rehhagel sagte: 'Wir brauchen bessere Spieler'." Und alle kamen: Sforza, Djorkaeff, Lincoln, Basler, Ramzy. Doch Rehhagels Stars waren auch sein schleichendes Ende. Ciriaco Sforza zettelte einen Kleinkrieg mit dem autoritären Übungsleiter an und wurde nach einer Suspendierung schließlich vom Vorstand zurück ins Team befohlen.

Basler fiel immer mehr durch Disziplinlosigkeiten auf. Er brach ein Tabu, als er anfing, im Kabinengang zu rauchen. Rehhagels Autorität litt. Als dann auch noch die Erfolge ausblieben, verwandelte sich die "Ottokratie" in Isolation. Selbst sein einstiges Wohnzimmer, der Betzenberg, war ein unwirtlicher Ort geworden, längst hingen überall Anti-Otto-Transparente. Am 2. Oktober 2000 bat Rehhagel den alten Kumpel Jürgen Friedrich, ihn seines Amtes zu entbinden.

Eine Notlösung wurde ersonnen: Andreas Brehme als Team-Manager installiert und Reinhard Stumpf, bisheriger Rehhagel-Assistent, ihm als Trainer zur Seite gestellt. Ein Duo, das der Herkulesaufgabe, die Mannschaft zu befrieden, nicht gewachsen war. Stumpf: "Bis Freitagnachmittag habe ich das Zepter geschwungen, dann wurde es mir abgenommen, und Samstag liefen Leute auf, denen ich Freitagvormittag die Ersatzbank prophezeit hatte. So kann ein Trainer nicht arbeiten."

Mitten im Chaos traf Wieschemann eine folgenschwere Entscheidung. Er brachte den Schweizer René Jäggi, vormals Präsident des FC Basel, Adidas-Chef und Sanierer des gestrauchelten Hausschuh-Giganten Romika, als Nachfolger von Friedrich ins Spiel. Ein Zynismus des Schicksals. Denn ausgerechnet der Eidgenosse begann nun, das Geschäftsgebaren seiner Vorgänger minutiös zu durchleuchten.

Zwei Welten prallten aufeinander: Der machtbewusste, misstrauische Jäggi gegen den fintenreichen Fußballer Friedrich, der nach Ansicht der Gerichte auch mal eine Vereinbarung traf, die über den Vertrag hinausging (Zitat: "Ich kann doch nicht jedem Hansel einen Detektiv ins Ausland hinterherschicken"). Jäggi wollte Planungssicherheit, weswegen er den Sachen auf den Grund ging.

Friedrich hingegen glaubt, der Schweizer habe erst nach Amtsantritt die Schwere der Aufgabe erkannt und deshalb versucht, die erfolgreichen Vorgänger in Misskredit zu bringen. Friedrich: "Es ist in der Wirtschaft Regel, möglichst den Erfolg anderer nach unten zu treten." Heute betrachtet er es als seinen größten Fehler, aus gekränkter Eitelkeit beim FCK hingeschmissen zu haben. Er hat allen Grund dazu.

Denn der Schweizer nahm sich drei Monate Zeit, um sich einzuarbeiten, und kam aufgrund des Gutachtens des Wirtschaftprüfers PwC zu dem Schluss, dass der FCK am Rande der Insolvenz stehe. Um die Liquidität zu sichern, wurden die Transferrechte an Miroslav Klose, dem Kronjuwel des Vereins, für fünf Millionen Euro an die Toto-Lotto-Gesellschaft Rheinland-Pfalz abgegeben.

Nachdem das Gutachten auch ermittelt hatte, dass möglicherweise in der Zahlung für Persönlichkeitsrechte verdeckte Gehaltszahlungen liegen könnten, erstattete Jäggi als Verantwortlicher des FCK Selbstanzeige beim Finanzamt Kaiserslautern. Im Februar 2003 schloss er mit dem Finanzamt eine "tatsächliche Verständigung" und zahlte freiwillig Steuern in Höhe von 8,9 Millionen Euro nach.

Damit wurden der Stadionverkauf und der des vereinseigenen Trainingsgeländes Fröhnerhof unumgänglich. Über Nacht war das Tafelsilber dahin. Die Krux an der Geschichte: Nach einem Urteil des Landgerichts aus dem Jahr 2005 zahlte der Club dem Fiskus damals 7,9 Millionen Euro zuviel. Damit müssten der Verkauf der Arena – und die daraus resultierenden enormen Belastungen für den FCK heute – nachträglich in Frage gestellt werden.

Das bestätigt auch der seit November 2007 als Berater des Vorstands fungierende Hans-Artur Bauckhage. Weder Jäggi noch Erwin Göbel, sein Nachfolger als Präsident, haben seit dem Urteil des Landgerichts daran gedacht, sich die zuviel gezahlten Steuern rückerstatten zu lassen. Es würde das gesamte Sanierungskonzept des vermeintlichen Retters nachträglich in Frage stellen.



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